Gütersloh Verbände beklagen unmoralische Preise

Kreis Gütersloh (gl) - Im Gesundheitswesen sind wegen der Corona-Pandemie Schutzausrüstungen wie Kittel und Mund-Nasen-Schutze sowie Handdesinfektionsmittel ein rares und vor allem teures Gut. Dies kritisiert die Arbeitsgemeinschaft (AG) der Freien Wohlfahrtsverbände im Kreis Gütersloh.

Die Lieferanten reagieren laut Mitteilung auf die Knappheit nicht nur mit größeren Stückzahlen, sondern auch mit erhöhten Preisen.

„System wird ad absurdum geführt“

„Für Artikel wie Mund- und Nasenschutz, die zuvor im Cent-Bereich lagen, werden nun sechs oder sogar zehn Euro aufgerufen“, berichtet Björn Neßler, Vorsitzender der AG und Vorstand der Diakonie Gütersloh. „Der Hinweis von Lieferanten, die uns solche fragwürdigen Angebote unterbreiten, lautet: Die Pflegeeinrichtungen könnten sich das Geld anschließend von den Kassen zurückholen. Das führt das ganze System ad absurdum und ist moralisch mehr als nur fragwürdig.“

Neßler fordert von Land und Bund, die Träger der freien Wohlfahrtspflege sowie die Kreise und Kommunen nicht ungeschützt im Regen stehenzulassen. Die Preisentwicklung ist laut Mitteilung horrend: 35 Flaschen Handdesinfektionsmittel mit jeweils 150 Millilitern kosteten vor Corona 54 Euro, jetzt würden dafür 209 Euro veranschlagt. Den Kanister mit zehn Litern Desinfektionsmittel gebe es aktuell für 260 Euro.

Den Preisen stehen die Bedarfe gegenüber

Die Preise für einfachen Mundschutz hätten sich von rund 2,70 Euro für 50 Stück vor Corona zu aktuell ab 1,50 Euro pro Stück entwickelt. Die begehrten FFP2-Maske liege mittlerweile bei zehn und mehr Euro pro Exemplar statt wie zuvor bei weniger als 50 Cent.

Den Preisen stünden die Bedarfe gegenüber: Pro Woche benötigten allein die Träger der AG Wohlfahrt für ihre Arbeit mehr als 20 000 einfache Mundschutze. Burkhard Kankowski, Geschäftsführer des Vereins Daheim, berichtet: „Kürzlich wurden mir angebliche FFP2-Masken, die wie bessere Filtertüten mit Gummibändchen aussahen, für 5,35 Euro das Stück angeboten. Vor einigen Wochen waren diese für 46 Cent zu haben. Ich glaube, das sind Erfahrungen, die auch alle anderen Pflegedienste machen.“

Abmahnungen von Anwaltskanzleien wegen selbst genähten Mundschutzen

Dennis Schwoch, Vorstand DRK-Kreisverband Gütersloh, ergänzt: „Zum einen hören wir von unseren Lieferanten immer wieder, dass Lieferungen beim Zoll festhängen und sich die Auslieferungen dadurch erheblich verzögern. Zum anderen bekommen wir mit, dass Privatpersonen, die einen Behelfsmundschutz nähen, von Anwaltskanzleien abgemahnt werden.“

Auch Matthias Timmermann, Vorstand des Caritasverbands für den Kreis Gütersloh, sieht akuten Handlungsbedarf bei der professionellen Ausstattung: Selbstgenähte Schutzmasken statt notwendigem industriell gefertigten FFP2-Schutz, Regenponchos statt ordentlicher Schutzanzüge – dies sei die aktuelle Situation, die es schnellstens zu verändern gelte.

Appell an die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft

Timmermann appelliert: „Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sollten darüber nachdenken, mittel- und langfristig Produktionskapazitäten für Schutzausrüstung in Deutschland vorzuhalten.“ Dies koste Geld und sei teurer. „Aber das sollte es uns für eine gesunde Zukunft wert sein.“

Deutlich günstiger als die derzeitigen Wucherpreise sei es allemal. Professionelle Ausrüstung ist laut Mitteilung auch unabdingbar für die Versorgung von Infizierten, die nicht ins Krankenhaus, aber von den ambulanten Diensten weiter gepflegt werden müssen.

„Stehen noch am Anfang der Krise“

Olaf Lingnau, Bereichsleitung Pflege bei der Diakonie im Kirchenkreis Halle, sieht die Versorgung der Pflegebedürftigen gefährdet: „Dafür benötigen wir dringend Atemschutzmasken nach DIN FFP2 oder FFP3.“ Man könne die Mitarbeiter schließlich nicht in Gefahr bringen. Außerdem sieht er die Not der überlasteten Gesundheitsämter und Diagnose-Zentren. Er fordert eine Erhöhung der Kapazitäten sowie schnellere Testungen. Denn: „Wir stehen noch am Anfang der Krise.“

Nicht nur Pflegekräfte sind auf Ausrüstungen angewiesen

Julia Stegt, Geschäftsführerin des Paritätischen Kreis Gütersloh sowie stellvertretende Vorsitzende der AG Wohlfahrt, erinnert zudem daran, dass innerhalb der Wohlfahrt nicht nur Pflegekräfte auf die Schutzmaterialien angewiesen seien. „Auch in den Wohnheimen für Menschen mit Behinderungen müssen Bewohner sowie Mitarbeitende geschützt werden“, sagt sie.

„Applaus reicht nicht“

Dort bestehe ebenso Bedarf, und die Mitarbeiter seien genauso gefordert, die Krise in den Griff zu bekommen. „Applaus reicht nicht, wir brauchen endlich genügend Schutzkleidung“, greift deswegen Björn Neßler den Appell der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege auf. Zwar habe das Land NRW einen Erlass zur Verteilung des ihm zur Verfügung stehenden Schutzmaterials verabschiedet. Und am Freitag habe der Kreis Gütersloh mit der Verteilung der ersten Charge begonnen.

Erste Charge ist „Tröpfchen auf den heißen Stein“

Diese sei jedoch nur ein Tröpfchen auf den heißen Stein. „Wir benötigen viel größere Mengen“, betont Neßler. „Hier müssen Bund und Land noch schneller und aktiver werden. Sie können Pflegedienste und Kreisverwaltungen nicht allein ihrem Dilemma überlassen, die in Sachen Verteilung von Schutzausrüstungen gemeinsam am Ende der Nahrungskette stehen.“

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7359790?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198389%2F2516079%2F