Gütersloh
Trauer, die unter die Haut geht

Gütersloh (gl) - Walter war hier. Diagonal zieht sich der Schriftzug über die durchbrochene Mauer. Eine Signatur verläuft über den unteren Teil der halben Wand. Das Motiv geht unter die Haut. Im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist ein Trauer-Tattoo, das Nicole Meiners einer Kundin gestochen hat.

Freitag, 07.02.2020, 06:06 Uhr

 „Es soll sie immer an ihren Vater erinnern“, sagt Meiners. Tätowierungen aller Art sind längst gesellschaftsfähig geworden. Eine ganz besondere Bedeutung haben die Motive, die sich Menschen unter die Haut stechen lassen, um sich an einen geliebten Menschen zu erinnern, der gestorben ist. „Manchmal muss erst etwas Schlimmes passieren, bis man sich für eine Tätowierung entscheidet“, sagt Nicole Meiners.

Dauerhafte Erinnerung

Sie betreibt gemeinsam mit ihrem Mann Daniel das Tattoo-Studio „Bomb Ink“ an der Neuenkirchener Straße. Es sei nicht selten, dass Frauen oder Männer ins Studio kämen, um sich ein Motiv zur Erinnerung stechen zu lassen. „Selbst Menschen, die sonst nichts für Tattoos übrig haben, wünschen sich so eine dauerhafte Erinnerung.“

Wie eine Kundin, die sich die Unterschrift ihres Vaters in die Haut stechen ließ. Vor etwa vier Monaten sei die Frau zu ihr gekommen, berichtet die Tätowiererin. Vor fünf Jahren sei der Vater der Kundin gestorben. Aber noch immer sei die Trauer der Tochter groß. „Dieses Gefühl wollte sie durch die Tätowierung noch verstärken“, erklärt Meiners und fügt hinzu: „Es war ihr erstes Tattoo.“

Anregungen für das Motiv

Auch das Mauer-Motiv hat sich eine Kundin zur Erinnerung an ihren Vater tätowieren lassen. „Wir kennen uns schon lange“, sagt Nicole Meiners. „Sie hat mir ein paar Notizen überreicht, die beschrieben, wie sie sich an ihren Vater erinnert. Und hat mir dann überlassen, das Motiv zu entwerfen.“

Darstellung sollte sorgfältig ausgewählt werden

Wenn die Trauer noch ganz frisch ist, raten Nicole und Daniel Meiners den Trauernden oft, etwas Zeit verstreichen zu lassen. „Man ist dann in einem Ausnahmezustand. Wir geben Denkanstöße für die Wahl eines Motivs“, erklärt Nicole Meiners. „Wenn jemand zum Beispiel immer gern mit der Mutter nach Norderney gefahren ist, eignet sich vielleicht ein Leuchtturm oder eine Muschel, um die Erinnerung wach zu halten“, ergänzt Daniel Meiners.

Es müsse nicht immer der Name oder der Todestag sein. Und es sei wichtig, genau zu überlegen, wie auffällig das Tattoo sein solle, fügt seine Frau hinzu. Wer sich für ein Trauer-Tattoo entscheide, sollte sich schon fragen, ob er auch in 20 Jahren noch auf einen Namen und ein Datum angesprochen werden möchte, die gut sichtbar auf einem Körperteil verewigt seien.

Ausstellung „Unsere Haut als Gefühlslandschaft“

Wie tief das Gefühl der Trauer unter die Haut geht, zeigt auch die Ausstellung „Unsere Haut als Gefühlslandschaft“, die von Dienstag, 18. Februar (Eröffnung um 19.30 Uhr), bis Samstag, 29. Februar, in der Stadtbibliothek zu sehen ist. „Menschen lassen sich in der Trauer tätowieren. Sogar Menschen, die vorher Tattoos verweigernd oder gar verachtend gegenüber standen. Ob ein besonderer Schriftzug, ein Symbol, eine Zeichnung.

Ob Mann oder Frau. Jung oder Alt. Das Tattoo ist ein Statement für immer, denn Trauer geht nicht vorbei. Sie verändert sich und sucht nach individuellem Ausdruck. Trauer will gesehen werden“, heißt es in der Ankündigung. Katrin Hartig, Trauerbegleiterin, ist diesem Phänomen nachgegangen. Zusammen mit Projektpartnerin Stefanie Oeft-Gearth hat sie Bilder von Menschen zusammengestellt, die die Geschichte zu ihrem Trauer-Tattoo erzählen.

Gespannt auf die Reaktion der Betrachter

„Als wir uns entschieden haben, die Wanderausstellung nach Gütersloh zu holen, ist uns aufgefallen, dass es das auch bei uns in der Nähe gibt“, erklärt Mareike Neumayer vom Hospiz- und Palliativverein, wie der Kontakt zu „Bomb Ink“ zustande gekommen ist. Neumayer ist gespannt, wie die Besucher auf die Bilder reagieren. „Wir erwarten, dass einige den Ärmel hochkrempeln und sagen: Das ist mein Trauer-Tattoo.“

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