Gütersloh Was hier zählt, ist nur der Mensch

Gütersloh (nika) - Dass ein Miteinander auf Augenhöhe gut funktionieren kann - das beweist die Vesperkirche in diesem Jahr zum dritten Mal. „Besonders vor dem Hintergrund, was gerade in Thüringen passiert, freut mich die positive Dynamik dieser Veranstaltung“, sagt Pfarrer Stefan Salzmann.

Von Anonymous User

Es ist 11.30 Uhr. Die ersten Menschen stehen schon vor der Tür, unterhalten sich, begrüßen Passanten und Neuankömmlinge. Unterdessen ist hinter den verschlossenen Türen schon einiges los. Helfer decken Tische ein, fahren große Behälter mit Fisch, Fleisch und Gemüse durch die Kirche, besprechen letzte organisatorische Feinheiten.

Steuerkreis am Rand der Überforderung

Zusammenhalt, Respekt, Achtsamkeit. Prinzipien, die die Woche des gemeinsamen Mittagessens geprägt haben. Herkunft und Gehaltszettel? Egal. Sobald sich die Tür zur Kirche öffnet, zählt nur noch der Mensch.

Dass der junge Mann in verschlissenen Sachen, der der gut gekleideten Frau in die Jacke hilft, vielleicht auf der Straße lebt – darüber macht sich in dem Moment niemand Gedanken.

Salzmann sagt, die Einführung des kulturellen Programms in den Abendstunden sei eine Herausforderung gewesen. „Uns als Steuerkreis hat es an den Rand der Überforderung gebracht, dass abends nochmal Programm stattfindet“, gibt der Pfarrer zu. Aber: Es hat sich gelohnt, betont er und lächelt. „Es ist richtig schön, wie versunken die Menschen der Musik lauschen, die sonst vielleicht vor Jahren das letzte Mal klassische Musik gehört haben.“

300 Menschen kommen zum Mittagessen

Es ist 11.45 Uhr. Salzmann öffnet die Tür für Menschen, die nicht gut zu Fuß sind. Ältere Leute reihen ihre Rollatoren vor dem Altarraum auf, bekommen bei der Platzsuche helfende Hände gereicht. Es sind dieselben, die sie gerade am Eingang begrüßt haben. „Schön, dass Sie wieder da sind – setzen Sie sich hier auf Ihren Stammplatz“, sagt die freundliche Stimme, zu der die Hände gehören.

Dank rund 50 Helfern treffen sich täglich 300 Menschen zum Mittagessen, lernen sich kennen, lachen gemeinsam. An einigen Tagen sei es richtig wuselig geworden, so viele Menschen hätten die Martin-Luther-Kirche besucht, berichtet Salzmann.

Lastwagen fällt aus - Gäste fassen mit an

Organisatorisch sei alles glatt gelaufen: Geld, Mitarbeiter, Logistik – alles hat geklappt. Auch dank der Gäste, die dem Organisationsteam spontan zur Seite standen. „Am Sonntag ist der Lastwagen mit dem Essen kaputtgegangen – er war aber schon beladen“, erzählt Salzmann. Die Tafel habe zwar einen Ersatz organisiert, aber wie sollte das Essen umgeladen werden? „Wir haben eine Durchsage gemacht und konnten dann mit mehreren Gästen rüberfahren, die mit angefasst haben.“ Salzmann ist begeistert. „Das ist der Geist der Vesperkirche.“

11.58 Uhr. „Es ist ein schöner Moment, wenn alles reinströmt“, sagt eine Helferin und wiegt den großen Kirchenschlüssel in der Hand. Eine andere Frau gibt einigen Besuchern Tipps, wie sie ihre eiskalten Hände am schnellsten aufwärmen.

Beratung und Gesprächsangebote

Frank Kahle-Klusmeier vom SPI Gütersloh lächelt. Er ist mit drei anderen als Beratungslotse in der Vesperkirche unterwegs. „Einige Besucher kommen mit Suchtproblemen zu uns, andere beraten wir in Sachen Erziehung“, sagt der Helfer. „Ein junger Mann kam barfuß hierher. In kürzester Zeit konnten wir Kleidung für ihn organisieren.“

Auch Infos zu anderen Beratungsangeboten bekommen die Menschen bei den Helfern. „Ich gehe viel auf die Leute zu – das bringt mehr als nur in einer Ecke zu stehen und zu warten, dass jemand kommt.“ Fällt auf, dass ein Gast sehr zurückgezogen wirkt, am Tisch einschläft oder sogar weint, geben die Engagierten den Beratern Bescheid.

Alle werden gut behandelt

Ulrich Maas-Holzheimer von der Diakonie sagt: „Oft hilft es, sich dazu zu setzen.“ Das ganzheitliche Konzept gefällt ihm. Die Herzen der Menschen sind offen. „Hier werden alle ohne Gegenleistung gut behandelt. Egal, wie sie aussehen.“ Und egal, ob sie dafür bezahlen könnten.

12 Uhr. Die Tür öffnet sich, die Menschen strömen herein. Es gibt sicher vieles, was sie unterscheidet. Aber eines eint sie heute: das Lächeln im Gesicht, als die Helfer sie mit einem Handschlag willkommen heißen.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7307821?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198389%2F2516079%2F