Gütersloh
Nora Gomringer: „Ich bin eine wilde Hummel“ 

 Gütersloh (dop) - Man sagt, sie sei putzig, intellektuell, komisch, clever, sprachgewaltig und irgendwie dubios. Nora Gomringer, Lyrikerin, Autorin, Poetry-Slammerin, Opern-Librettistin, Dozentin, Performerin und Leiterin des Internationalen Künstlerhauses  in Bamberg ist ein lebender Nonkonformismus. 

Freitag, 09.10.2020, 20:46 Uhr aktualisiert: 09.10.2020, 21:16 Uhr

Für das Theater Gütersloh hat sie als Auftragsarbeit das Stück „Oinkonomy“ geschrieben, in dem sie die Abgründe lukrativer Massenschlachtung und eines höchst erfolgreichen Fleischwarenhandels, die dem Kreis Gütersloh erst jüngst zu internationaler Bekanntheit verholfen haben, mit einer Tragikomödie neugriechischen Stils mischt. Am Samstag, 17. Oktober, 19.30 Uhr findet die Uraufführung statt. 

Regie führt Christian Schäfer, unter dessen künstlerischer Leitung sich das Theater Gütersloh seit 2014 zum Programmtheater und Produktionsort für moderne Dramatik entwickelt hat. Im Gespräch mit dieser Zeitung verrät die Autorin, die gerade an ihrem Schreibtisch im Bamberger Künstlerhaus sitzt, mehr über das Projekt und sich. 

„Die Glocke“:
Frau Gom. . . 

Gomringer:
Moment! Moment! Ich muss gerade noch was regeln. Hier sind derzeit urlaubs- und coronabedingt vier vakante Arbeitsplätze im Büro. Das ist alles nicht so einfach. Ach, ja, die Schlüssel da kommen nach oben. So, was wollten Sie fragen? 

„Die Glocke“:
Da sage noch einer, Frauen könnten kein Multitasking.

 Gomringer:
Wer sagt denn sowas? Nur wir Frauen können Multitasking. Unser Fehler ist nur, dass wir zu oft „Hier“ schreien – oder uns zu spät ducken.

 „Die Glocke“:
Frau Gomringer, wie ist es zu der Zusammenarbeit mit dem Theater Gütersloh gekommen? 

Gomringer:
Christian Schäfer hatte mich im Frühsommer gefragt, ob ich eine Szene für seine digitale Produktion „Das Theater träumt“ schreiben will. Der Text kam offensichtlich an, deshalb fragte er, ob ich auch ein komplettes Stück schreiben wolle. Da war ich gerade beim Wandern in der Schweiz. Ich habe etwas atemlos zugesagt. 

„Die Glocke“:
Zum Glück.

 Gomringer:
Ja, Gütersloh hat mir Glück gebracht. „Das Theater träumt“ hat Kreise gezogen. Toll, dass es in diesen Zeiten noch eine Institution gibt, in deren Finanzen man als Künstler Vertrauen haben kann. Das hat ungemein geholfen, nachdem mir in den ersten Monaten der Corona-Krise 62 Auftritte abgesagt wurden, selbst die Oper in Mannheim, für die ich das Libretto geschrieben habe, und das Literaturfestival in München, das ich kuratieren sollte. Das war ein Loch ohne Ende. Ich bin depressiv geworden. Jetzt stehe ich dank der Zusammenarbeit mit Schäfer mit 17 anderen Theatern für digitale Produktionen in Kontakt.

„Ein Lyriker ist ein aus der Welt gefallenes Wesen“

„Die Glocke“:
Haben Sie bei dem gerade beschriebenen Aufgaben-Mix keine Angst, sich als Lyrikerin untreu zu werden?

 Gomringer:
Nein, ich muss als Lyrikerin doch nicht nur dem Wort gefällig sein, sondern darf auch mit anderen Kunstformen jonglieren. Das sind alles Facetten einer Person. 

„Die Glocke“:
Um was geht es beim Stück „Oinkonomy“? 

Gomringer:
Es ist in ein bizarres Stück, weil es um Missstände geht, die auffliegen, weil sich Menschen nicht an Regeln halten. Es wird aber aufgeführt von Menschen, die sich sehr genau an Regeln halten müssen. Dann ist es ein Stück, das bewusst mit Irritationen spielt. Wobei aber nicht der Mensch, der gern Fleisch isst, an den Pranger gestellt wird, sondern das Gulag-System, das hinter der Fleischindustrie steckt. Und weil ich das nicht verbal direkt angehen wollte, habe ich die Geschichte in ein Mythenland, nämlich auf die Insel der Hexe Circe verfrachtet. Das gibt dem Ganzen eine schöne klassische und überzeitliche Nuance.

