Gütersloh
Marlene zwischen Mythos, Magie und Misere

Gütersloh (dop) - Der Augenaufschlag: männermordend. Der Blick: lasziv. Die Stimme: verführerisch. Der Körper: mal androgyn im Frack, mal im schneeweißen Schwanenfedermantel vom Rampenlicht beschienen. Die Beine: atemberaubend lang und millionenschwer versichert. Und die Seele? Die ist zerrissen.

Donnerstag, 01.10.2020, 22:12 Uhr aktualisiert: 01.10.2020, 22:31 Uhr

 Über Marlene Dietrich, die preußische Offizierstochter, die zur Ikone der Filmgeschichte aufstieg, ist viel geschrieben worden. Da war es nur eine Frage der Zeit, wann ihre Biografie Bühnenreife erreichte. Für das Theater Niedersachsen in Hildesheim hat Olaf Graf nun mit „The Kraut“ einen ebenso aufschlussreichen wie unterhaltsamen Marlene-Dietrich-Abend geschaffen. Ein Solo-Musical, das mehr sein will als nur eine Nummern-Revue, in der sich so unvergessene Songs wie „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ oder „Ich bin die fesche Lola“ wie Perlen auf einer Schnur aneinanderreihen. 

Dass die Produktion am Mittwoch ihre Premiere im Theater Gütersloh und nicht, wie geplant, schon in der vergangenen Woche in Hildesheim gefeiert hat, lag daran, dass das niedersächsische Haus aufgrund einer kaputten Sprinkleranlage unbespielbar ist. Im Regen stehen blieb die musicalerfahrene Berliner Schauspielerin und Sängerin Silke Dubilier als Protagonistin trotzdem nicht. 

Musikalisch charmant begleitet am Klavier von Andreas Unsicker, entgeht sie gekonnt der Versuchung, Marlene einfach nur zu imitieren – wohlwissend, dass sie da nur hätte verlieren können. Ihre Dietrich entwickelt sie mit viel Mut zur Brüchigkeit. Sie mimt nicht nur die weltweit gefeierte Diva, sondern nimmt ihr Publikum zunächst mit den entlarvenden kleinen, schlurfenden Schritten einer 89-jährigen, von Muskelschwund, Alkohol- und Tablettensucht gezeichneten Frau an die Hand, um es in jenem Pariser Appartement an der Avenue Montaigne 12 zu platzieren, wo Marlene Dietrich am 6. Mai 1992 starb.

 Männer umschwirren sie wie Motten das Licht

Ein Ort, an dem sich die Erinnerungen stapeln wie die Scotch-Flaschen unterm Bett. Erinnerungen daran, wie sie ihr bahnbrechender Erfolg in Josef Sternbergs „Der blaue Engel“ (1930) direkt nach Hollywood katapultiert. Fortan gilt, was sie als fesche Nachtclubsängerin Lola singt: „Männer umschwirren mich wie die Motten das Licht.“ Zwar ist sie seit 1923 mit dem jüdischen Aufnahmeleiter Rudolf Sieber verheiratet – und bleibt es bis zu dessen Tod -, aber der schönen Marlene verfallen alle: Von Gary Cooper, John Wayne und Jean Gabin bis hin zu Charles de Gaulle. Nur mit Ernest Hemingway, ihrem „Papa“, dem „Papst in meiner privaten Kirche“, der die Deutsche liebevoll „The Kraut“ nennt, bleibt sie zeitlebens platonisch, aber intensiv verbunden.

Leid und Leidenschaft

Und auch Edith Piaf, die von der bisexuellen Marlene abgöttisch verehrt wird, winkt ab. Umso berührender wirkt es, wenn Silke Dubilier mit melancholischem Timbre deren „La vie en rose“ singt. 

Beeindruckend auch der Rückblick auf ihre Zeit als Truppenbetreuerin in amerikanischen Diensten. Von Hitlers Schergen, die sie nicht für sich und ihre Propaganda gewinnen konnten, als „Ami-Hure“ verfemt, tut die Dietrich alles, um gegen Nazi-Deutschland zu agieren. Das Lied „Lili Marleen“, Schnürstiefel, Männerhosen und eine singende Säge gehören fortan ebenso zu ihrem Marschgepäck wie die Erkenntnis, dass ihr die deutsche Sprache, Kultur und Heimat fehlen. Daran zerbricht sie. 

Dubilier liefert ein letztes Aufbegehren, in dem sie Marlene mit kodderschnäuziger Stutenbissigkeit gegen den „schwedischen Transvestiten“ Zarah Leander und die „ungarische Hupfdohle“ Marika Röck im deutschen Film wettern lässt. Am Ende bleibt nur der Abgesang auf ein gelebtes Leben, das gänsehauterzeugende „Sag mir, wo die Blumen sind“. Applaus.

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