Gütersloh
„Netflix ist nicht der Tod Hollywoods“

Gütersloh/Los Angeles (dop) - Die 92. Oscar-Verleihung am 9. Februar im Dolby Theatre in Los Angeles wird er ganz gemütlich zuhause von der Couch aus verfolgen. Zuhause, das ist für Christian Ditter, den 42-jährigen Regisseur mit Gütersloher Wurzeln, mittlerweile die kalifornische Filmmetropole.

Donnerstag, 06.02.2020, 11:57 Uhr

 Denn dort arbeitet er nicht nur für namhafte Hollywood-Studios, sondern verstärkt auch für Netflix. Mit der „Glocke“ sprach er über seine aktuellen Projekte und auch über Chancen und Möglichkeiten, die die Streamingplattformen den Filmschaffenden heute bieten – im Gegensatz zum althergebrachten Hollywood.

 „Die Glocke“:

Herr Ditter, sind Streamingdienste wie Netflix, Amazon und seit jüngstem auch Disney der Tod fürs traditionelle Hollywood?

 Ditter:

Nein, aber schon das Ende für eine gewisse Art von Geschichten. Mainstream-Filme wie „Pretty Woman“ oder „Kevin allein zuhause“ würden heute sicherlich nicht mehr von den Studios in Auftrag gegeben. Die sind bei Netflix und Co. besser aufgehoben.

„Die Glocke“:

Warum?

Ditter:

Das hängt mit den veränderten Geschäftsmodellen der Studios zusammen. Sie setzen heute entweder vorrangig auf die ganz teuren, weltweit publikumsträchtigen Actionfilme wie „Avengers“ und „Star Wars“ oder sie produzieren kostengünstig Nischen-Streifen beispielsweise im Horror-Genre. Weil dafür immer ein Publikum da ist, sind das finanziell sichere Unternehmungen, die sich immer rechnen. Alles, was dazwischen liegt, bleibt den Streaming-Produktionen. Das läuft bei denen wie geschnitten Brot. Ich sehe diese Entwicklung aber weniger als existenzielle Bedrohung für Hollywood als vielmehr als eine Ausweitung des Spielfelds.

„Die Glocke“:

Und wie verändert das die Kinolandschaft?

Ditter:

Die Fachleute sind sich einig, dass Filme wie „Pretty Women“ fürs Fernsehen produziert werden sollten. Welches Paar möchte denn – einschließlich Cola und Popcorn – 50 bis 60 Euro für solch einen Streifen im Kino ausgeben und auch noch Geld für den Babysitter bezahlen? Da ist das Filmvergnügen zuhause billiger. Den Kinos bleiben die Nischen- und Spektakelfilme, die die Wände wackeln lassen.

„Die Glocke“:

Schränkt diese Entwicklung Ihre Arbeitsmöglichkeiten als Regisseur denn nicht ein?

Ditter:

Im Gegenteil, Netflix und Co. sind für uns Filmschaffende Riesenchancen.

„Die Glocke“:

Inwiefern?

Ditter:

Früher wurde nur gedreht, was die Studios wollten. Die Verantwortlichen dort hatten feste Vorstellungen, die vom Regisseur ihrer Wahl und von bestimmten Stars umgesetzt werden sollten. Gedreht wurde nach erprobten Schemata, die Erfolg versprachen. Bei den Streamingdiensten ist das anders. Da kann man mit eigenen Ideen ankommen, und man erhält den Freiraum, diese auch nach eigenem Gusto umzusetzen.

„Die Glocke“:

Ist das bei Ihnen so?

Ditter:

Ja, nachdem ich die Comedy-Serie „Girl Boss“ abgedreht hatte, die von Sophia Amorusos Aufstieg von der kleinen Verkäuferin zu einer der erfolgreichsten Selfmade-Frauen Amerikas durch den Internethandel mit Vintage-Mode erzählt, hat mich Netflix gefragt, was ich gern als nächstes machen möchte. Meine Antwort: einen Film über Biohacker. Diese weltweit wachsende Community fasziniert mich. Das sind Menschen, die mit der gleichen Leidenschaft und Ethik wie die Computer-Hacker der 1980er- und 1990er-Jahre nach neuen Wegen suchen. Nur geht’s ihnen um die Verbesserung ihres eigenen Körpers. Sie richten sich zuhause ein Labor ein, um zu experimentieren, oder führen sich Biochemikalien zu, um die Funktionalität ihres Körpers zu verbessern oder zu verändern. Da gibt es von wissenschaftlicher Erkenntnis bis hin zu menschlichen Abgründen alles. Ein Superstoff, zu dem ich für die ersten drei Folgen auch Drehbuch schreiben konnte.

„Die Glocke“:

Die Spannbreite bei den Biohackern ist aber groß. Sie reicht vom einfachen Selbstheilungsversuch bis hin zur Manipulation der eigenen DNA.

 Ditter:

Genau. Weshalb wir auch nicht „nur“ einen Film, sondern eine ganze Serie daraus gemacht haben. Und die wurde gerade mit Luna Wedler („Dem Horizont so nah“) und Jessica Schwarz („Das perfekte Geheimnis“) in Freiburg, München und Berlin abgedreht.

„Die Glocke“:

Warum gerade dort?

Ditter:

Weil es in Deutschland eine sehr aktive Biohacker-Szene gibt. Und Netflix – nicht zuletzt durch den Riesenerfolg der spanischen Serie „Haus des Geldes“ – darauf erpicht ist, in seinen neuen Projekten immer auch ein bisschen das Leben und die Kultur anderer Länder widerzuspiegeln.

 Welchen weiteren Pläne er hat, wie er am Voting bei der Oscar-Verleihung teilnimmt und welchen Favoriten er hat, lesen Sie in der „Glocke“ vpm 7. Februar.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7307827?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198389%2F2516079%2F
Bielefelder Grüne stellen Milli-Görüs-Funktionär auf
Die Grünen Landesvorisitzende Mona Neubaur hält nichts von der Kandidatur des Milli-Görüs-Funktionärs. Foto: Jürgen Gebhard
Nachrichten-Ticker