Gütersloh
Nirgüls europäischer Künstlerweg

Gütersloh (dop) - „Wer bei mir mitmacht, dem muss klar sein, dass ich ihn aus seiner Komfortzone heraushole.“ Da kennt Nirgül kein Pardon. Die quirlige Aktionskünstlerin Nirgül Kantar-Dreesbeimdieke aus Isselhorst trainiert gerade für ihr jüngstes Großprojekt: 

Dienstag, 06.10.2020, 10:12 Uhr aktualisiert: 06.10.2020, 10:31 Uhr

 Sie will – wie berichtet – kreuz und quer durch verschiedene Länder einen „Europäischen Künstlerweg“ erlaufen und als tragfähiges Netzwerk für Kulturschaffende installieren. Damit sie wie geplant tatsächlich am 22. April 2022 starten kann, läuft sie die Etappen jetzt schon einmal ab. „Ich muss doch wissen, ob das auch alles so funktionieren wird, wie ich mir das vorstelle“, sagt die 50-Jährige voller Tatendrang. „Waden und Füße machen jedenfalls bislang gut mit.“ 

Drei Wochen ist sie schon unterwegs gewesen, über Rheda-
Wiedenbrück, Beckum und Hamm Richtung holländische Grenze bis nach Amersfoort marschiert. „Bei Wind und Wetter, bitteschön.“ Ihr Mann Stefan wandert zwar nicht mit, aber er begleitet sie. Entweder, indem er auf dem Rad vorausfährt und den Kundschafter macht. Oder als Fahrer des Versorgungswagens. 

42 Wege will Nirgül ab 2022 gehen. Der erste soll zu Güterslohs Partnerstadt Chateauroux führen. Jeder Weg wird ein Marathon für sich sein – über die klassische Distanz von 42,195 Kilometern. Den Mitgliedern des Kulturausschusses nötigte der ambitionierte Plan jüngst höchsten Respekt ab. Keiner traue sich Vergleichbares zu, hieß es. „Papperlapp“, sagt Nirgül. „Ein europäischer Künstlerweg wächst eben nicht von selbst. Da muss man schon was dafür tun. Mir geht’s auch nicht um Selbstdarstellung, falls das jemand glaubt. Mir geht’s darum, tolle Künstler zu entdecken, sie zu präsentieren und sie zu vernetzen.“ 

Der Fachbereich Kultur bezuschusst das Europa-Projekt des 1,56-Meter kleinen, großen Temperamentbolzens aus Isselhorst mit 30 000 Euro – als unkonventionellen Teil und Auftakt zum Projekt „C-City“ (siehe Hintergrund). Nirgül Kantar-Dreesbeimdieke selbst rechnet für die gesamte Aktion mit 200 000 Euro. „Ich weiß ja nicht, ob ich 2028 schon Schluss mache oder danach noch bis ins Baltikum, nach Weißrussland und vielleicht sogar bis in die Türkei laufe“, gibt sie zu bedenken. Das Geld will sie aus eigener Tasche zahlen – oder durch Sponsoren reinbekommen.

Nachhaltiges Netzwerk schaffen

Alle Künstler, die sich an Nirgüls Europäischem Künstlerweg beteiligen, bekommen einen Platz auf der in Planung befindlichen gleichnamigen Internetseite. Dort werden sie kostenlos mit einer ihrer Arbeiten, kurzer Biografie und künstlerischen Schwerpunkten veröffentlicht. Jeder von ihnen darf sich dann in Absprache mit Nirgül überlegen, ob und wo auf den Strecken er eine Kunstaktion machen möchte. „Dabei ist es egal, ob gemalt, gebildhauert oder musiziert wird“, sagt Nirgül. Hauptsache Interaktion, am liebsten eine der völkerverbindenden Art. „Wäre das nicht toll, wenn im Rahmen des Projekts ein Beckumer Künstler mal in Holland etwas macht, ein Belgier in Polen ausstellt oder der coole Luxemburger Rapper Till Boss demnächst auf dem Isselhorster Kirchplatz tönt – alles per Live-Stream über die Internetseite verfolgbar?“

Mit eigener Hymne unterwegs

Ganz so abwegig ist das nicht, denn schon sind die Gütersloher Musiker Achim Meyer und Micky Meinert dabei, eine Europa-Hymne für Nirgül zu schreiben. Andere Lieder in anderen Ländern können und sollen folgen. „Zwei, drei Tage, bevor ich dann in einer der Städte an meinem Europaweg eintreffe, schicken wir die Lieder ans regionale Radio und werben damit für die Aktion. Ich bin mir sicher, die berichten“, zeigt sich die agile Performancekünstlerin zuversichtlich und denkt im nächsten Augenblick schon darüber nach, wie sich die Hymne wohl anhören würde, wenn der Europa-Chor aus Görlitz sie aufnehmen würde. „Auch nicht schlecht, oder?“, hakt sie schelmisch nach. 

Und auch, dass der Fachbereich Kultur an die beteiligten Kollegen im Ausland praktikable Hinweise zur Erlangung von Fördermitteln schicken wird, findet Nirgül gut: „Da kann keiner mehr abwinken, dass sei alles zu aufwendig und problematisch, wenn wir ihnen die Lösung gleich in die Hand drücken.“ Die Kulturämter vor Ort sollen nämlich nicht nur ein Begleitprogramm erstellen, sondern auch ihre Künstler dazu animieren, sich mit einem Bild an einem zum Projekt gehörenden Wettbewerb zu beteiligen. 

Die Frage nach dem Warum

„Die Leinwände dafür in Größe von 42 mal 42 Zentimetern werden gestellt“, verspricht Nirgül und rechnet – europaweit – mit insgesamt 1500 Teilnehmern. Die heimische Kunsthistorikerin Christiane Hoffmann soll unter den regionalen Beiträgen das Siegerbild ermitteln, dass Nirgül dann über eine Etappe zum nächsten Aktionsort trägt. „Damit erzeuge ich nicht nur Aufmerksamkeit für die Künstler, sondern erweise ihnen, ihrem Denken, Fühlen und Schaffen auch den Respekt, den sie verdienen.“

 Auf die Frage nach dem Warum des Ganzen hat sie eine klare Antwort: „Ich bin durch und durch Europäerin. Ich wünsche mir, dass das ein Riesennetzwerk wird, das uns alle überlebt.“

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