Historikerin aus Halle widmet sich »Alten Kämpferinnen« der NSDAP Was Frauen an Hitler faszinierte

Halle (WB). Was hat die »Alten Kämpferinnen« der NSDAP an Adolf Hitler fasziniert? Warum haben sich Frauen von 17 bis 70 der Partei verschrieben? 80 Jahre haben ihre Bekenntnisse im Archiv gelegen. Jetzt hat die Historikerin Dr. Katja Kosubek aus Halle drei Dutzend Lebensschilderungen von NS-Frauen ausgewertet.

Von Klaudia Genuit-Thiessen

Joseph Goebbels hält im Herbst 1928 in Berlin seine erste große Rede als Gauleiter der NSDAP – ausgerechnet in den Pharus-Sälen, dem angestammten Versammlungslokal der Kommunisten im »roten Wedding«. Eine Kampfansage. Die Schwestern Klara Petersson und Hedwig Eggert fiebern im Publikum mit, als die ersten Biergläser fliegen und eine blutige Schlägerei losbricht. Die Krankenschwester Erika Ullmann wird auf die Bühne gerufen, um dort verletzte SA-Männer zu verbinden.

Diese drei Frauen schildern ihre Erlebnisse 1934 im Rahmen eines Schreibwettbewerbes zum Thema »Warum ich vor 1933 in die NSDAP eingetreten bin«. Angestoßen hat den Wettbewerb der polnisch-amerikanische Soziologe Theodore Abel, der schon damals zum Aufstieg der NS-Bewegung forschte und so Datenmaterial sammelte. Er nutzte nur die männlichen Erinnerungen.

Mütter, Krankenschwestern, Schreibkräfte

Unter den 584 bis heute erhaltenen Zuschriften waren aber auch die von 36 Frauen: Mütter, Krankenschwestern, Schreibkräfte. »Sie haben erstaunlich unbefangen und lebensvoll von den Straßen der jungen Weimarer Republik berichtet. Beispielsweise darüber, wie sie den Postboten mit in die Küche genommen und Propaganda gemacht haben, während die Milch überkochte«, erzählt Dr. Kosubek.

Die 46-jährige Historikerin hat die autobiographischen Essays aus der Frühzeit des Nationalsozialismus jetzt erstmals in ihrer Dissertation veröffentlicht. Die Quellen-Edition »Genauso konsequent sozialistisch wie national – Alte Kämpferinnen der NSDAP vor 1933« ist herausgegeben von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg.

Durch Mund-Propaganda bereiteten sie den Boden

»Ich wollte verstehen, warum und wie Frauen mitgemacht haben«, sagt die Autorin, die Motive ebenso untersucht hat wie Handlungsräume und Aktivitäten. Un­ter den Verfasserinnen seien starke, emanzipierte Persönlichkeiten gewesen, die im Schatten dieser Männerpartei eine stabile Basis aufgebaut, Fahnen und Uniformen genäht haben. Katja Kosubek will nachvollziehen können, was an der NS-Bewegung und -ideologie attraktiv war.

Überrascht hat die Historikerin festgestellt, dass viele der »Alten Kämpferinnen« aus deutsch-nationalen, sehr patriotischen Elternhäusern kamen. Viele Verfasserinnen waren fasziniert von der Idee der »Volksgemeinschaft« und wollten sich – wie Männer – für ihr Vaterland einsetzen. Durch Mund-Propaganda bereiteten sie den Boden für Hitlers Aufstieg. Andere griffen tatkräftiger ein: Die junge Marlene Heder mischte mit ihren Parteigenossen kommunistische Veranstaltungen auf. Erna Stoyke radelte über Land und hamsterte für arbeitslose SA-Kameraden Lebensmittel.

Lesung am 12. September

Im zweiten Teil des 608-Seiten-Buches, das im Wallstein-Verlag erschienen ist und 42 Euro kostet, sind alle Autobiografien nachzulesen, »kostbare Quellen von ›Alten Kämpferinnen‹, die noch nichts wissen von den Ereignissen nach 1934«.

In Halle liest Dr. Katja Kosubek außerdem am Dienstag, 12. September, um 20 Uhr im Bürgerzentrum Remise.

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