Gütersloh: Zehn Jahre alter Neubau ist gesellschaftlicher Kristallationspunkt geworden
Theater ist der neue Heidewald

Gütersloh (WB). Erster Akt, erste Szene. Ein Theatersaal. 530 übereinander angeordnete, mit rotem Stoff überzogene Stühle. In Reihe neun, Plätze 15 und 13, sitzen zwei Personen. Von der Bühne aus links gesehen Christian Schäfer (44), künstlerischer Leiter des Gütersloher Theaters. Rechts von ihm Stephan Rechlin, Redakteur des Westfalen-Blattes. Der Redakteur hat einen Block und einen Stift dabei.

Samstag, 01.02.2020, 08:15 Uhr aktualisiert: 01.02.2020, 08:20 Uhr
Auf einem von 530 Stühlen im Theatersaal beantwortet der künstlerische Leiter Christian Schäfer (links) die Fragen von WB-Redakteur Stephan Rechlin zum zehnjährigen Bestehen des Neubaus. Der Fotograf dieser Szene steht auf der Bühne. Foto: Wolfgang Wotke

Wer in Minden gesellschaftlich ankommen möchte, muss ins Bürgerbataillon eintreten. In Bielefeld ist die VIP-Lounge von Arminia Bielefeld entscheidend, in Paderborn die katholische Kirche. In Gütersloh haben der FC und die Schützengesellschaft in dieser Hinsicht abgedankt. Hat das Theater zehn Jahre nach der Neubau-Einweihung ausreichend Anziehungskraft, um zum gesellschaftlichen Kristallisationspunkt der Stadt zu werden?

 

Christian Schäfer: Im Sinne einer Agora wie im klassischen Griechenland, absolut ja! Wir verstehen uns als Theater für die gesamte Stadt, den Kreis und die Region. Zu den Highlights wie den Veranstaltungen der von unseren Sponsoren ermöglichten Reihe Vier Jahreszeiten, in der Weltstars wie Nigel Kennedy, Lang Lang, John Malkovich, Bill Murray in Gütersloh auftreten, kommen auch die Chefs der großen Arbeitgeber und die Spitzen aus Rat und Verwaltung in unser Haus.

Und bleiben doch überwiegend unter sich. Die Karten für diese Veranstaltungen sind kontingentiert, damit Sponsoren ihre Kunden, Mitarbeiter, Freunde damit versorgen können.

 

Schäfer: Das ist eine häufig kolportierte Behauptung.  Die Saalgröße ist die größte Kontingentierung. Wir haben jedoch bei 530 Plätzen, etwa die Hälfte im freien Aboverkauf und noch mal gut ein Drittel im freien Kartenverkauf. Für die nächsten beiden Konzerte mit Charly Hübner und Kathia Buniatishvilli gibt es im Moment sogar noch Restkarten. Es zeichnet die Reihe aus, dass man diese Stars in so einem intimen Rahmen zu sehen bekommt. Das Sponsoring ermöglicht uns dazu attraktive Eintrittspreise. Und: Bei den Kunden, Mitarbeitern und Freunden handelt es sich doch meist auch um Gütersloher Bürger. Einige von Ihnen werden über diese Reihe auch auf unser Gesamtprogramm aufmerksam und vielleicht Teil einer anderen Publikumsgemeinschaft.

Inwiefern?

 

Schäfer: Es gibt bei uns durchaus unterschiedliche Publikums-Typen. Zumal wir im Gütersloher Theater ja nahezu die ganze deutschsprachige Theaterlandschaft abbilden, ergänzt durch internationale Produktionen, Konzerte und Kabarett. Wir bieten Boulevardstücke an, aber auch experimentelles Theater, gesellschaftskritisches Theater und klassische Stücke, gerne mit aktuellen Bezügen. Dazu Tanztheater, Figurentheater und Musicals, für Besucher, die sich nach anstrengenden Arbeitstagen einfach mal nur gut unterhalten lassen möchten. Die Auslastung unserer Abendveranstaltungen lag zuletzt bei sagenhaften 92 Prozent.

Aber können solche Aufführungen den Jubel entfesseln, den ein Tor in der letzten Spielminute entfacht oder ein nach einem spannenden Duell fallender Adler beim Schützenfest?

