Starke Satire: Thomas Freitag glänzt im Gütersloher Theater Gepolsterte Laternen in London

Gütersloh (WB). Zwei Stunden lang das schwächelnde Europa, den bisweilen nicht ungefährlichen Kreisverkehr und einen tragischen Unfalltod unterhaltsam zu parodieren, das kann nicht jeder. Thomas Freitag gelingt das aber am Donnerstagabend – sogar hervorragend.

Von Uwe Caspar
Immer in der Spur geblieben: Kabarett-Altmeister Thomas Freitag beweist auf der Bühne des Gütersloher Theaters sein satirisches und schauspielerisches Talent.
Immer in der Spur geblieben: Kabarett-Altmeister Thomas Freitag beweist auf der Bühne des Gütersloher Theaters sein satirisches und schauspielerisches Talent. Foto: Uwe Caspar

Der gewitzte Altmeister des deutschen Kabaretts liefert im gut gefüllten Gütersloher Theater ein politisch-satirisches Meisterwerk ab, das auch zum Nachdenken anregen soll. Er möchte das Publikum mit „etwas Sinnvollem traktieren“, lässt der bald 70-jährige Satire-Schalk vorweg wissen.

„Europa, der Kreisverkehr und ein Todesfall“, so hat Freitag sein nicht mehr ganz taufrisches Programm betitelt. Die Rolle des tödlich Verunglückten nimmt er selbst ein:  Der wandelbare Komiker mimt den EU-Bürokraten Peter Rübenbauer, zuständig für die Entwicklung aller europäischen Kreisverkehre. Ausgerechnet in dem Auto-Rondell wird Rübenbauer vom Wagen eines Engländers aus dem Leben katapultiert.

Auf der Bühne landet der Protagonist an einer trostlosen Haltestelle mit umgekipptem Mülleimer. Im fiktiven Jenseits seziert Thomas Freitag dann mit humoristischen Monologen das heutige Europa, wobei er in verschiedene Rollen schlüpft und dabei auch sein schauspielerisches Talent beweist. Wenngleich der scharfzüngige Comedy-Oldie ein Verfechter der EU ist („Europa ist nicht nur die Champions League“), so scheut er sich nicht davor, ihren Bürokratismus aufs Korn zu nehmen. Zum Beispiel, dass es eine 300 Seiten lange EU-Erklärung zum Wasserdurchfluss bei Duschköpfen gibt. Auch die Aufstellung einer Leitung hätten die Brüsseler minutiös beschrieben.

Die Betriebswirtschaft hält Europa zusammen

Im Jenseits trifft Rübenbauer neben dem geschäftstüchtigen Gott („Für einen Hunni kriegst du ein Selfie mit mir“) auch noch einen anderen Gott: Zeus. Für den war das alte Rom das „erste zentrale Europa“. Früher habe die Philosophie Europa zusammengehalten, heute sei es die Betriebswirtschaft, bedauert Rübenbauer. Dass das Studienfach BWL sich immer größerer Beliebtheit erfreut, führt er auf „Geldgier“ zurück.

Rübenbauer steht auch dem Digitalzeitalter skeptisch gegenüber: „In London haben sie die Laternen gepolstert, damit sich die nur aufs Smartphone glotzenden Leute nicht verletzen.“ Auch die AfD kommt nicht ungeschoren davon. „Das Dritte Reich als Vogelschiss zu bezeichnen, darauf muss man erstmal kommen“, lästert Freitag alias Rübenbauer über den Gauland-Spruch.

Der Solist spöttelt zudem über den Flughafen Kassel-Calden, auf dem es täglich nur fünf Starts gäbe: “Drei Amseln, zwei Spatzen.“ Und Postzustellungen von Amazon nennt Rübenbauer verächtlich „Ekelpakete“. Der Comedy-Künstler verwandelt sich auch in einen evangelischen Selbstmordattentäter. Doch am Sprengstoffgürtel hängen verschlissene Birkenstock-Sandalen und Wollsocken. Wenngleich Freitags beste Zeit als Kabarettist vorbei ist, hat er heute noch mehr drauf als so mancher Kollege der nachfolgenden Generation. Auch im „Kreisverkehr“ bleibt Thomas Freitag in der Spur.

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