 „Die Glocke“:
Das heißt? 

Gomringer:
Wir wollten keine Dokumentation des Falls Tönnies auf die
Bühne bringen. Deshalb haben wir auch jede tagespolitische Relevanz herausgenommen. Wir wollen den Menschen im Kreis Gütersloh ja nichts vorhalten. Dieses Stück soll ein augenzwinkernder Ausflug in die Antike sein, als das Theater noch durch die hohe Künstlichkeit der Rede bedingt wurde. Um im Fleischjargon zu bleiben: Ich wollte einen Mett-Igel. Aber ich glaube, Christian Schäfer macht als Regisseur doch noch ein Schnitzel daraus (lacht). 

„Die Glocke“:
Wie politisch sind Sie als Lyrikerin? 

Gomringer:
Wenn es nicht so furchtbar wäre, könnte man die aktuellen Querdenker- und Anti-Corona-Demonstrationen aufgrund ihrer Irrationalität für eine grandiose Schlingensief-Inszenierung halten, für eine Agit-Prop-Performance. Ich denke, die Masken-Diskussion demaskiert.

 „Die Glocke“:
Schreiben Sie auch darüber? 

Gomringer:
Es gibt Leute, die fragen bei mir an, ob ich für die ein oder andere Demo etwas schreibe. Aber die wenigsten wollen ein Gedicht. Als die Neonazis durch Chemnitz marschiert sind, habe ich eins geschrieben und dafür sowohl Lob als auch Morddrohungen bekommen. Ich bin schnell und treffsicher und bleibe auch nicht still. Aber ich kann nicht ad hoc etwas für ein Plakat schreiben. Ich muss das Problem schon in mir finden, es für mich thematisieren, dann kann ich es verbalisieren. Ein Lyriker ist eben ein aus der Welt gefallenes Wesen, das sich müht, im Jetzt zu sein.

 „Die Glocke“:
Wo nehmen Sie die Zeit her, um all ihren Verpflichtungen nachzukommen?

 Gomringer:
Ich bin sehr diszipliniert, habe eine Fernbeziehung, aber keine Kinder. Das schafft Raum und Zeit. 

„Die Glocke“:
Klingt da ein Bedauern heraus? 

Gomringer:
Nein, das ist eine Lebenssituation, die ich so gewählt habe, weil ich mir bewusst bin, dass nicht jeder Mensch alles haben kann.

Als Paradiesvogel auf der Bischofs-Synode

„Die Glocke“:
Was bedeutet Familie für Sie?
 

Gomringer:
Ich komme aus einer Familie, in der ich nie rebellieren musste. Meine Mutter, eine begnadete Germanistin, war früher – so wie ich heute – eine ganz wilde Hummel. Meine sieben Brüder waren alle viel älter als ich und früh aus dem Haus. Wir haben nie zusammen an einem Tisch gesessen. Ich, als Nachzögling, bin groß geworden mit den Erinnerungen an und den Geschichten über sie. Ich lebte in einem Haus voller Echos. Deshalb haben mich wohl auch schon sehr früh die antiken Tragödien, in denen so etwas immer beschrieben wurde, abgeholt. 

„Die Glocke“:
Die wilde Hummel gilt als sehr katholisch. Als Lyrikerin, die immer einen Platz für Gott in ihren Werken findet. Wie passt das zusammen? 

Gomringer:
Ich lebe wie meine Mutter den Glauben nach rheinischer Art. Das ist ein fröhlicher Katholizismus. Ich war eine begeisterte Ministrantin und habe als melancholischer Teenager Stabilität im Glauben gefunden. Außerdem hatte ich als Kind einen Sprachfehler und konnte nicht gut vorlesen. Also habe ich mit der Kinderbibel lesen geübt und war mir sicher, dass mich der liebe Gott bei all seiner Unkorrumpierbarkeit deswegen nicht im Stich lassen würde.

 „Die Glocke“:
Wie sieht es mit dem katholischen Schuldbewusstsein aus? 

Gomringer:
Klar, bin ich damit behaftet. Aber man kann sich schon die Größe der Portion aussuchen, oder? Das ist wie mit dem Polster auf der Hüfte. Man bestimmt selbst, wie viel man davon haben will. 

