Gütersloh
Frauenhaus: Zufluchtsort seit 40 Jahren

Gütersloh (dop) - „Jammern ist nie unser Ding gewesen, damit kommt frau nicht weiter. Wir gucken lieber nach vorn und sind stolz auf das, was wir geschafft haben.“ Selbstbewusst sehen Petra Strauss und Lydia Wesemann als engagierte Leiterinnen dem 40-jährigen Bestehen des Gütersloher Frauenhauses entgegen.

Samstag, 07.03.2020, 11:56 Uhr aktualisiert: 09.03.2020, 11:16 Uhr

 Am Montag, 9. März, wird das Jubiläum – im Schatten des Weltfrauentags – ab 16 Uhr in einer Feierstunde im Gütersloher reishaus gewürdigt. Im Anschluss stellt Dr. Margot Käßmann in einer  (bereits ausverkauften) Lesung ihr Buch „Schöne Aussichten“ vor. Die Veranstaltung findet  in Kooperation mit dem heimischen Club Soroptimist International, der sich für die Verbesserung von Lebenssituationen von Mädchen und Frauen einsetzt, statt.

Schon gewusst?

Femizid:
Laut Statistik ist allein in den vergangenen beiden Jahren jeden dritten Tag in Deutschland eine Frau von ihrem Mann/Partner ermordet worden: 2018 waren es 122 Frauen, 2019 waren es 135 Opfer.

Macht und Ohnmacht:
Die größten Gefahrenmomente für Frauen sind Trennungsphasen, Schwangerschaften und die Nachgeburtszeit, weil sich die Frauen dadurch dem Macht- und Verfügbarkeitsanspruch gewaltbereiter Männer entziehen. Laut einer Studie von Terre des Hommes war und ist in Deutschland jede vierte Frau von häuslicher Gewalt betroffen. Sie ist die häufigste Ursache von Verletzungen bei Frauen: häufiger als Verkehrsunfälle und Krebs zusammengenommen.

Herkunft:
Die Opfer stammen aus vielen Nationen: 2019 wurden allein in Gütersloh 39 Deutsche, 19 Frauen aus Vorderasien/Arabien, 5 Türkinnen, 16 Osteuropäerinnen, 6 Südeuropäerinnen, 5 Afrikanerinnen und 1 Amerikanerin im hiesigen Frauenhaus aufgenommen.

 
Finanzen:
Der Etat des Hauses umfasst 250 000 Euro plus Landeszuschüsse. Frauen, die dorthin kommen, müssen aktuell einen Tagessatz von 35 Euro zahlen, der im Notfall vom Jobcenter übernommen wird. Betreut werden sie von Sozial- und Diplompädagoginnen sowie von einer Erzieherin, die sich auf 4,5 Teilzeitstellen aufteilen. Die Leitung erfolgt ehrenamtlich.

 Platz:
Das Gütersloher Haus hat Platz für acht Frauen und zehn Kinder. Betroffene kommen nicht nur aus Stadt und Kreis Gütersloh, sondern – gemäß Landesverpflichtung und wenn es die Gefahrenlage erfordert – auch aus anderen Regionen.

Kontakt: Das Frauenhaus Gütersloh ist Tag und Nacht unter Tel. 05241/34100 erreichbar.

1979 wurde der Verein „Frauen für Frauen“ als Träger des Frauenhauses, der Frauenberatungsstelle und des Frauennotrufs gegründet – skeptisch beäugt von konservativen Politikern, die vor allem die Notwendigkeit einer Zufluchtsstätte für Opfer häuslicher Gewalt nicht sahen. Was nicht sein durfte, das konnte auch nicht sein. Nicht hier in Gütersloh.

Die Realität belehrte die Zweifler eines anderen. Rasch kam die damals als Frauenhaus genutzte Wohnung an die Grenzen ihrer Aufnahmekapazität. Nicht lange und der Verein erhielt ein eigenes Haus. Anfangs lag der Tagessatz für jeden Ankömmling bei 13 Euro. „Das war aber bei weitem nicht kostendeckend. Daran wären wir 2014 fast pleite gegangen“, sagt Petra Strauss. Heute liegt der Satz bei 35 Euro – und wird in Notfällen vom Jobcenter übernommen. Durchschnittlich werden 70 bis 80 Frauen pro Jahr temporär aufgenommen – plus deren Kinder.

 „Im Lauf der Zeit haben wir rund 5500 Betroffenen direkt helfen können, zu einem gewaltfreien und selbstbestimmten Leben zurückzufinden. Das kommt der Bevölkerung einer Kleinstadt gleich“, sagt Strauss – und nennt noch mehr als 1000 telefonischen Beratungen, die sie dabei nicht mitgerechnet hat. Die Art der Gewalt habe sich in all den Jahren wenig verändert, wohl aber die Klientel.

Ohne der AfD das Wort reden zu wollen, habe man es aktuell schon mit mehr Opfern aus Kulturbereichen zu tun, in denen Schlagen selbstverständlich sei, stellt Strauss sachlich fest. Eklatant auffällig aber sei die Zunahme an Tätern aus der deutschen Mittelschicht. „Nach außen sind es die aufmerksamen Ehemänner und liebevollen Väter, die sich im Kita-Vorstand engagieren, doch sobald die Wohnungstür zu ist, fängt der Terror an“, sagt Petra Strauss aus zig Gesprächen.

