Jürgen Bose (86) kam als 17-Jähriger ganz allein in den Westen
Flucht mit dem Boot aus der DDR

Gütersloh (WB). Auf der Milchstraße in den Westen? So könnte man Jürgen Boses Flucht mit etwas Fantasie beschreiben: Der 86-Jährige ist neun Jahre vor dem Bau der Berliner Mauer in der Nähe von Lübeck rübergekommen – mit 17 Jahren in einem Boot und mit Hilfe der Molkereibranche.

Mittwoch, 06.11.2019, 15:00 Uhr
Jürgen Boses Leidenschaft gehört nicht nur Hummeln und Wildbienen, sondern auch dem Fotografieren. Bei seinen Besuchen in der Heimat, einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, hat er viele Aufnahmen von seiner Familie gemacht – vor allem von den Schwestern, die nach seiner Flucht geboren wurden. Foto: Dunja Delker

Tatsächlich hat die Flucht des gelernten Molkereigehilfen jede Menge mit seinem Beruf zu tun. Denn ohne seinen damaligen Chef Albert Wendt und dessen gute Kontakte zu Molkereien und Landwirten wäre der Westen für den 17-Jährigen wohl Jahrzehnte lang ein unerreichbares Ziel in Sichtweite geblieben.

Mehrteilige Serie

Bereits erschienen sind Texte über Steffen Enge und Jutta Conradt.

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Die »VoPo« stets im Blick

Er wächst in Kalkhorst, einem Dorf unweit des Ostseebads Boltenhagen auf. Nach der Unterteilung Deutschlands in Besatzungszonen liegt Kalkhorst im Osten, die etwa 30 Kilometer entfernte Grenze gen Westen wird durch den Fluss Wakenitz markiert.

Jürgen Bose, 1933 geboren, hat als Jugendlicher die Volkspolizei (»VoPo«) stets im Blick. »Die Streife hat die sandigen Grenzstreifen auf Fußspuren untersucht«, erzählt Bose, der damals durchaus kritisch beobachtet, dass die innerdeutsche Grenze immer dichter wird. Nur wenige Meter von seinem Zuhause wird schließlich der erste Schlagbaum aufgestellt.

Sein Chef ermutigt den damals 17-Jährigen, der Ostzone den Rücken zu kehren, bevor es zu spät sei. »Dabei habe ich mich sogar in der FDJ engagiert«, erzählt Bose. »Als ich schließlich meine Tanten im Westen nicht mehr besuchen durfte und immer mehr Kollegen von heute auf morgen verschwanden, setzte bei mir das Umdenken ein«, erinnert er sich.

Per Taxi ins Sperrgebiet

Boses Chef in der Molkerei sagt ihm zu: »Wenn Du mich noch sechs Monate unterstützt, dann helfe ich Dir im Frühjahr über die Grenze.« Und während seine wenigen verbliebenen Kollegen denken, er mache Urlaub, bringt sein Vater den jungen Mann im Frühjahr 1952 in die Molkerei der Kreisstadt Grevesmühlen. Mit Zeugnissen und Ausweis in der Westentasche sowie Unterwäsche in der Aktentasche wird er mit dem Taxi weiter durch das Sperrgebiet nach Groß Mist gebracht. »Viele Taxen hatten die Berechtigung, im Grenzbereich zu fahren. Deswegen wurden wir gar nicht angehalten«, erinnert sich Jürgen Bose, der während seiner Flucht nie weiß, welchen Plan sein Chef als nächstes für ihn ausgeheckt hat.

In der Molkerei verbringt der junge Mann eine Nacht, bevor er nach dem Frühstück zur Gartenpforte hinaus zu einem nahegelegenen Bauernhof geschickt wird. Der Landwirt ist gar nicht erfreut, als er den Flüchtling sieht: »Das will ich Dir sagen: Du bist der Letzte, den ich noch rüberbringe«, poltert er und erzählt, dass er in den letzten Tagen schon Besuch von zwei Spitzeln hatte. Dennoch lässt er den jungen Molkereigehilfen auf dem Pferdewagen neben sich Platz nehmen, trichtert ihm ein »Du bist mein Schwager« und fährt mit ihm zu seinem Acker an der Grenze zu Westdeutschland.

Jürgen Bose bekommt eine Schaufel in die Hand gedrückt und plättet Maulwurfshügel, als nach Stunden auf der nahegelegenen Wakenitz ein Boot mit zwei Frauen und einem Mann angefahren kommt. »Für immer nach’n Westen?«, fragt eine der Frauen und Bose antwortet stolz: »Jau!«.

Job, Kost und Logis

Jürgen Bose fehlen noch heute, 57 Jahre später, die Worte, wenn er an seine Ankunft in Lübeck denkt. »Jetzt bist du frei, dachte ich mir. Ich war total beseelt und überglücklich«, erzählt er, dass er angesichts dieses Glücksgefühls jegliche Vorstellung von Raum und Zeit verloren hatte. »Ich weiß nur noch, dass ich mit dem Zug weiter nach Kiel fuhr, weil mich dort die Familie meiner Mutter erwartete. Und nur wenige Tage später hatte ich in der Molkerei Heinrich Einfeldt meine erste Anstellung – inklusive Kost und Logis.« Bereits am zweiten Abend schickt der älteste Sohn seiner zurückgelassenen Familie eine Postkarte – verschlüsselt: »Krankheit gut überstanden, OP gelungen. Bin schon wieder in Kost und Arbeit.«

Heimweh? Das kennt Jürgen Bose nicht. Auf der stetigen Suche nach etwas Neuem kehrt er Kiel nach Beschäftigungen in diversen Molkereien den Rücken, kommt über Gronau nach Soest, wo er seine spätere Frau Emmi trifft. Mit der Grundschullehrerin zieht der Molkereiexperte – inzwischen Meister – weiter nach Dortmund und schließlich zu Strothmann in Gütersloh. Damals hatte das Unternehmen, das an Friesland-Campina ging und dessen Standort an der Hans-Böckler jüngst geschlossen wurde, noch seinen Sitz an der Brockhäger Straße.

Pakete mit Puppen

Zwischen den unterschiedlichen Arbeitsstellen nutzt Jürgen Bose immer wieder die Zeit für Besuche in der alten Heimat. Kurz nach seiner Flucht hatte Jürgen Boses Mutter 1952 Zwillinge zur Welt gebracht und so genießt es der große Bruder, die Nesthäkchen mit Paketen aus dem Westen zu verwöhnen, mit schönen Puppen und Kleidern beispielsweise. Zu ihnen hat der Vater eines Sohnes und Opa einer Enkelin noch heute guten Kontakt. Bose: »Wir besuchen uns regelmäßig, sind ganz eng.«

 

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