Gütersloh
Hans Werner Henze: Künstler und Weltbürger

Gütersloh (dop) - Henze? Das ist doch der mit der schrägen Musik, oder? Ja - und Nein. Denn: „Dissonanz“, so stellte der Komponist einst klar, „ist keine empirische Eigenschaft, sondern ein Ausdruck von Schmerz. Sie teilt sich mit als ein Gradmesser der Abwesenheit von Schönheitsmöglichkeiten.“

Samstag, 05.09.2020, 08:04 Uhr aktualisiert: 05.09.2020, 08:16 Uhr

Keine Frage, Hans Werner Henze ist auch Denker und Philosoph gewesen. Ein kritischer Beobachter, ein politischer Mensch, ein unangepasster

Tipp:
Die Ausstellung „Güterslohs vergessener Sohn - Der Künstler und Weltbürger Hans Werner“ Henze ist vom 5. September bis zum 24. Januar im Stadtmuseum Gütersloh, Kökerstraße 7 -11 zu sehen.

Öffnungszeiten:
Samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr.

Einzelgänger, ein bockig-schillernder Regent im eigenen Reich. Die Stadt Gütersloh widmet ihrem berühmten und so schwer zu fassenden Sohn jetzt eine eigene Veranstaltungsreihe. Fast zwei Jahre liefen die Vorbereitungen. An diesem Samstag, 5. September, wird der „Henze Herbst 2020“ um 17 Uhr mit der Umbenennung des Theaterareals in Hans-Werner-Henze-Platz gestartet – inklusive Festveranstaltung im Theater.

Wer mehr über den von der Musikwelt gefeierten wie angefeindeten Mann wissen will, der sollte ins Stadtmuseum gehen, wo „Güterslohs vergessener Sohn“, nicht nur als Künstler, sondern auch als facettenreicher Künstler und streitbarer Weltbürger präsentiert wird. Initiiert wurde die Schau vom Musiker und Musikwissenschaftler Dr. Fabian Hinsche, der sie zusammen mit Museumsleiter Dr. Franz Jungbluth kuratierte. Die meisten Exponate – Bilder, Fotos, Briefe, Bühnenentwürfe, Arbeitstagebücher, Skizzen, persönliche Dinge und Auszeichnungen, stammen aus der in Marino bei Rom ansässigen Henze-Stiftung, die Dr. Michael Kerstan, der letzte Lebensgefährte Henzes, heute leitet.

Ein Leben zwischen Lust und Frust

Geboren wird Henze am 1. Juli 1926 in der Gütersloher Brunnenstraße 1 als ältestes von sechs Kindern des Volksschullehrers Franz Henze und dessen Frau Margarete, Verwaltungsangestellte bei Bertelsmann. Während der Vater zum Nationalsozialismus konvertiert, formt sich Hans Werners Verständnis von Musik als Notenwender bei einem musizierenden Arzt und dessen nichtarischer Frau. „Kunst ist in der Welt der Verfolgten zu Hause“, begreift der Heranwachsende früh und geht – nicht zuletzt auch aufgrund seiner Homosexualität – auf Abstand zum Vater.

Hans Werner Henze rasselt in Bielefeld durchs Abitur. Wegen unbotmäßigen Verhaltens. Trotzdem kann er zu NS-Zeiten auf der staatlichen Musikschule in Braunschweig studieren (Klavier und Schlagzeug). Später, in Heidelberg, erprobt sich Henze an Schönbergs Zwölftonmusik, reibt sich an Bartoks Kompositionen, verehrt Strawinsky. Der Reichsarbeitsdienst 1944 und die letzten Kriegsmonate, die er als Funker durchsteht, lassen ihn zu einem Kriegsgegner und Menschenrechtler werden, ehe er – nach kurzer britischer Kriegsgefangenschaft – 1945 seine Laufbahn als Korrepetitor am Theater Bielefeld beginnt.

1946 debütiert er als Komponist mit seinem Kammerkonzert für Soloflöte, Soloklavier und Streicher in den Ferienkursen der sogenannten, in Musikkreisen legendären Darmstädter Schule. Schon damals ein Nonkonformist, gerät Henze rasch in Konflikt mit der dort herrschenden Musikavantgarde um Karlheinz Stockhausen, Pierre Boulez und Luigi Nono. Dass die drei noch Jahre später demonstrativ den Saal verlassen, kaum dass die ersten Töne von Henzes „Nachtstücke und Arien“ erklingen, verletzt ihn tief. Eine von vielen Wunden, die nicht heilen wollen. Frust, Selbstzweifel und Lebensverdruss wechseln sich ab mit Erfolgsmeldungen und purer Daseinslust: Henze verdient in der Wirtschaftswunderzeit an gut dotierten Auftragswerken, glänzt im anti-strukturellen Concerto-Grosso-Stil, komponiert großartige Ballette, lyrische Opern, faszinierende Kammermusiken.

