Laut Tierschützern tobt ein Gemetzel an Gütersloher Gewässern Ich jage eine Nutria

Gütersloh (WB). Es muss ein Krieg toben da draußen an Dalke, Lutter, Wapel- und Lichtebach. Ein einziges Bisam- und Nutria-Gemetzel, deren Körper ohne Schwänze liegen bleiben, weil der Kreis Gütersloh dafür zehn Euro Prämie zahlt pro Stück. Deshalb wird er von der Tierschutzpartei verklagt.

Von Stephan Rechlin
Nach zwei ausgefallenen Wintern leben immer mehr Nutrias in den Bächen und Teichen Güterslohs. Weil sie dort keine Nahrung mehr finden, ziehen sie in die Felder.
Nach zwei ausgefallenen Wintern leben immer mehr Nutrias in den Bächen und Teichen Güterslohs. Weil sie dort keine Nahrung mehr finden, ziehen sie in die Felder. Foto: dpa

Ich ziehe mit Ralf Reckmeyer in diesen Krieg, den Vorsitzenden der Kreisjägerschaft. Alleine darf ich nicht loslegen, weil ich für das Betreten eines Jagdreviers einen Berechtigungsschein brauche. Ich werde die Schwänze der von mir erlegten Bisams und Nutrias auch nicht einfach am Empfang der Kreisverwaltung abliefern und die Prämie kassieren können. Die Schwänze werden dezentral zu bestimmten Abgabezeiten gesammelt. Nur Revierpächtern und kommunal bestellten Fängern wird die Prämie ausgezahlt – nachdem auf Basis der vorzulegenden Abschusspläne kontrolliert wurde, dass ich mir die Schwänze nicht von Bekannten aus anderen Kommunen, Niedersachsen, Hessen, Holland oder wo diese Tiere sonst noch gejagt werden, besorgt habe.

Auf dem Weg zum Jagdrevier an der Ems erfahre ich, dass es nur noch um Nutrias geht. Ralf Reckmeyer: »Nutrias und Bisamratten vertragen sich nicht. Die größeren Nutrias haben die kleineren Bisams inzwischen verdrängt.«

Normalerweise erledigt der Winter das Problem. Die aus Südamerika stammenden Nutrias kommen mit niedrigen Temperaturen nicht zurecht, viele sterben den Winter über. Allerdings hatten wir zwei Jahre lang keinen richtigen Winter mehr. Die Populationen sind zwei, dreimal im Jahr um sechs bis acht Jungtiere pro Pärchen gewachsen. Die Jungtiere sind schon nach fünf Monaten geschlechtsreif. Immer mehr Nutrias finden immer weniger Nahrung.

Trockenheit treibt Tiere in die Felder

Die Trockenheit in den Bächen und Teichen treibt die Tiere in die Felder. Auf dem Weg zur Ems kommen wir an einem Maisfeld vorbei, das wie nach einem Hagelschlag aussieht. Alles platt. Vorne im Feld stehen noch ein paar Pflanzen und weiter hinten. Dazwischen wurde bis auf ein paar Stümpfe alles weggefressen.

Unter dem Ufer eines Teiches ist alles hohl. Ralf Reckmeyer steckt einen langen Ast hinein. Er verschwindet fast in der Höhle: »Ein Nutria-Bau. Wenn ein Traktor oder eine Erntemaschine darüber fahren, brechen sie ein.«

Wir sehen die Pfotenabdrücke der Nutrias im Heidesand. Wir sehen die Spuren ihrer Schwänze. Reckmeyer zeigt mir die Übergangswege an den Feldrändern und zwischen den Algenteppichen auf der Ems, die so genannten Strecken. Doch Nutrias sehen wir nicht. »Wir haben den Wind im Nacken. Sie wissen, dass wir auf sie warten. Darum werden wir heute keine erwischen.«

Schocktot

Und selbst wenn. Reckmeyer schießt nur auf Nutrias, wenn sie schön längsseitig an ihm vorbei vorbeischwimmen. Dann dringen gut 200 Stahlschrotkügelchen – am Wasser ist Blei verboten – in die Tiere ein und sie sterben den Schocktot. Von vorne erzielt man keine solche Streuung. Falls sie in eine Lebendfalle tappen würden, müssten sie anschließend immer noch getötet werden. Sei es mit einem Handkantenschlag oder mit dem Messer. Nutrias wehren sich – sie sind ohne weiteres in der Lage, einen Jagdhund, der am Gewässer stets dabei ist, mit gezielten Bissen zu töten.

Labrador Sam gerät diesmal nicht in Gefahr. Bis in die Dunkelheit hinein lauschen wir Fröschen, Wasserhühnern, sehen Rebhühner und Enten aufsteigen, beobachten die von Fischen erzeugten Kreise auf der Oberfläche der Ems. Aus der Prämie wird nichts. Diese Prämie gibt es übrigens schon seit Jahrzehnten. Sie wurde bisher nur an Fänger gezahlt. Neu ist, dass jetzt auch Jäger sie erhalten sollen. Als kleiner Anreiz, sich am mühsamen Kampf gegen die Überpopulation der Nutrias zu beteiligen.

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