Volkswirtschafts-Student Felix Vemmer bereitet sich auf ein dreimonatiges Semester auf einem Kreuzfahrtschiff vor Lernen auf dem schwimmenden Campus

Halle/Künsebeck(WB).  Statt Cocktails zu schlürfen, wälzt Felix Vemmer auf seiner Kreuzfahrt Bücher. Der 22-jährige Haller studiert an Bord der ehemaligen »MS Deutschland«.

International ist Felix Vemmer (rechts) schon lange unterwegs. Mit Freunden aus dem Libanon, Nigeria und Syrien  war der Student schon  in den USA und Kanada auf  Erkundungstouren.
International ist Felix Vemmer (rechts) schon lange unterwegs. Mit Freunden aus dem Libanon, Nigeria und Syrien war der Student schon in den USA und Kanada auf Erkundungstouren.

Schon mit 17 Jahren verließ Felix Vemmer Halle, baute sein Abitur über ein internationales Schüleraustauschprogramm in Hongkong (wir berichteten) und studierte anschließend in Idaho, Washington und Madrid. Jetzt stürzt sich Felix Vemmer am 12. September in sein hunderttägiges Abenteuer. In diesem »Semester at sea« lernen Vemmer und seine Mitkommilitonen aus aller Welt in gut drei Monaten 13 Städte und elf Länder kennen. »Das ist das perfekte Programm«, sagt der junge weltoffene Student.

Umbau des Luxusdampfers

Nach einem Reederwechsel ist die »MS Deutschland« auf »World Odyssey« umgetauft. Die Studienreise organisiert das Institute for Shipboard-Education. Es handelt sich um eine nicht profit-orientierte Gesellschaft mit Sitz in Charlottesville, Virginia. Der schwimmende Campus wird unter anderem in Neapel, Istanbul, Salvador und Valencia anlegen.

Ein Vierteljahr lang wird das ehemalige ZDF-Traumschiff Vemmers Zuhause sein. Derzeit wird der Luxusdampfer für die 600 Studenten umgebaut. Wo bisher Kreuzfahrer Bälle im Tanzsaal besuchten, den Meerblick aus ihrer Kajüte oder das »Captains Dinner« genossen, entstehen Audimax, Mensa und modern ausgestattete Seminarräume.

Stipendium von 29.000 Dollar

Felix Vemmer hat sich als einer von 600 Anwärtern für ein Stipendium beworben. Neben dem Lebenslauf waren dazu sein Grade Point Average (Notendurchschnitt), ein allgemeines und ein spezielles Motivationsschreiben gefragt. Am Ende zählte der Sohn eines Landwirts zu den 20 glücklichen Stipendiaten.

Dieses Vollstipendium umfasst neben den Studiengebühren auch die Flüge und die Kosten für die verschiedenen Programme. Ohne die dicke Finanzspritze würden die Kosten etwa 29000 Dollar betragen.Eine Summe, die der Sohn eines Künsebecker Landwirtes aus privater Kasse nicht stemmen könnte. So öffnen sich für den angehenden Akademiker der Internationalen Volkswirtschaftslehre Türen, die den meisten Studenten lebenslang verschlossen bleiben.

Lernen statt Urlaub

Ein Semester in 100 Tagen erfolgreich abzuschließen, klingt ambitioniert. »Da wird viel Arbeit auf mich zukommen, es wird bestimmt hart werden«, sagt Vemmer. Wobei er deutlich macht, dass für ihn der Fokus auf dem Lernen liegt. »Die meisten meiner Freunde finden, dass es sich nach Spaß anhört. Als wenn ich 100 Tage Urlaub auf einem Schiff mache. Aber so wird das nicht laufen«, bedauert er.

Dennoch erhofft er sich von dieser Erfahrung auf hoher See neue Perspektiven. Vemmer will noch weltoffener werden. Auch die Chance, andere Länder untereinander zu vergleichen, reizt ihn. Der Blick über den Tellerrand soll ihm zudem helfen, die eigene Kultur kritischer zu hinterfragen.

Fokus liegt auf globalen Themen

Von den Studieninhalten ist Vemmer ohnehin überzeugt. »Die Professoren sollen dort sehr gut sein, denn auch sie müssen sich für eine Stelle auf dem ›schwimmenden Campus‹ bewerben.«. Nach erfolgreich absolviertem Semester erhalten die Studenten ihre Leistungspunkte verliehen. Der Fokus des Programms liegt auf globalen Themen. Auch die Exkursionen sind akademisch ausgerichtet.

Die »World Odyssey« wird in Southampton (Südengland) Anker lichten. »Das freut meine Mutter und meine Großmutter. Sie fliegen mit nach Southampton und verabschieden sich dort von mir«, erzählt Felix Vemmer. Normalerweise bringen sie ihn nur zum Bahnhof und sehen ihn dann erst in fünf bis sechs Monaten wieder.

Praktikum bei Bundestagsabgeordnetem

Vemmer ist es gewohnt, viel von zu Hause weg zu sein. »An Geburtstagen oder Feiertagen, an denen ich nicht zu Hause sein kann, denke ich schon öfter an meine Familie.« Nach dem »Semester at Sea« bleibt er für einen Monat in Berlin. Auch hier ist kein Urlaub geplant. Der zielstrebige Student hat einen Praktikumsplatz im Büro des heimischen CDU-Bundestagsabgeordneten Ralph Brinkhaus ergattert.

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