Gütersloh
„Stirbt das Warenhaus, stirbt die Stadt“

Gütersloh (sib) - „Aufgeben ist keine Option“ - so lautet der Titel einer Petition, die Ertac Ekinci, Vorsitzender des Karstadt-Betriebsrats, am Montag auf die Internetseite „Openpetition“ gestellt hat. In der Erläuterung argumentiert er: „Stirbt das Warenhaus, stirbt die Stadt!“

Mittwoch, 08.07.2020, 17:43 Uhr aktualisiert: 08.07.2020, 19:01 Uhr

1011 Unterschriften hat er schon zusammen (Stand Mittwoch, 18 Uhr).

Er wolle alles versuchen, um die Arbeitsplätze der rund 80 Karstadt-Mitarbeiter zu retten, sagt Ekinci im Gespräch mit dieser Zeitung. Dafür sammelt er Unterschriften auf der Petitions-Webseite.

Unterschriften-Hürde sollte mehr als viermal so hoch sein

1200 sind das Ziel, das er dort angegeben hat. Bei der Erstellung der Petition habe er nicht mehr angeben können, sagt er. „Eigentlich sollten es 50 000 sein.“ Er habe die Betreiber der Seite schon angeschrieben, ob sein Ziel sich erhöhen lasse.

1200 Unterschriften scheinen keine große Hürde zu sein. Am Montag und Dienstag setzten jeweils rund 350 Menschen ihre Unterschrift online für den Erhalt des Warenhauses inmitten der Stadt – manche mit Namen, manche ohne. Ist das Ziel erreicht, soll die Unterschriftenliste an Bürgermeister Henning Schulz (CDU) gehen.

Druck auf den Bürgermeister und Vermieter soll erhöht werden

Aber der hat sich doch schon mehrfach für den Erhalt von Karstadt ausgesprochen? Etwa am Dienstag berichtete diese Zeitung davon, dass Schulz in Gesprächen mit dem Insolvenzverwalter, mit der Karstadt-Geschäftsführung, mit NRW-Ministerin Ina Scharrenbach, dem Eigentümer, den Arbeitnehmervertretern sowie der Gewerkschaft Verdi sei und nach einer Lösung suche.

Hintergrund

Mitte Juni war bekannt geworden, dass der Konzern Galeria Karstadt Kaufhof die Gütersloher Filiale Ende Oktober schließen will. Dagegen wendet sich unter anderem die Politik. Am heutigen Donnerstag soll der SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Hartmann nach Gütersloh kommen und den heimischen Bürgermeisterkandidaten Volker Richter an einem Infostand unterstützen. Die SPD sei von 11 bis 15 Uhr vor Ort, heißt es in einer Mitteilung. Und am Samstag, 11. Juli, wollen der Betriebsvorsitzende Ertac Ekinci und seine Mitstreiter sowie die Mitarbeiter der Filiale von 8.45 bis 9.30 Uhr mit einer Kundgebung noch einmal in die Vollen gehen. Mit dabei: die Gewerkschaft Verdi. Auch dort sollen Unterschriften gesammelt und Flyer verteilt werden.

 

Warum soll die Unterschriftenliste dann an den Bürgermeister gehen? Ertac Ekinci: „Wir möchten den Druck erhöhen.“ Er fordere vollen Einsatz von der Politik. Die habe mit Blick auf die Kommunalwahl am 13. September auch selbst etwas davon. Das solle dem Bürgermeister noch ein wenig mehr Anschub geben, auch wirklich alles zu geben.

Und dem Vermieter des Gebäudes, der Highstreet-Holding, solle die Petition ebenfalls Druck machen, sagt Ertac Ekinci. Im besten Fall für die Rettung der Gütersloher Filiale – etwa, indem der Eigentümer die Miete senke. Ansonsten soll er zu eindeutigen Aussagen motiviert werden. „Uns wurde immer wieder gesagt, dass wir Mitarbeiter nicht Schuld an der Schließung sind“, betont Ekinci, der das hauseigene Reisebüro betreibt. „Auch wenn das tröstlich ist, wollen wir wissen, woran es liegt.“

Wenn alle Stricke reißen, müssen die Mitarbeiter untergebracht werden

Karstadt und Eigentümer ließen die Mitarbeiter allein, was weitergehende Informationen betreffe. „Wir wissen gar nicht, welche Faktoren für die Schließung eine Rolle spielen. Sonst würden wir versuchen, die auszubügeln“, sagt der Betriebsratsvorsitzende.

