Gütersloh
Vor 50 Jahren: Mit Jimi Hendrix auf Fehmarn

Gütersloh (wh) - Es sollte die deutsche Antwort auf  Woodstock werden. Doch das „Love-and-Peace“-Festival vom 4. bis 6. September 1970 auf der Ostseeinsel Fehmarn, endete im Desaster. Das ist genau 50 Jahre her. Einer, der dabei war, ist Bernhard Zudrop, den in Gütersloh alle als Charlie kennen.

Donnerstag, 03.09.2020, 08:21 Uhr aktualisiert: 03.09.2020, 09:01 Uhr

Im Gespräch mit dieser Zeitung erzählt er über jene Tage zwischen Euphorie und Angst und erinnert sich an den letzten Open-Air-Auftritt seines Idols Jimi Hendrix. „Große Namen wie Ginger Baker, Canned Heat, Ten Years After, Rod Stewart und eben Jimi Hendrix lockten mich und viele Hippies aus ganz Europa an“, erinnert sich der Mann, der überall dort anzutreffen war und ist, wo es gute Musik gab und gibt und wo man besondere Menschen trifft.

Er kam ein paar Tage vor der Veranstaltung auf der Insel an, mit wenig Geld und beinahe ohne Vorräte. „Das hatte ich schon mal gemacht, in Aachen, wo ich auf die Veranstalter zuging und meine Arbeitskraft anbot. Auch auf Fehmarn haben sie mich gleich als Bühnenhelfer eingestellt und als Mann, der Ordnung auf dem Gelände halten sollte. Ich habe vor allem morgens aufgeräumt, den Müll, und alles, was so rumlag. Da war auch mal ein Markstück dabei.“ „In den Tagen vor dem Konzertmarathon vibrierte die Luft regelrecht“, schildert Charlie Zudrop. „Unglaublich, diese knisternde Spannung, die alle Leute ergriff, als sie bepackt mit Zelten, Schlafsäcken und Proviant den Fußmarsch zum Gelände hinter sich hatten, als die ersten Joints kreisten.“

Rocker randalieren

Dass es dieses Mal kein „Love and Peace“ werden würde, wurde erst klar, als plötzlich eine Rockertruppe den Einlass kontrollierte. „Keine Ahnung, woher die plötzlich auftauchten, aber von dem Moment an regierte
Willkür. Frauen wurden begrapscht, Männer geschlagen, mit Messern angegriffen. Rücksichtlos donnerten Rocker mit ihren Motorrädern und Autos über das Gelände und griffen sogar die Container der Festivalleitung an. Ich fürchtete mich und begann, mich vor diesem rabiaten Volk zu verstecken.“ Musikalisch sei das Ganze eher ein Reinfall und keineswegs das erwartete Erlebnis gewesen: „Fehmarn ertrank im Regen und Orkan. Viele Musiker reisten deshalb gar nicht erst an. Im Programm gab es lange Pausen.“

Charlie zog sich in ein großes Zelt neben der Bühne zurück, das als Notquartier für Besucher und Mitarbeiter aufgebaut worden war. „,Sly and the Familystone’‘ habe ich von dort aus miterlebt und auch ‚Canned Heat’. Die waren sehr traurig, denn einer ihrer Sänger war Tage vorher gestorben. Tod und Leben lagen nah beieinander am Flügger Leuchtturm. Auf der einen Seite die lebenshungrigen jungen Menschen, die sich in ihren Zelten liebten und die Gewaltorgien der Rocker wegkifften. Auf der anderen Seite eine Band, die ihr zentrales Mitglied verloren hatte. Und Jimi Hendrix sollte ja auch nur noch wenige Tage leben.“

Hendrix‘ Auftritt wurde auf Sonntagmittag verschoben. Gegen 11 Uhr sah Zudrop ihn in einer Limousine ankommen und beobachtete vom Zelt aus, wie er sich in einen Wohnwagen zurückzog. Vor der Bühne bot sich ein jammervolles Bild: Die Wiese war im Schlamm versunken, Teile der Bühne waren von den Rockern als Feuerholz verbraucht worden – wie auch die meisten Toilettentüren am nahe gelegenen Campingplatz. Vor seinem Auftritt schallten Jimi Hendrix Buh-Rufe, Pfiffe und Botschaften wie „Go home“ entgegen. Aber als seine Band zu spielen begann, vergaßen die Leute ihren Frust. „Plötzlich riss dann noch der Himmel auf, die Sonne schien, und Jimi spielte.“ Nicht nur für Charlie Zudrop war damit die Welt wieder in Ordnung. Alle schienen eine gute Zeit zu haben.

Am Ende brennt‘s

„Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, welche Stücke er spielte. ‚All Along The Watchtower’ und ‚Hey Joe’ waren darunter, ebenso ‚Foxey Lady’ und der ‚Red House Blues’. Auf Konzerten spielte Hendrix diese Stücke aber anders als auf seinen Schallplatten. Das war für viele Leute schwierig. Also gab es wenig Resonanz aus dem Publikum. Jimi wirkte lustlos, gelangweilt, schien mir nicht bei der Sache. Mit ‚Voodoo Chile’ und einem kurzen ‚Thank you, Goodbye, Peace’ beschloss er sein Konzert, stieg in einen Hubschrauber und verließ die Insel ohne Zugaben.“ Viele Zuschauer packten danach ebenfalls ihre Sachen, obwohl das Programm noch weiterlief.“

 Besonders tragisch empfand Zudrop, dass es für die 20 000 Menschen auf dem Platz nicht genügend Verpflegung gab. „Nur ein paar teure Stände auf dem Gelände und ein kleines Geschäft außerhalb des Festivalzauns waren geöffnet. Der Dorfladen wurde von den Hippies regelrecht gestürmt. Die haben dort geklaut wie die Raben. Seine Besitzer taten mir sehr leid, denn es waren herzensgute Menschen. Am Sonntagabend, als zu ,Macht kaputt, was euch kaputt macht‘ von ,Ton, Steine Scherben‘ die Bühne und das Veranstaltungszentrum brannten, ging ich zu ihnen rüber. Sie schenkten mir Brötchen, Wurst und Wasser. Ich hatte kein Geld mehr, um mein Essen zu bezahlen.“ Die Veranstalter hatten sich mit der Tageskasse klammheimlich aus dem Staub gemacht.

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