Kabarettistin Simone Fleck gastiert mit »Nacktgeflüster« in Halle Oma lehrt die Jugend das Fürchten

Halle (WB). Sichtlich erleichtert betritt Simone Fleck die Bühne. Offensichtlich hat niemand im Publikum den Titel des Programms zum Anlass genommen, bekleidungslos zu erscheinen: »Nacktgeflüster«.

Von Johannes Gerhards
Simone Flecks Paraderolle ist die boshaft renitente und etwas schlitzohrige Oma Wally.
Simone Flecks Paraderolle ist die boshaft renitente und etwas schlitzohrige Oma Wally. Foto: Johannes Gerhards

Es geht unter dem Motto »Lieber Falten als konturlos« um dahin welkende Körper, den die Wechseljahre einleitenden Dekowahn, in wurstpellenartige Funktionskleidung eingezwängte, spät berufene Ausdauersportler und die Devise »Turne in die Urne«. Für letzteres ist Oma Wally zuständig, dargestellt als bitterböse Karikatur aus dem Altenheim. Den Figurenwechsel vollzieht Simone Fleck auf offener Bühne.

Seniorin greift Ohrstöpsel-Jugend an

Ausgestattet mit einem viel zu weiten Mantel, Krückstock und »Leihgebiss Größe unisex« zieht die boshaft und hämisch kichernde alte Dame ordentlich vom Leder. So fährt sie den durch Ohrstöpsel und Smartphone der realen Welt entrückten Teenagern mit schelmischem Genuss und voller Absicht per Rollator in die Hacken, um anschließend auf unschuldig tüddelig zu machen.

Wandelbare Simone Fleck: Susi (links) hat ein eher schlichtes Gemüt, liebt schnelle Autos und schnelles Essen. Foto: Gerhards

Ihre Freundinnen in der Seniorenresidenz sind »Walpurga«, »Bridschitte« und »Lizzy«. Während die eine ein charakteristisches Gefäß aus der Männerabteilung mit einem Weindekanter verwechselt, räumt die andere mit diebischen Vergnügen die weihnachtliche Krippendekorationen ab und beruft sich dabei auf ihren altersbedingten »Tatterich«, auch bekannt als Altersheimkarate.

Simone Fleck hat mit Susi eine weitere Figur im Gepäck, die sich am liebsten »auf vier gesunden Reifen« bewegt und im Gegensatz zum erst jüngst gefundenen ökologisch ausgerichteten Ehemann Sascha die Fast-Food-Ernährung bevorzugt. Sie findet es toll, wenn wenigstens das Handy noch hinter ihr her pfeift und bevorzugt neben Gütertrennung im Kühlschrank auch zwei getrennte Waschmaschinen, damit die Einzelteile ihres Paillettenkleides nicht wieder in der Unterhose des Gatten landen.

Wenn Schminke länger hält als Beziehungen

Fein beobachtet und persifliert dargestellt ist auch die namenlose Handytussi. Deren Gesprächen ist zu entnehmen, dass ihre Schminke länger hält als ihre Beziehungen. In den verschiedenen Rollen bezieht Simone Fleck immer wieder das Publikum mit ein und baut dessen Vorgaben schlagfertig zu weiteren Pointen um. Zudem überzeugt sie auch mit körperlicher Präsenz beim Breakdance der »Omma aus‘m Heim«.

Sie beendet ihr Programm mit dem Zitat des brasilianischen Arztes Drauzio Varella, der sinngemäß gesagt hat: »Die Menschen geben heute mehr Geld für Silikonbrüste und Potenzmittel aus als für Demenzforschung. So kommt es, dass sie zwar funktionierende Sexualorgane haben, aber nicht mehr wissen, was sie damit machen sollen«.

Mehr von Simone Fleck ist auf der CD »Früchtetee« und in ihren beiden Büchern »Eine Frau wird erst schön durch die Pfanne« und »Körperwelken« erschienen.

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