„Die Glocke“:
Und mit der Einstellung dürfen sie Teilnehmerin der Bischofs-Synode sein? 

Gomringer:
Auf einen Paradiesvogel mehr kommt es da ja wohl nicht an (lacht). Ja, ich sitze in der Regionalkonferenz in Frankfurt und kann im Namen der Künstler sprechen. Und ich finde es hochspannend, einen Einblick in all die Bistümer zu bekommen, die Diskussionen zwischen Hardlinern und Vorausschauern zu erleben. Da prallen Ansichten aus dem dunkelsten Mittelalter auf zukunftsweisend Neues. Und es ist überdeutlich: Die Leute aus der praktischen Arbeit stehen auf. Viele Dinge bleiben nicht länger ungesagt. 

„Die Glocke“:
Gilt das auch für die Missbrauchsfälle oder den von Frauen initiierten Kirchenstreik Maria 2.0? 

Gomringer:
Ich wünsche der Kirche, dass sie intellektuell und klug genug ist, die Missbrauchsfälle restlos aufzuklären. Und was Maria 2.0 betrifft, so ist den meisten auf der Synode bewusst, dass die Kirche zu 80 Prozent nur noch wegen der Frauen funktioniert. Das Problem ist, dass es immer noch Bischöfe gibt, die die Evangelien so auslegen, dass eine starke Frauenbeteiligung nicht möglich scheint. 

„Die Glocke“:
Welche Chancen auf Veränderungen bestehen denn überhaupt, wenn der Vatikan Neuerungen abwinkt? 

Gomringer:
Die katholische Kirche in Deutschland hat sich trotz der Vorgaben aus Rom schon massiv geändert. Die Weihe von Geschiedenen ist ebenso möglich wie die Segnung für gleichgeschlechtliche Ehen. Wir müssen jetzt alles Machbare rausholen, den Stein noch einmal vom Grab wegrollen. Da hilft auch Corona.

 „Die Glocke“:
Wieso? 

Gomringer:
In der Pandemie hat die Kirche total versagt. Sie war für die verunsicherten und verängstigten Gläubigen nicht genug da. Aber Frauen haben Tatsachen geschaffen. Auf der Synode haben Ordensschwestern berichtet, dass sie den Sterbenden im Hospiz die Hand gehalten haben, während die Pfarrer zuhause geblieben seien. Und auf deren Antwort, sie hätten ja nicht hineingedurft, sagten die Schwestern prompt. „Ihr habt ja gar nicht erst angeklopft.“ Das wäre früher auf einer Synode niemals möglich gewesen. Es brodelt. Ich bin mir sicher, es wird eine Auferweckung geben – aber noch nicht in dieser Generation.

Von der Weltflucht bis zur Eitelkeit

„Die Glocke“:
Was macht Nora Gomringer, wenn Sie nicht schreibt? 

Gomringer:
Sie betreibt Weltflucht, geht ins Kino und bewundert die Arbeit kluger Regisseure. Und ich lese viel, wobei ich als Amerikanistin den deutschen Erzählton oft als hohl empfinde und daher zum Beispiel Bücher von Dorothy Parker vorziehe. Sie gibt klugen Frauen Raum. Womit viele ein Problem haben. 

„Die Glocke“:
Gilt das für Sie auch? 

Gomringer:
Es wird immer wieder versucht, Frauen und damit auch mir zuzuweisen, wie weit wir uns aus dem Fenster lehnen dürfen. Das nervt. 

„Die Glocke“:
 Sie haben schon jede Menge Preise bekommen - vom Bayrischen Staatspreis bis zum Ringelnatz-Preis. 2021 kommt die Zuckmayer-Medaille dazu. Wie wichtig sind Ihnen Auszeichnungen? 

Gomringer:
Jeder Preis ist ein bisschen wie Fegefeuer. Einerseits freut man sich, wenn er mit Geld verbunden ist, andererseits kriege ich manchmal Schiss, dass es irgendwann damit vorbei ist. Und oft frage ich mich, ob die Auszeichnung erfolgt, weil ich nicht negativ besetzt bin, weil gerade viel über mich geredet wird oder weil es einfach irgendjemandem gerade in den Kram passt. 

„Die Glocke“:
Sind Sie eitel? 

Gomringer:
Jeder, der vergänglich ist, ist auch eitel. Insofern ist ein Preis vielleicht doch ganz gut. Er erweckt die Illusion, dass etwas von einem bleibt.

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