Insgesamt sollten es mehr als 130 Werke, darunter die Oper „Die Bassariden“, die 1966 bei den Salzburger Festspielen bejubelt werden. Er komponiert eifrig, Suiten und Sonaten, Ragtimes und Habaneras - bis hin zu Filmmusiken, beispielsweise für Schlöndorffs „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“. Das alles lässt ihn am Ende zu einem der facettenreichsten und international meistgespielten Komponisten des 20. Jahrhunderts werden.

 In der damaligen Zeit aber eckt er damit an. Den einen ist er zu radikal, den anderen nicht radikal genug. Kritiker verübeln ihm die Diskrepanz zwischen seinem immer wieder formulierten „Streben nach Schönheit“ bei gleichzeitger „vulgärmusikalischer Tonsprache für die Masse.“

Nach Italien - der Liebe, der Schönheit und der Freiheit wegen

  Henze hält es in Deutschland nicht mehr aus. 1953 lässt er Spießermief und Kollegenhäme hinter sich und zieht nach Italien. Ischia, Neapel, Castelgandolfo und schließlich Marino werden sein Zuhause. 40 Jahre lebt er glücklich mit seinem Adoptivsohn und Lebensgefährten Fausto Moroni zusammen. Er komponiert weiterhin viel. Mehr am Schreibtisch als am Klavier, und immer penibel mit Metronom und – wie im Stadtmuseum zu sehen – mit der Länge nach geordneten Bleistiften.

1976 gründet Henze zur Verbreitung Neuer Musik das Festival Cantiere Internazionale d’Arte in Montepulciano. Ein Meilenstein. Und er engagiert sich politisch. Er ist Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens, wettert gegen den Vietnam-Krieg, unterstützt mit naivem Idealismus die außerparlamentarische Opposition (Apo) der 68er in Deutschland ebenso wie Fidel Castros Revolte auf Kuba. Der Euphorie einer möglichen Weltrevolution folgt die Ernüchterung, als er bei einem Besuch in der Karibik erkennt, dass die

Das weitere Programm zum „Henze-Herbst 2020“:

Samstag, 5. September:
17 Uhr Eröffnungsveranstaltung im Theater Gütersloh mit anschließender Umbenennung des Vorplatzes in Hans-Werner-Henze-Platz.

 Mittwoch, 28. Oktober:
18 Uhr Verleihung des Hans-Werner-Henze-Preises an den Bielefelder Musiker Robin Hoffmann, Theater Gütersloh.

 
Dienstag, 3. November:
19.30 Uhr Henze in Gütersloh, szenische Lesung vom Schauspiel Köln, Theater, Studiobühne.

Samstag, 7. November:
19.30 Uhr Briefe einer Freundschaft: Lesung mit Helene Grass und Andreas Ksienzyk aus dem Briefwechsel zwischen Henze und Ingeborg Bachmann, Theater, Skylobby.

Sonntag, 8. November:
11.30 Uhr Kammermusik von Henze, Theaterfoyer.

Weitere Ausstellung:
  Canti di Colore – Aquarelle von Henze im Theaterfoyer (vom 28. Oktober bis 28. November)

Film:
Sonntag, 8. November, 17.30 Uhr „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (mit Henze-Soundtrack), Bambi-Kino.

sozialistische Theorie nur bedingt mit der Realität übereinstimmt.

Trotzdem schreibt er sein den Unterdrückten der Welt gewidmetes Oratorio volgare: „Das Floß der Medusa“. Die Hamburger Uraufführung 1968 geht allerdings in Tumulten zwischen Apo-Demonstranten und der Polizei unter. Was Henze aber nicht davon abhält, Rudi Dutschke nach dem Attentat Asyl in seinem Haus in Italien zu gewähren. Ambivalenzen, wohin man sieht.

Lange Jahre wird Henze  danach in Deutschland boykottiert. Dafür gründet er in Österreich die Mürztaler Musikwerkstätten (1981) und das Deutschlandsberger Jugendmusikfest (1984). Alles um der Neuen, seiner Musik, ein Forum zu geben. Sie ist das Spiegelbild seines an Brüchen reichen Lebens. Es endet für den an Parkinson erkrankten Henze am 27. Oktober 2012 in Dresden, wo er zuletzt als „Capell-Compositeur“ tätig war.

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