Gütersloh
Adoption ab der Volljährigkeit

Gütersloh (gl) - Großgezogen werden von Menschen, die nicht die leiblichen Eltern sind: „Für meine Schwester und mich war das ein großes Glück“, sagt Sonja Schulz (19). Weil die leiblichen Eltern nicht erziehungsfähig waren, kamen die beiden Mädchen kurz nach der Geburt in dieselbe Pflegefamilie.

Mittwoch, 06.01.2021, 18:38 Uhr aktualisiert: 06.01.2021, 19:16 Uhr
Ihre Pflegeeltern waren von Beginn an „Mama“ und „Papa“: Die Schwestern Viviana Schulz (links) und Sonja Schulz kamen jeweils kurz nach der Geburt zu ihren Pflegeeltern. „Für uns war das nie ein Problem“, sagen die beiden Studentinnen.

„Mama und Papa – das waren von Anfang an unsere Pflegeeltern“, sagt Viviana Schulz (22). Den Umstand, dass sie mit ihren Eltern nicht verwandt sind, haben die jungen Gütersloherinnen nie als Stigma empfunden.

„Es wurde kein Geheimnis daraus gemacht, dass wir Pflegekinder sind“

 „Es wurde kein Geheimnis daraus gemacht, dass wir Pflegekinder sind“, sagt Sonja Schulz. „Wir hatten nie Probleme damit, und auch unser Umfeld nicht. Es war immer selbstverständlich.“

Ein behütetes und liebevoll umsorgtes Leben: Das haben Kinder, die in die Dauerpflege kommen, in ihrer Herkunftsfamilie nicht gehabt – die Eltern waren in der Regel wegen mehrerer Faktoren mit der Erziehung überfordert, das Wohl der Kinder war gefährdet.

Wie Cousinen und Cousins mit den Geschwistern aufgewachsen

Sonjas und Vivianas leibliche Mutter konnte keins ihrer fünf Kinder bei sich behalten. Die beiden ältesten, heute 25 und 26 Jahre alt, wurden in einer Pflegefamilie groß, die mit Sonjas und Vivianas Pflegeeltern befreundet war. „So sind wir quasi wie Cousinen und Cousin miteinander aufgewachsen“, erzählt die Lehramtsstudentin Viviana.

Bis heute haben die vier Kontakt. „Das ist sehr bereichernd und wie eine erweiterte Familie.“

Unregelmäßiger Kontakt zur leiblichen Mutter

Der Kontakt zur leiblichen Mutter bestand eher unregelmäßig. „Er war für beide Seiten angenehm und wurde gut begleitet“, so Viviana Schulz.

Neun Jahre alt war sie beim ersten Treffen. „Mit den Jahren hat sich der psychische Zustand unserer leiblichen Mutter verbessert. Das war schön zu sehen.“

Dankbar für das Modell Dauerpflege

Die Pflegeeltern erhielten früh das Sorgerecht für die Mädchen. Die Änderung des Nachnamens erfolgte mit dem Schuleintritt. Mit der Volljährigkeit ließ sich Viviana Schulz von ihrer Mutter adoptieren – die Eltern waren nie verheiratet –, bei Sonja steht es kurz bevor.

Ein logischer Schritt, sagt die 19-Jährige, die ein Studium für den gehobenen Polizeivollzugsdienst begonnen hat: „Es war klar, dass wir die Adoption durchführen lassen würden, sobald wir volljährig sind.“ Die Studentinnen sind dankbar, dass es das Modell der Dauerpflege gibt.

Veranstaltungen für Pflegefamilien

Welches Kind zu welchen potenziellen Pflegeeltern passt – das prüfen die Sozialarbeiterinnen vom Pflegekinderdienst der Stadt Gütersloh genau. Sie qualifizieren die Pflegeeltern, betreuen die Pflegeverhältnisse über viele Jahre, stehen allen Beteiligten beratend zur Seite und bieten Veranstaltungen an, auf denen sich Pflegefamilien kennenlernen – vom Sommerfest über Reiten bis hin zum Ausflug für Pflegeväter und ihre Kinder.

Vor allem die Familienwochenenden im Sauerland, wo sie Freundschaften mit anderen Pflegekindern schlossen, fanden die Schulz-Schwestern klasse.

Kein leichter „Rucksack“ aus der Vergangenheit

Nicht zuletzt durch den Austausch mit anderen Pflegefamilien ist Viviana Schulz und Sonja Schulz bewusst, dass viele Pflegekinder einen durchaus nicht leichten „Rucksack“ aus der Vergangenheit mit sich tragen.

Ihr Wunsch an Pflegeeltern: „Sich auf das Kind einlassen, ihm Kraft geben, damit es seine Situation annehmen kann, und es ohne Bedingungen lieben.“ Menschen, die sich vorstellen können, auf Dauer oder auf Zeit ein Pflegekind aufzunehmen, finden weitere Informationen zum Thema im Internet.

Zum Pflegekinderdienst der Stadt

Dort gibt es auch die Kontaktdaten des Pflegekinderdienstes der Stadt Gütersloh. Die Mitarbeiterinnen laden zu einer unverbindlichen Kontaktaufnahme per Telefon oder E-Mail ein und stehen unter 05241/822278 zur Verfügung.

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