SPD-Bundestagsabgeordnete im Sommerinterview
Elvan Korkmaz-Emre: „Das hat Herr Adenauer versäumt“

Gütersloh/Berlin (WB). Ihr Blick auf das Leben und die Politik hat sich seit kurzem verändert: Die Gütersloher SPD-Bundestagsabgeordnete Elvan Korkmaz-Emre ist seit elf Wochen Mutter eines kleines Mädchens, das Elisa heißt. Im Moment bereitet die 35-Jährige mit ihrem Mann die Wohnsituation so vor, dass Familie und Arbeit funktionieren. Andreas Schnadwinkel hat im Sommerinterview mit Elvan Korkmaz-Emre auch über den Corona-Ausbruch bei Tönnies gesprochen.

Dienstag, 04.08.2020, 04:00 Uhr aktualisiert: 04.08.2020, 14:18 Uhr
Elvan Korkmaz-Emre (35) aus Gütersloh ist seit 2017 für die SPD im Bundestag.

Wie sprechen Sie die Leute in Ihrem Wahlkreis Gütersloh auf die Vorgänge bei Tönnies an?

Elvan Korkmaz-Emre : Das reicht von Unverständnis bis Wut. Die meisten Menschen im Kreis Gütersloh haben sich an die Regeln gehalten und entsprechende Vorkehrungen getroffen, und dann geht so ein massiver Corona-Ausbruch von einem Unternehmen aus. Damit hat der Tönnies-Konzern die Bewohner des Kreises Gütersloh einem Generalverdacht in ganz Deutschland ausgesetzt – und auch darüber hinaus. Bislang hat der Kreis immer als bodenständig und wohlhabend gegolten, und jetzt hat er plötzlich ein schlechtes Image. Das knabbert schon an einem, wenn man bei Begegnungen immer zuerst auf Tönnies angesprochen wird.

Sie wollten ja auch mal Landrätin des Kreises Gütersloh werden. Hat in der jetzigen Situation Ihre SPD-Parteifreundin Marion Weike bessere Chancen, CDU-Landrat Sven-Georg Adenauer abzulösen?

Korkmaz-Emre : Ich hoffe, dass Marion Weike am Abend des 13. September neue Landrätin des Kreises Gütersloh sein wird. In Krisenzeiten wie diesen ist wichtig, über Parteigrenzen hinweg zusammenzuarbeiten. Aber spätestens mit Bekanntwerden der Corona-Zahlen bei Westfleisch im Münsterland hätte man bei Tönnies ganz klar intervenieren müssen. Das hat Herr Adenauer klar versäumt.

Hält das Tönnies-Thema im Kreis Gütersloh bis zum Bundestagswahlkampf in einem Jahr?

Korkmaz-Emre : Ganz sicher nicht.

Sie sind seit einigen Wochen Mutter einer Tochter. Hat sich Ihr Blick auf die Familienpolitik in der kurzen Zeit schon verändert?

Korkmaz-Emre : Die Perspektive verändert sich, ganz klar. Ich sehe jetzt natürlich, was in der Praxis nicht so funktioniert, wie wir uns das bei der Gesetzgebung vorgestellt haben. Das sind wichtige Erfahrungen, die ich unserer Bundesfamilienministerin Franziska Giffey auch mitteile.

Zu einem Ihrer Fachthemen: Der Öffentliche Personennahverkehr ist wegen der Corona-Pandemie zum Teil erheblich eingebrochen. Werden die Fahrgastzahlen auf einem niedrigeren Level bleiben als vor Corona?

Korkmaz-Emre : Das erwarte ich nicht. Deswegen investiert ja auch der Bund weiter in den ÖPNV. Es wäre grundfalsch, wegen der gesunkenen Fahrgastzahlen weniger zu fördern und die Angebote unattraktiver zu machen. Die Fahrgastzahlen werden mit der Zeit wieder deutlich ansteigen.

Die Corona-Krise hat die vielen Lücken bei der Digitalisierung aufgedeckt, vor allem im Schulbereich. Was muss da passieren?

Korkmaz-Emre : Es sollte nun wirklich jeder mitbekommen haben, dass wir den Ausbau der digitalen Infrastruktur erzwingen müssen. Schlechte Internetverbindungen können wir uns nicht leisten. Deswegen gibt der Bund noch mehr, damit sich Schulen auf Stand bringen können.

Wird die Digitalisierung der Schulen erst richtig funktionieren, wenn die jetzt ältere Lehrergeneration pensioniert ist und die jetzt jungen Lehrer in der Mehrheit sind?

Korkmaz-Emre : Wir haben nicht die Zeit, das abzuwarten.

Im Moment sieht es so aus, als könnte sich die Union nach der nächsten Bundestagswahl den Koalitionspartner zwischen Grünen und SPD aussuchen. Wäre es für die SPD besser, nicht zu regieren statt weiter zu regieren?

Korkmaz-Emre : Entscheidend ist immer, was das Beste für das Land ist. Fast 14 Monate bis zur Wahl, das ist eine lange Zeit. Die guten Umfragewerte der Union gehen stark auf Angela Merkel zurück, und die steht nächstes Mal nicht zur Wahl. Deswegen ist da noch sehr, sehr viel offen. Und auch die Umfragewerte der Grünen haben sich in der Regel bei den Wahlen nie bestätigt.

Der Wirecard-Skandal belastet Bundesfinanzminister Olaf Scholz. Wer könnte außer ihm Kanzlerkandidat der SPD werden?

Kormaz-Emre : Olaf Scholz und der SPD-Fraktionsvorsitzende Rolf Mützenich sind als SPD-Kanzlerkandidaten im Gespräch. Ich traue es jedem der beiden zu.

Haben sich die anfänglichen Schwierigkeiten zwischen neuer Parteispitze, Ministern und Fraktion gelegt?

Korkmaz-Emre : Es gab einen Wettstreit, aus dem ein Duo als Sieger hervorgegangen ist. Und dann muss sich das erst einmal finden, das ist völlig normal. Mittlerweile funktioniert das Zusammenspiel gut.

Trotzdem ein komisches Gefühl, wenn eine Hinterbänklerin wie Saskia Esken SPD-Parteivorsitzende ist?

Korkmaz-Emre : Überhaupt nicht, so ist die SPD. Ich denke, dass Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans der Partei gut tun. Ich habe mit Saskia Esken im Digitalausschuss zusammengearbeitet und schätze sie.

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