350 Gegendemonstranten übertönen Kundgebung der Rechten Neonazis kommen akustisch nicht durch

Halle (WB/kg). Die Mikros der Rechten sind sicher besser. Aber was sie sagen, kann kaum jemand verstehen: Gut 350 Gegendemonstranten geben 18 Rechtsextremen am Samstag lautstark zu verstehen, dass sie in Halle nichts zu melden haben.

Die Rechten sollen nicht zu hören sein. Das haben sich viele Haller vorgenommen und ihren Plan mit Trillerpfeifen, Buh-Rufen und lautstarkem »Ihr könnt nach Hause fahren« umgesetzt. Die beiden Demo-Lager waren mit Gittern auf 20 Meter Abstand gehalten.
Die Rechten sollen nicht zu hören sein. Das haben sich viele Haller vorgenommen und ihren Plan mit Trillerpfeifen, Buh-Rufen und lautstarkem »Ihr könnt nach Hause fahren« umgesetzt. Die beiden Demo-Lager waren mit Gittern auf 20 Meter Abstand gehalten. Foto: Genuit-Thiessen

Die Nachricht von der geplanten Kundgebung der Rechten »Gegen Masseneinwanderung und Asylmissbrauch« hat in Halle ein bürgerliches Lager auf den Plan gerufen, eingeladen von Linken und SPD, Grünen und Kirchen. Schon eine Stunde, bevor ein Bus und ein roter Opel 18 dunkel gekleidete Personen entlassen, hat sich die Gegenbewegung an der Ecke Bahnhofstraße/Kättkenstraße formiert. »Nazis raus!« skandieren die Haller unter dem Motto »Kein Fußbreit den Faschisten« und rufen »Ihr könnt nach Hause gehen.«

»Was wollen die hier«, fragt auch Bürgermeisterin Anne Rodenbrock-Wesselmann, als sie sich durch die abgesperrte Stadt zum Rathaus vorgearbeitet hat. Sogar ausweisen musste sie sich. Sicherheitshalber hat die Polizei starke Kräfte zusammengezogen. So viele Streifenwagen und Mannschaftstransporter hat Halle seit den Mordfällen Graf und Obst nicht mehr gesehen. Jetzt zeigt die Polizei nicht nur am Rathaus Präsenz, wo rot-weiße Absperrungen die beiden Demonstrantenlager auf Abstand halten. »Wir sind gut aufgestellt. Die Polizei ist auf alles vorbereitet«, sagt Sprecherin Corinna Koptik, während Beamte der Beweissicherung eine Kamera in Stellung bringen.

Großes Polizeiaufgebot in Halle. Etwa 200 Einsatzkräfte rückten an. Foto: Küppers

Eine ganze Polizei-Eskorte begleitet das zahlenmäßig äußerst überschaubare rechtsradikale Trüppchen vom Bus an der Ravensberger Straße auf den schattigen Rathaus-Vorplatz. Mit Sonnenbrillen, Käppis, schwarzen Bomberjacken und Parkas haben sich die »Nationalisten« um den Bielefelder Sascha Krolzig optisch für ihren Aufmarsch in Szene gesetzt. Jetzt wirken sie fast verloren auf dem kalten, leeren Platz und versuchen, sich wenigstens in Sichtweite der Haller zu positionieren. Sie schwenken ein schwarzes Banner mit der Aufschrift »Wir sind das Volk« und die schwarz-weiß-rote Fahne der Neonazis. Aber als Krolzig »Fakten und Zusammenhänge« zum Thema Asyl anbietet, von staatlicher Ordnung spricht und den Kölner Ereignissen, ist sein Ton moderat, geradezu einladend. Zur »allgemeinen Unterhaltung« singt ein »Kamerad, der sich der Rebell nennt« zur Klampfe. Als ein anderer Wortführer ihn ablöst, hat sich die Rhetorik deutlich verändert. Provozierend nah an den Gegendemonstranten hetzt er mit eindeutigem Vokabular.

»Die Rechten« packen ein. Foto: Genuit-Thiessen

Wenige Meter weiter ist das Getöse allerdings so laut, dass kein Mensch etwas versteht. Es will auch niemand zuhören. »Eigentlich sollte man die paar Rechten gar nicht beachten: einfach die Türen zumachen und nachher die Straße fegen«, schlägt jemand vor. Viel aufmerksamer als dem lauten Ton des rechten Wortführers hat die Menge zuvor der Bürgermeisterin und anderen Rednern zugehört – trotz aller Technikprobleme. Statt Hassparolen zu lauschen sollten die Bürger lieber Kontakt zu Flüchtlingen aufnehmen und deren Lebens- und Leidensweg kennenlernen, sagt Anne Wesselmann. »Als Christen stellen wir uns an die Seite der geflüchteten Menschen«, ruft Pastor Nicolai Hamilton ins Megafon und erinnert daran, dass Jesus Flüchtling und Ausländer war. Eine persönliche Begegnung mit Flüchtlingen und damit vielleicht auch »mit einzigartigen Persönlichkeiten ist eine Bereicherung für uns«. Der Männerkreis um Horst Bruning und Werner Krauss hat vor der Demo noch in aller Eile ein Transparent zusammengezimmert. Mit »Vielfalt statt Einfalt« setzen auch die Ehrenamtlichen und das KGH ein Zeichen.

»Rechtes Gedankengut hat in Halle keinen Platz«, sagt Grünen-Sprecher Michael Brune. Er erinnert an die Grundwerte der christlich-demokratisch geprägten Gesellschaft und fordert, dem »wirren und realitätsfremden Gedankengut der braunen Ideologen« keinen Raum zu geben.

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