Und er wisse nichts von der Wahrscheinlichkeit, die Filiale – sechs Stück wurden bislang deutschlandweit von der Streichliste genommen – doch noch zu retten. „Fordert Karstadt eine Mietsenkung um 80 Prozent? Oder sind es doch nur 10? Wir wissen es nicht.“

Wenn alle Stricke reißen, dann will Ertac Ekinci immerhin die rund 80 Mitarbeiter der Gütersloher Filiale von Galeria Karstadt Kaufhof untergebracht wissen. Viele von ihnen seien dort seit 30, 40 Jahren tätig. Und für einige von ihnen sei die Stelle im Kaufhaus bislang die erste und einzige gewesen. „Das bedeutet auch, dass sie in ihrem Leben nur einmal einen Lebenslauf, einmal ein Anschreiben verfasst haben. Und seitdem hat sich einiges geändert“, sagt der 51-jährige Betriebsratsvorsitzende.

Transfergesellschaft soll verlängert werden

Dementsprechend kämpfen er und der Betriebsrat in der Petition ebenfalls um eine Verlängerung der zuständigen Rundstedt Transfergesellschaft. Die kümmert sich, so ist es bislang geplant, sechs Monate lang um einen „sozialverträglichen Personalabbau“, wie es auf der Internetseite des Unternehmens heißt.

Es bestehe die Möglichkeit, diese Zeit auf zwölf Monate auszureizen, sagt Ertac Ekinci. Das seien sechs zusätzliche Monate, in denen den Karstadt-Mitarbeitern geholfen werden könnte. „Einerseits finanziell, mit öffentlichen Geldern und Spenden, andererseits über Fortbildungen, Weiterbildungen, Übungen und Co.“

Und wenn es alternative Konzepte für den Standort gebe – „auch wenn ich keine Ahnung habe, wie die aussehen könnten“, schiebt Ekinci ein – dann sollten die Mitarbeiter so schnell wie möglich informiert und in eventuellen Personalplanungen berücksichtigt werden.

Kommentar-Schreiber attestieren „unsägliches Leid“

In den Kommentaren, mehr als 500 sind es am Mittwochabend, zeigen sich die Nutzer solidarisch mit den Karstadt-Mitarbeitern. Das Kaufhaus sei „ein Magnet für die Innenstadt“ schreibt einer, und ein anderer ergänzt, dass die Schließung der Filiale „für viele Angestellte unsägliches Leid bedeuten würde“.

„Selbst wenn wir nichts mehr retten können, wollen wir nicht untätig dagesessen haben“, sagt Ertac Ekinci voller Überzeugung. „Dann wollen wir uns wenigstens hingestellt und gesagt haben, was wir von der Schließung halten.“

Die Petition ist abrufbar unter diesem Link.

Kommentare

Rolf  wrote: 09.07.2020 06:58
Soll die Stadt wirklich eine Karstadtsteuer erheben, um den Betriebsverlust dieses Geschäfts jedes Jahre auszugleichen ? Onlinehandel boomt, Warenhäuser schließen, das ist die natürliche Entwicklung des Handels.
Karstadt kann schließen, das ändert überhaupt nichts an Gütersloh. Gütersloh hätte massiv investiveren müssen, um eine Großstadt zu werden, das wurde nicht gemacht, so die Gefahr, das immer mehr Unternehmen (oder Teile davon) die Stadt verlassen.
Wenn Karstadt schließt, ist es eine einmalige Chance, Wohnungen guter Qualität zu bauen. Zur Zeit haben wir Bedarf, Kaufkraft, aber keine Grundstücke, aber bitte umgehend abreißen, und ein neues Viertel bauen (bitte gemischt: Zur Miete, zum Kauf, große und kleine Wohnungen).
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