 

Schäfer: Oh, aber ja. Entgegen der Vorwarnungen,  das Begeisterung in Ostwestfalen schwierig zu entfachen sei, gelingt dies zu meiner Freude ständig. Wir versuchen das ursprüngliche Motto des neuen Theaters „Neues Erleben“ dabei weiterhin beizubehalten. Als Pianist Chilly Gonzales im November 2017 das Publikum fragte, wer  Songs von ihm kennen würde, gingen wenige Hände hoch. Am Ende des Konzerts standen die Leute, jubelten, forderten Zugaben. Das Live-Erlebnis Theater, in all seinen Facetten, ist ganz unmittelbar, die Spannung kann sich wie bei einem guten Fußballspiel übertragen.

Noch zehn Jahre nach der Einweihung wird dem Gütersloher Theater vorgeworfen, ein elitärer, weißer Kulturtempel zu sein…

 

Schäfer: Ich sehe eine positive Entwicklung, wenngleich ich weiß, dass nie die gesamte Stadtgesellschaft deren Kulturprogramm wahrnehmen wird. Einige Kritiker  von damals zählen  inzwischen zu unseren Stammgästen.  Kindertheater für sechs Euro gucken, hat mit elitärem Kulturtempel überhaupt  nichts zu tun. Weltstars hautnah für 50 Euro erleben zu können, eben so wenig. Die Vorbehalte der Bürgerinitiative gegen den Neubau des Theaters sind ja in die Planungen insofern eingeflossen, als dass das Theater  ohne den Bürgerentscheid größer und teurer ausgefallen wäre – heute ist es mit seinen 530 Plätzen genau richtig für eine 100.000-Einwohner-Stadt. Im Programm setzen wir einen starken Akzent auf die Arbeit für und mit Jugendlichen und Kindern, auf die Schultheatertage, auf die Einbindung der Bürgerbühne und die Reihe Klangkosmos Weltmusik, zu der Gruppen aus dem Iran oder Neuseeland kommen, die hier bejubelt werden und ihren Fans Autogramme geben. Da sind wir wieder bei der Agora und dem Theater für alle. Mit 27 Millionen Euro Baukosten inklusive Außenanlagen, von denen mehr als sechs Millionen durch Spenden finanziert wurden, war dieser Neubau übrigens vergleichsweise günstig, wenngleich das für die Kommune natürlich trotzdem viel Geld war. Bei der Sanierung der Stadthalle haben wir uns ja zum Glück erfolgreich um Landeszuschüsse beworben und auch für die Programmkosten bemühen wir uns nicht zuletzt bei der Landesregierung um Förderung.

Fußball- und Schützenvereine leiden vor allem unter digitaler Konkurrenz. Netflix, Amazon Prime, Sky oder Dazn sind spannender als der Heidewald. Bedrohen diese Angebote nicht auch das Theater?

 

Schäfer: Die Digitalisierung revolutioniert auch das Theater. Wir müssen alle digitalen Foren bespielen, um wahrgenommen zu werden. Das junge Publikum möchte einen Trailer zur bevorstehenden Aufführung sehen, danach entscheidet sich, ob jemand kommt. Zum Konzert von Jonas Kaufmann sind sogar Besucher aus Spanien und aus weiteren europäischen Ländern gekommen, die via Google gesehen hatten, dass er bei uns in Gütersloh auftritt. Auf der Bühne wird zunehmend digitale Technik eingesetzt. Doch der Reiz der menschlichen Begegnung überwiegt im Theater, das ist unser größtes Pfund.

Eignen sich selbst produzierte Stücke mit lokalem Bezug wie „Der letzte Cowboy“ oder „Der Prediger“ dazu, lokale Treffpunkte zu schaffen?

 

Schäfer: Wir glauben, dass diese Inszenierungen das Theater noch mehr in der Stadt verankern, ja.  Es interessiert mich, welche Geschichten, welche Künstler, Musik- und Tanzensembles  und Autoren es hier vor Ort gibt. Es geht mir allerdings nicht allein um die lokalen Bezüge. Die Inhalte sollen durchaus auch unabhängig davon eine Relevanz haben und global verständlich sein.

Bleibt die Frage der Grundversorgung. Auf dem Fußballplatz und beim Schützenverein bekomme ich ein Bier, eine Pommes und eine Bratwurst. Im Theater…

 

Schäfer: Unser Caterer kümmert sich um das leibliche Wohl der Besucher und Besucherinnen und wenn wir bei Premieren mal eine Kartoffelsuppe servieren, dann gibt’s auch wahlweise Biowürstchen dazu.

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