Befreiung vom Überfluss: Professor Niko Paech wirbt für »Postwachstumsökonomie« Wenn Wohlstand unglücklich macht

Halle (WB/mat). Eine Wirtschaft ohne Wachstum ist in der heutigen Welt kaum vorstellbar. Da ist es kein Wunder, dass Niko Paech skeptische Blicke erntet, als er von der »Postwachstumsökonomie« berichtet, die mit Selbstversorgung und einer 20-Stunden-Woche auf manchen wie eine Rückkehr ins Mittelalter wirkt.

Wirtschaft ohne Wachstum? Professor Niko Paech von der Universität Siegen klärt über eine außergewöhnliche Form der zukunftsorientierten Wirtschaft auf.
Wirtschaft ohne Wachstum? Professor Niko Paech von der Universität Siegen klärt über eine außergewöhnliche Form der zukunftsorientierten Wirtschaft auf. Foto: Sara Mattana

Der Professor der Universität Siegen propagiert den Rückgang des Konsums nicht als Rückschritt, sondern als dringend notwendiges gesellschaftliches Umdenken. »Befreiung vom Überfluss« lautet sein Credo, das er den Zuhörern der VHS-Veranstaltung näherbringt. Er sieht das größte Problem der Wachstumszwänge auf der Nachfrageseite: »In unserer Konsumgesellschaft hängt unsere Identität von materialistischen Dingen ab. Es kommt nicht mehr auf die Person an, sondern darauf, ob auf dem Deckel des Klapprechners ein angebissenes Obst abgebildet ist.«

Erneuerbare Energien sollen Erdöl ersetzen?

So werde eine kultursoziologische Dynamik entfacht, sobald ein neues Produkt auf den Markt kommt: »Erst lachen alle, dann benutzen es immer mehr Leute, dann muss man nachrüsten, um mitzuhalten«, sagt Niko Paech, der mit diesem wachstumskritischen Ansatz einen Gegensatz zum »grünen Wachstum« vertritt: »Dabei soll nirgends gespart, sondern nur der Bedarf an ökologischen Ressourcen reduziert werden, die für die Produktion notwendig sind. Wer aber ernsthaft glaubt, man könne Erdöl durch regenerative Energien ersetzen, müsste eigentlich zum Arzt.«

Er stelle sich keinesfalls gänzlich gegen den Konsum, betont Paech. Vielmehr sei es neben den Konsequenzen für die Umwelt auch eine psychische Komponente, die zu einem Umdenken führen sollte: »Wohlstand kann die Zufriedenheit angreifen. Allein in den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Antidepressiva-Verschreibungen verdoppelt und Burnout, digitale Demenz und Reizüberflutung werden häufiger«, sagt der 56-Jährige. Er möchte ein Kulturmodell schaffen, das auch für andere Länder erreichbar ist. Andere Kulturen fühlten sich rückständig, weil sie sich nicht über Materielles und Wohlstand identifizieren. Um Ressourcenknappheit entgegenzuwirken, für die eigene Gesundheit zu sorgen und auch ein besseres Verständnis zwischen den Kulturen zu fördern, sieht Paech die Lösung in einer Wirtschaft ohne Wachstum.

Konsum soll wieder glücklich machen

Was absurd klingt, füllt der Experte mit Leben: »Der Konsum muss wieder aufgewertet werden. Man kann wahres Glück nur finden, wenn es langsam zelebriert wird. Je weiter sich unser Wohlstand vom Existenzminimum entfernt, desto mehr Stress haben wir, weil wir überfordert sind.« Die Industrieproduktion sei nicht komplett abzuschaffen, aber langsam zu reduzieren, damit sich Regionalökonomie durchsetze.

Ergänzt werden soll dies durch einen hohen Anteil an Selbstversorgung – sei es im heimischen Garten oder beim eigenständigen Reparieren von Geräten. »Dafür hätte man dann Zeit, da eine 20-Stunden-Woche angestrebt wird«, meint Paech. Es blieben 20 Stunden marktfreie Zeit, die für die Lokalökonomie genutzt werden können. »Deshalb könnte man auch mit weniger Einkommen auskommen«, sagt Niko Paech.

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