Zentral bedeutsam für das Team ist seit jeher das Kindeswohl. „Denn die haben als Co-Opfer häuslicher Gewalt die wenigsten Chancen, da raus zu kommen. Jungen, die schlagende Väter erleben, schlagen später oft selbst. Mädchen geraten als junge Frauen häufig ebenfalls in eine gewalttätige Beziehung. Und obwohl es keine Statistik darüber gibt, so ist klar, dass häusliche Gewalt auch eine Rolle bei der Schnittmenge zu Drogenopfern und Obdachlosen spielt“, sagt Lydia Wesemann.

Nicht von ungefähr sind beide Frauen dankbar für die in Gütersloh vorhandenen, unterstützenden Strukturen durch Stadt und Kreis sowie die funktionierenden Netzwerke. Das beginnt schon beim sogenannten Risiko-Screening der gewalttätigen Männer, das in Kooperation mit der Polizei, dem Weißen Ring und dem Jugendamt erfolgt. „Vor allem Letzteres schaut in Gütersloh genau hin“, lobt Strauss.

Das Zeitfenster, um gewalttätige Männer nach dem Weggang ihrer Frauen ins Frauenhaus zur Einsicht und zu einer notwendigen Beratung zu bringen, betrage lediglich zwei oder drei Tage, sagt Lydia Wesemann. Wobei ein Täterberater die Erfolgsquote auch dann nur mit drei Prozent beziffert habe. Zu tief greifen offensichtlich Aggressionspotenzial und Machtansprüche der Männer. Das Leitungsteam sieht da durchaus einen Zusammenhang zum Zeitgeist. „Nicht, dass Frauen die besseren Menschen wären“, sagt Strauss, „aber wenn selbst Russlands Staatspräsident Putin 2017 häusliche Gewalt als Ordnungswidrigkeit bagatellisiert und sein türkischer Kollege Erdogan eine Vergewaltigung straffrei stellt, wenn der Täter das Opfer heiratet, dann sagt das viel über heutige männliche Denkweisen aus.“

Wann und wo aber beginnt häusliche Gewalt? „Eigentlich mit einem gebrochenen Herzen“, sind sich Strauss und Wesemann einig. Womit sie nicht das Erwachen aus blinder Verliebtheit meinen, sondern die bittere Erkenntnis, dass frau ausgerechnet von dem Menschen, den sie am meisten liebt, erst „nur“ mundtot und kleingemacht, dann immer mehr isoliert, gedemütigt, drangsaliert und bedroht und schließlich auch geschlagen wird. Das Fatale daran sei, dass viele Frauen in dieser Opferrolle verharren, weil sie glauben, es wird anders, wenn sie „nur das richtige Kleid anziehen, besser kochen oder weil er mit Rosen ankommt“, sagt Strauss kopfschüttelnd.

Betroffene, die den Weg ins Frauenhaus finden, lernen vor allem eins: Keine Frau muss Gewalt erdulden und – das ist das Entscheidende – dass es ein langer und mitunter schwerer Weg ist, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. „Aber genau das ist unsere Aufgabe und unser Ziel: Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, die Frauen aus ihrer Unselbstständigkeit herauszuholen, ihnen Mut zu machen, ihnen ihre Wertigkeit wieder klar machen und sie zu befähigen, eigenverantwortlich ihr Leben in den Griff zu bekommen“, betont Lydia Wesemann. Die Arbeit sei deshalb oft anstrengend, weil „wir Menschen in Akutkrisen, teils in regelrechten privaten Kriegssituationen erleben und auffangen müssen.“

Wie hält das Team, das durchaus noch eine weitere Sozialpädagogin brauchen könnte, das aus? „Das liegt an den vielen kleinen Wundern, die wir immer erleben“, lächelt Petra Strauss und erzählt von einer schwer Traumatisierten, die sich bei ihrer Ankunft im Frauenhaus nichts mehr zutraute, die im Lauf der Betreuung aber neue Stärke entwickelte und bei der jüngsten Gütersloher Aktion „Billion for Rising“ (Kampagne gegen Gewalt) mitmachte. „Sie sagte uns, das Frauenhaus habe sie wie eine Blume aufblühen lassen. Das hat uns alle berührt.“

Und was wünschen sich die Kolleginnen zum 40-Jährigen? Auch da sind sich Petra Strauss und Lydia Wesemann einig: „Gewalt ist ein gesellschaftliches Problem und eine gesellschaftliche Verantwortung. Auch Politik muss erkennen, dass es besser ist, in Menschen zu investieren anstatt mit dem Finger auf sie zu zeigen. Wir haben noch nicht die Gesellschaft in Deutschland, die Frauenhäuser überflüssig macht. Und daher wäre eine stabile Finanzierung auch für das Gütersloher Haus für die nächsten 40 Jahre schön.“ Wie lautet das Motto des Teams? „Manchmal muss die Zuversicht eben ganze Arbeit leisten.“

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