Ilse Deppe hat zwei von Grimms Märchen »up platt« übersetzt Vertraute Geschichten, neuer Klang

Halle(WB). Luie, de man daut kuiert, liewet länger, seggt man: Leute, die man totsagt, leben länger. Das gilt wohl und hoffentlich auch fürs Plattdeutsche. In die fast schon totgesagte, aber bildgewaltige »Feierabend-Sprache« auf dem Land hat Ilse Deppe (79) zwei Märchen aus dem Grimmschen Schatz übertragen.

Von Klaudia Genuit-Thiessen
Die ersten Sätze hat Ilse Deppe schon vor Jahren ins Plattdeutsche übertragen. Dann ging plötzlich alles recht schnell. Obwohl für manche Sätze ganz neue Formulierungen gefunden werden mussten. »Up platt« ist man so frei.
Die ersten Sätze hat Ilse Deppe schon vor Jahren ins Plattdeutsche übertragen. Dann ging plötzlich alles recht schnell. Obwohl für manche Sätze ganz neue Formulierungen gefunden werden mussten. »Up platt« ist man so frei. Foto: Klaudia Genuit-Thiessen

Mit »Schneiwittken und Reosenraut« und den »Bremer Stadtmusikanten« aus den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm hat die Hausfrau aus Omßen (Amshausen) beim Vortrag in der plattdeutschen Runde der Volkshochschule Ravensberg einen großen Erfolg erzielt. Zu Weihnachten soll vielleicht »Sternentaler« folgen.

Ein kleiner Auszug

Das plattdeutsche Märchenbuch kann bestellt werden unter der ISBN-Nummer 978-3-00-035163-1. Hier ein Auszug:

»Do wass moal ssonen aulen Iarsel. De hadde ümmer ssuine Pflicht doan und schwoare Ssäcke no de Mürlen driargen. Niu woll hei owwer nich no upteuben, dat se en villichte ümme de Ecke bringen wolln. Un dorümme make hei sich up den Wech no Bremen, do wolle hei Stadtmusikant wärn. Oss hei ne Tuitlang laupen was, hett hei nen Ruin fiunden, der auck ault un hürmelich was. Und nemn biaden läder wass do auck noch ne Kadden, de keine Miuse mer packen konne. Und tolest was do auck no nen Hahne, de einlich in nen Suppenpott sollte. Den hätt se auck no metnomen. Un se wollen olle tohaupe in Bremen Stadtmusikanten wärn.«

Schneeweißchen und Rosenrot erzählt bekanntlich die Geschichte einer Mutter mit zwei sehr lieben Töchtern, die den Rosenstöcken vor dem Haus ähneln. Eines Tages »stund nen grauten Petz vor de Duier« – stand ein großer Bär vor der Tür. Die Mädchen fassen Zutrauen, was auch dem Bär behagt. Nur wenn sie es beim gemeinsamen Spiel zu bunt treiben, brummt er: »Lasst mich am Leben, ihr Kinder. Schneeweißchen, Rosenrot, schlägst dir den Freier tot« – in den Worten von Ilse Deppe: »schlor ni den Leiwsten daut«.

Schellen und jaulen

Eines Tages finden die Mädchen im Wald einen Zwerg, der seinen Bart im Holz eingeklemmt hat. Als ihm die beiden »Luidens« helfen und den Bart abschneiden, fängt er an zu schimpfen. »Schellen und jaulen«, heißt es up Platt. Der Bär – ein verwünschter Prinz – muss die Mädchen schließlich vor der gierigen und undankbaren Märchengestalt retten.

»Das muss frei übersetzt werden. Es geht nicht anders«, sind sich Ilse Deppe und Margret Krullmann, die Leiterin der Plattdeutschen Runde, einig. Vor allem müssen die Satzglieder »nen Tacken« umgestellt werden, also ein Stück.

Warteliste fürs Platt-kuieren

Die ersten Sätze des Märchens hat Ilse Deppe schon in den 80er Jahren ins Plattdeutsche übersetzt. Damals hat Margarete Siebert, die einstige Vorsitzende des Heimatvereins Hörste, die Runde noch geleitet. Vor kurzem hat die gebürtige Oesterwegerin – Eusterweg heißt es up Platt – sich noch einmal dran gesetzt. Und weil es solchen Spaß machte, hat sie gleich das nächste Märchen angepackt, die Bremer Stadtmusikanten. Zur Begeisterung der Plattduitsken Runde übrigens. Die übrigens nicht nur »ssapt«, sondern sich ernstlich um die Erhaltung der Mundart bemüht. Nebenbei bemerkt: Es gibt eine kleine Warteliste von Leuten, die ebenfalls gern Platt kuiern würden. Oder es ein bisschen lernen wollen.

Plattdeutsch war einmal die Sprache der Hansestädte, und die Kaufleute haben Handelskontrakte und Briefe auch auf Platt geschrieben. Allerdings forderte die Preußische Regierung Mitte des 19. Jahrhunderts alle Lehrer ultimativ auf, in der Schule und auf den Dörfern unnachgiebig und streng auf die Durchsetzung des Hochdeutschen zu achten, wie Heimatforscher Friedel Schütte in einem 1990 in Bielefeld erschienenen Beitrag »Platt ist nicht platt« schreibt.

Nicht zu übersetzen

Schon in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts soll nachgewiesen worden sein, dass das Plattdeutsche nahezu doppelt so viele Wörter beziehungsweise Grundbegriffe habe wie Hochdeutsch. Platt ist laut Schütte bildreicher als das Hochdeutsche, aber nicht nutzbar für »Zustände und Vorgänge der Neuzeit«. Hingegen sei es unübertrefflich bei der Be- und Umschreibung, Darstellung und phantasievollen Ausgestaltung dessen, »was mit Familie und Gemeinschaft, Landschaft, Landwirtschaft, Handwerk, Handel und kirchlicher Tradition zu tun hat, was Mensch, Tier und Umwelt angeht.« Plattdeutsch sei die Sprache der Region – unsere Herzenssprache.

Das findet auch Ilse Deppe: »Mit meinen Schwestern habe ich immer Platt gesprochen. Als das nicht mehr ging, bin ich zur VHS, damit ich nen Mumpfel Platt kuiern kann.«

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