Sexualisierte Gewalt: »Anonyme Spurensicherung« hilft Opfern
Bloß nicht verkriechen!

Gütersloh (WB). 216 Fälle sexualisierter Gewalt sind im vergangenen Jahr bei der Kreispolizeibehörde angezeigt worden. Wie hoch die Dunkelziffer ist? »Da kann man nur spekulieren«, sagt Ursula Rutschkowski, die Opferschutzbeauftragte der Polizei.

Donnerstag, 03.10.2019, 05:34 Uhr aktualisiert: 03.10.2019, 05:40 Uhr
Wollen das Angebot bekannter machen (von links): Dr. Wencke Ruhwedel (Klinikum Gütersloh), Dr. Johannes Middelanis (St.-Elisabeth-Hospital), Ursula Rutschkowski (Polizei), Angela Wüllner (Kreis Gütersloh) und Eva Sperner (Stadt Halle). Foto: Michael Delker

Opfer von sexuell motivierten Straftaten scheuen oftmals den Gang zur Polizei. »Die Betroffenen haben Scham- und Schuldgefühle, fühlen sich nach einer Vergewaltigung schmutzig. Sie neigen dazu, sich verkriechen zu wollen«, erläutert die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Halle, Eva Sperner. Sie engagiert sich im Netzwerk »Anonyme Spurensicherung im Kreis Gütersloh«, an dem unter anderen die heimischen Kliniken, der Kreis, Weiße Ring, die Polizei und Frauenberatungsstelle beteiligt sind.

Seit 2017 haben Opfer sexualisierter Gewalt die Möglichkeit, vertraulich die Spuren einer Gewalttat im Klinikum Gütersloh oder im St.-Elisabeth-Hospital sichern zu lassen, ohne sofort eine Anzeige zu erstatten. Die Sicherung von DNA-Spuren und die genaue Dokumentation von Verletzungen ist wesentlicher Bestandteil der Untersuchung.

Beweise werden zehn Jahre unter einer Chiffrenummer gelagert

Außerdem gehören ein Fragebogen und eine gynäkologische Untersuchung dazu, bei entsprechendem Verdacht zusätzlich auch ein Test auf K.O.-Tropfen. Die im Krankenhaus gesicherten Beweise werden für die Dauer von zehn Jahren unter einer Chiffrenummer im Rechtsmedizinischen Institut in Münster gelagert. So ist auch Jahre nach der Tat noch eine Anzeige möglich.

Nach Angaben der Chefärzte Dr. Wencke Ruhwedel (Klinikum) und Dr. Johannes Middelanis (St.-Elisabeth-Hospital) haben im laufenden Jahr jeweils drei Frauen in den beiden Krankenhäusern anonym Spuren sichern lassen. Das Netzwerk möchte das Angebot deshalb bekannter machen.

Es ist eine Öffentlichkeitskampagne konzipiert worden. So wird in einem Spot bei Radio Gütersloh jeden Abend und an Wochenenden auf das Angebot hingewiesen. Außerdem sind so genannte City-Cards erstellt worden, die mit unterschiedlichen Motiven auf die Thematik hinweisen und im Kreisgebiet verteilt werden.

Die Betroffene entscheidet, ob die Justiz aktiv wird

Eine Kernaussage lautet: »Du entscheidest...« Sie soll vermitteln, dass es in Händen der Betroffenen liegt, ob und wann die Justiz aktiv wird. Die zweite Kernaussage (»Nicht waschen«) gibt Ratschläge, wie man sich nach einer Vergewaltigung verhalten sollte. Die Opfer sollten vor einer Spurensicherung weder sich selbst noch ihre Bekleidung waschen. Auch sollten keine anderen Spuren vernichtet werden, zum Beispiel auf Bettlaken, Handtüchern oder Möbeln.

Dritter Bestandteil der Kampagne ist ein Kurzfilm, der im Bambi-Kino gezeigt wird sowie unter www.pia-online.eu/spurensicherung einsehbar ist. Das Land hat für die Öffentlichkeitsarbeit Fördermittel in Höhe von 5000 Euro bereitgestellt.

 

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