Gütersloh
Schulleitungen von Entscheidung überrascht

Gütersloh (dl) - Ab dem 15. Juni sollen alle Grundschüler in Nordrhein-Westfalen wieder täglich im Klassenverband unterricht werden. Die am vergangenen Freitag von Schul- und Bildungsministerin Yvonne Gebauer verkündete Nachricht stellt die 17 Grundschulen in Gütersloh vor große Herausforderungen. 

Montag, 08.06.2020, 14:26 Uhr aktualisiert: 08.06.2020, 21:01 Uhr

Sie müssen ihre bis zu Beginn der Sommerferien durchgetakteten Planungen überholen. Viel Zeit habe sie nicht, schickt Miriam Henze, eine von zwei Sprecherinnen der Grundschulleitungen in Gütersloh, am Anfang des Gesprächs mit dieser Zeitung voraus. „Wir stecken mitten in den Planungen.“ Von der kurzfristigen Entscheidung des Schul- und Bildungsministeriums seien alle Schulleiter überrascht worden. Denn seitdem im Mai im Zuge der Coronaschutzverordnung zuerst die Viertklässler und später die übrigen Kinder tageweise in die Bildungsstätten zurückgekehrt seien, habe sich, von den Hygienebestimmungen bis zu den Abstandsregeln, alles hervorragend eingespielt. „Sehr zur Zufriedenheit aller Beteiligten“, so Henze, die die Grundschule Heidewald leitet. Dass nun, zwei Wochen vor Beginn der Sommerferien, alles umgeworfen werden muss, ist für sie schwer nachvollziehbar. „Wir hätten uns gewünscht, dass es so bleibt, wie es ist.“

Das Bestmögliche aus der Situation machen

Lehrer, die zur Risikogruppe gehören, kehren zum 15. Juni zur Schule zurück. „Sie sind natürlich besorgt“, fährt Henze fort. Weitere Herausforderungen sind der Offene Ganztag (OGS) und die Übermittagsbetreuung. Beide Angebote waren ursprünglich bis zu den Sommerferien ausgesetzt, sollen aber ebenfalls wieder kurzfristig starten. „Das ist mit einem hohen Personalaufwand verbunden“, betont Henze. Weitere Fragen, die jetzt schnell geklärt werden müssen: Wie sieht es mit dem Mittagessen aus? Und wie werden am Nachmittag die Spielzeiten außerhalb des Schulgebäudes strukturiert, um eine Durchmischung der Schülergruppen zu vermeiden? Wie werden die Abholzeiten der Kinder organisiert? „Derzeit reagieren wir nur“, sagt Henze, die sich schon am Wochenende mit der Thematik beschäftigt hat. „Wir versuchen, das Bestmögliche aus der Situation zu machen.“ Mit den Trägern der jeweiligen Schulen und den anderen Leitungen bestehe ein steter Austausch. Weitere Absprachen würden in Lehrerkonferenzen getroffen, bis schließlich die Eltern über das weitere Vorgehen informiert würden.

Guter Abschluss für die Viertklässler

Positiv an der Ankündigung von Ministerin Gebauer bewertet Henze, dass die Viertklässler, die aktuell in Gruppen unterrichtet werden, vor dem Ende ihrer Grundschulzeit noch einmal zusammen kommen. „Das ist ein guter Abschluss für sie.“ Und die während der Corona-Krise stark beanspruchten Eltern würden entlastet. „Ob dies den Aufwand rechtfertigt, ist die andere Frage.“

Eltern sehen Entscheidung mit Skepsis

Als „sehr schnell geschossen“ bezeichnet Christian Beckmann, Vorsitzender des Gütersloher Stadtelternrats, die Anordnung des Landes, den Unterricht an Grundschulen ab 15. Juni wieder regulär stattfinden zu lassen. „95 Prozent der Eltern sehen die Entscheidung mit Skepsis“, sagt er. Unter anderem bestünde Angst vor einer zweiten Infektionswelle. Beckmann verweist auch auf die Organisation des Offenen Ganztags (OGS): „Ist das Personal überhaupt vorhanden?“

Ministerin reagiert wenig einsichtig auf Einwände

In der Landeselternkonferenz in der vergangenen Woche habe Ministerin Yvonne Gebauer über ihre Entscheidung informiert. Auf Einwände habe sie wenig einsichtig reagiert. Beckmann kritisiert auch den Informationsfluss: „Oftmals haben es die Schulleiter erst am Ende erfahren. Diese Reihenfolge ist sehr unglücklich.“ Und weiter: „Die volle Verantwortung wird wieder auf die Schulleitungen abgewälzt.“

Verunsicherung bei den Kindern

Beckmann hätte es befürwortet, wenn das Schuljahr mit dem rollierenden System geendet wäre. „Die zwei Wochen machen den Kohl auch nicht mehr fett“, meint er. Und weiter: „Die Kinder verstehen nicht, warum sie im Klassenzimmer keinen Mundschutz mehr tragen müssen, aber auf dem Spielplatz sehr wohl.“ Das führe zur Verunsicherung. Zu kurz kommt laut Beckmann auch, wie es um die fünften und sechsten Jahrgänge an den weiterführenden Schulen bestellt ist. Denn in der jüngsten Schulmail des Ministeriums heißt es: „Überall dort, wo den Schülern aller Jahrgangsstufen wieder ein tägliches Unterrichtsangebot gemacht werden kann, endet die Notbetreuung mit Ablauf des 12. Juni. Kann eine weiterführende Schule für die Jahrgangsstufen 5 und 6 ein volles Unterrichtsangebot nicht gewährleisten, wird die Notbetreuung in diesen Schulen für nicht beschulte Kinder fortgesetzt.“ Beckmann: „Wie das in Gütersloh laufen soll, dazu gibt es noch keine Informationen.“

Kritik von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

Mit Kritik reagiert die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Ostwestfalen-Lippe auf die Entscheidung des Schul- und Bildungsministeriums. „So wichtig eine Rückkehr zum Regelbetrieb für alle Kinder und Jugendlichen ist, dies ist aus unserer Sicht der falsche Zeitpunkt“, sagt Vorstand Stephan Osterhage-Klingler. „Die Schulleitungen haben in den letzten Wochen unglaublich viel geleistet, um das durch das Ministerium vorgegebene rollierende System an den Schulen zu installieren und Hygienevorgaben umzusetzen“, so Osterhage-Klingler. „Jetzt für wenige Tage vor den Ferien erneut alles umzuwerfen, ist verantwortungslos und eine reine Symbolpolitik.“ Jetzt würden bis zu 30 Kinder in schlecht gelüfteten und teilweise zu kleinen Räumen unterrichtet. Es bliebe erneut an den Kollegen vor Ort hängen, auf der Grundlage neuer Maßgaben das Beste daraus zu machen. „Zumindest sollte jetzt sichergestellt werden, dass auch in den Schulen auf freiwilliger Basis eine regelmäßige Testung ermöglicht wird.“

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