Umweltschützer Kurt Gramlich (67) baut Messstation in Gütersloh auf
Radioaktivität selbst messen

Gütersloh (WB). Der Umweltaktivist Kurt Gramlich (67) hat jetzt in Gütersloh mit seinem Verein „Freie Software und Bildung“ eine Messstation für Radioaktivität eingerichtet. Seit Weihnachten speist ein von dem früheren VHS-Dozenten selbst gebauter Geiger-Zähler die ermittelten Daten in eine öffentlich einsehbare, sogenannte Open-Streetmap im Internet unter www.multigeiger.citysensor.de/36953 ein.

Freitag, 03.01.2020, 06:15 Uhr aktualisiert: 03.01.2020, 06:20 Uhr
Um einen Geiger-Zähler selbst herzustellen, sind nach Angaben von Kurt Gramlich nur wenige Mikroelektronik-Bauteile nötig. Dazu gehört diese bei Ebay erhältliche Platine, die mit frei zugänglicher Software ausgelesen werden könne. Foto: Carsten Borgmeier

Gramlich, Sprecher der Bürger-Initiative „Energiewende“, Unterstützer der Aktion „Fridays for Future“ (FFF) und Vorstandsmitglied beim Gütersloher „Klimatisch“, will mit dieser Aktion das Bewusstsein der Bevölkerung für das Thema radioaktive Strahlung schärfen. Denn gleich zwei Atomkraftwerke (AKW), in Lingen im Emsland sowie Grohnde an der Weser, liegen weniger als 70 Kilometer Luftlinie von Gütersloh entfernt, so Gramlich.

„Werden wir rechtzeitig gewarnt, sollte es in einer dieser Anlagen zu einem Unfall kommen und Radioaktivität austreten?“, spielt er auf eine Katastrophenschutz-Übung an, „die im Herbst 2013 stattgefunden hatte und eklatante Mängel beim Krisenmanagement der beteiligten Behörden offenbarte“, so Gramlich.

Damals sei ein Störfall im AKW Emsland simuliert worden, so Gramlich. „Die Krisenstäbe von Bund und Ländern waren dazu einberufen worden. Die mehr als 200 Beteiligten wussten, dass es nur eine Übung war. Aber sie sollten so tun, als müssten sie eine reale Reaktorkatastrophe bewältigen“, führt der 67-Jährige weiter aus. Die Bilanz dieser Übung sei aufgrund von Kompetenz-Gerangel der involvierten Behörden „so katastrophal gewesen, dass sie zunächst geheim gehalten wurde“.

Gramlich: „Die radioaktive Wolke war in der Simulation schon Stunden über Gütersloh hinweggezogen, bevor die zuständigen Krisenstäbe reagierten.“ Ein Journalist habe gegen die Geheimhaltung der Protokolle geklagt und die desaströsen Ergebnisse offenlegen können. Besonders brisant sei in diesem Zusammenhang, dass in jüngster Zeit die Vorsorge-Vorschriften bei Atom-Unfällen noch drastisch verschärft wurden: Demnach müsse ein Umkreis von 20 Kilometern um ein AKW innerhalb von 24 Stunden evakuiert werden, sagt Gramlich.

Doch nicht allein diese Anlagen und der dort entstehende Atom-Müll machen dem ehemaligen Fachbereichsleiter der Volkshochschule in Halle/Westfalen Sorgen: So ist er davon überzeugt, dass auch hier im Kreisgebiet einige Unternehmen mit radioaktiven Materialien arbeiten: „Was passiert, wenn zum Beispiel ein mit solch hochgefährlichen Stoffen beladener Lastwagen verunglückt?“

Ein eigener Geiger-Zähler am Haus könne also eine wichtige Warnfunktion erfüllen, meint der Soziologe. Das Mess-Instrument sei zudem aus wenigen Mikroelektronik-Bauteilen selbst zu bauen, es koste insgesamt vielleicht 50 Euro. Der Geiger-Zähler bestehe aus einer Platine, die Stromversorgung übernehme ein Handynetzteil. Ein Funkchip versende via W-LAN die ermittelten Daten. Das Zählrohr vom Typ Si22G sei ein hochsensibler Detektor für Gamma-Strahlung und ebenfalls legal im Internet zu bestellen.

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