FSV-Trainer und Ost-Berliner Steffen Enge erinnert sich an die Wende
»Als die Mauer fiel... servierte die Krankenschwester Sekt«

Gütersloh (WB). Als im Oktober 1989 die friedliche Revolution in der DDR richtig Fahrt aufnahm, hätte sich wohl kaum jemand träumen lassen, dass ein Jahr später, am 3. Oktober 1990, der Einigungsvertrag unterschrieben wird. 30 Jahre nach dem Mauerfall erinnern sich Menschen in Gütersloh an diesen bedeutenden Teil deutsch-deutscher Geschichte.

Donnerstag, 03.10.2019, 09:00 Uhr aktualisiert: 03.10.2019, 10:38 Uhr
Steffen Enge mit seinem ersten Trabant. Der rote Flitzer ist in den 1980er Jahren in Ost-Berlin stadtbekannt. Der Profi-Fußballer hat ihn für 8000 Ostmark auf dem Schwarzmarkt gekauft. Nach dem Mauerfall macht die Familie im Trabi den Ku’damm unsicher. Foto: privat

Dass Steffen Enge »von drüben« kommt, ist nicht zu überhören. Seine »Berliner Schnauze« ist das Markenzeichen des Trainers des Zweitligisten FSV Gütersloh. Seit Juni 1991 lebt der 53-Jährige mit seiner Familie in Ostwestfalen, kam damals über den FCG her und sagt: »Wenn der Fußball nicht gewesen wäre, würde ich vielleicht noch in Ost-Berlin leben.«

Eine (fast) normale Ost-Familie

Steffen Enge ist im heutigen Szene-Viertel »Prenzlauer Berg« aufgewachsen. Sein Vater ist bei der Deutschen Reichsbahn »Direktor für Beschaffung und Absatz«. »Auch ohne SED-Mitgliedschaft hatte er einen guten Posten, weil er perfekt Russisch sprach, viel Know-how und gute Kontakte hatte«, erzählt der Fußballer, der heute als Fitness-Trainer arbeitet. Mit Trabi und Wochenendhaus sind die Enges eine (fast) normale Ost-Familie, denn die Mutter (Dekorateurin) verzichtet für ihre Kinder im Kita-Staat vergleichsweise lange aufs Arbeiten.

Weeßte noch? Steffen Enge mit seinem ersten Puma-Trikot. Das trug er am 27. Januar 1990, als FC Union Berlin vor 50.000 Zuschauern im Olympiastadion zum ersten Mal zum Freundschaftsspiel gegen Hertha BSC antrat.

Weeßte noch? Steffen Enge mit seinem ersten Puma-Trikot. Das trug er am 27. Januar 1990, als FC Union Berlin vor 50.000 Zuschauern im Olympiastadion zum ersten Mal zum Freundschaftsspiel gegen Hertha BSC antrat. Foto: Borgmeier

Mit zwölf Jahren wird Steffen Enge für die Berliner Fußball-Auswahl entdeckt. Er besucht die Kinder- und Jugendsportschule in Köpenick, läuft für den 1. FC Union Berlin auf und erfährt immer wieder, wie hoch der Stellenwert des Sports in der DDR ist: »Wer in der Schule schlechte Noten schrieb, durfte nicht zum Training. Wer beim Training nicht ablieferte, musste länger pauken«, erzählt der Vater von zwei erwachsenen Kindern.

Adidas-Streifen geschwärzt

Nach der Schule geht’s für Enge mit 18 Jahren zur Armee. Er kickt für die Armeesportgemeinschaft ASG »Vorwärts Bernau« in der höchsten Spielklasse der DDR. In diese Zeit fällt auch der Urlaub am Balaton. Mit seinem Cousin, Rucksack und im Zug reist Enge nach Ungarn. Hier treffen Ost und West so eng aufeinander wie nie, und die Jungs aus Berlin und Zwickau lernen junge Mädels aus Heidelberg kennen.

Danach gibt’s von der Urlaubsbekanntschaft aus dem Westen Pakete – mit Levis-Jeans oder auch Adidas-Turnschuhen. »Die weißen Streifen allerdings haben wir geschwärzt«, erinnert sich Enge und erzählt schmunzelnd: Das sei üblich gewesen, kaum ein Fußballer sei mit Germania-Schuhen aufgelaufen.

Als Sportler habe es ihm an nichts gefehlt, sagt Steffen Enge, der sich mit 8000 Ostmark sogar einen zwei Jahre alten Trabi auf dem Schwarzmarkt kaufen konnte, ohne besonders lange darauf zu warten.

Im Palast der Republik

»Mitte der 1980er Jahre bröckelte es«, erinnert er sich. »Hut ab vor denen, die die Wende mit den Friedensgebeten und Montagsdemonstrationen eingeleitet haben.« Enge und Frau Manuela haben die Ereignisse damals mit Spannung verfolgt. Aber: »Wir hätten doch nie damit gerechnet, dass das Erfolg hat!«

Dass die Wende nicht aufzuhalten ist, wird Enge am 7. Oktober 1989 bewusst: Zu den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR sind neben Gorbartschow und anderen hochrangigen Gästen auch DDR-Sportler eingeladen – darunter Steffen Enge mit seinem Team von Union Berlin. »Wir wollten da erst gar nicht hin – zu den Bonzen«, erinnert er sich und weiß noch wie heute, dass im Palast der Republik an jenem Tag all das serviert wurde, was die Ostdeutschen nur aus dem West-Fernsehen kannten: unzählige Biersorten, Marlboro-Zigaretten oder Hummer. Und während sich drinnen Erich Honecker feiern ließ, demonstrierten die Menschen auf dem Alexanderplatz und riefen »Stasi raus!«.

Am 9. November 1989...

... liegt Steffen Enge mit einem Mittelfußknochenbruch auf Station 10 der Berliner Charité. »Dort wurden die Sportler versorgt, ich lag dort mit einem Gewichtheber. »Wir guckten gerade DFB-Pokal im West-Fernsehen, als am Bildschirmrand eingeblendet wurde, dass die DDR ihre Grenzen öffnet«, erzählt Enge.

Patienten und Personal stürmen an die Fenster und sehen am Grenzübergang Chausseestraße Menschenmengen, die gen Westen strömen. »Da haben wir die Krankenschwester zum Sektholen in den Spätkauf geschickt«.

Als Manuela Enge und Sohn Enrico Steffen am 10. November um 10 Uhr mit dem Trabi aus dem Krankenhaus abholen, sammelt die Familie die 300 D-Mark Begrüßungsgeld ein und geht einkaufen. »Vier Stunden bin ich im KaDeWe auf Krücken meiner Frau hintergehumpelt«, erinnert sich Enge.

Trotz Mauerfall rollt der Fußball weiter, die Saison spielt der 1. FC Union Berlin zu Ende. Als es 1990 nicht zum Sprung in die zweite Bundesliga reicht, bekommt der gelernte Elektro-Signalmechaniker das Angebot vom FC Gütersloh. 1990 kommt Familie Enge rüber, Steffen macht parallel zum Fußball in der dritten Liga bei Zierenberg eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann.

Und heute?

Mittlerweile arbeitet »Icke« als selbstständiger Fitness- und Fußballtrainer und fühlt sich voll und ganz als »Wessi«. Trotzdem denke er gerne an die damalige Zeit zurück: »Wenn Du immer Opel Corsa fährst, vermisst du den 5er BMW auch nicht«, sagt Steffen Enge rückblickend. Dass er »Ossi« ist, ist trotzdem nicht zu überhören, wa? 

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