Dimitrij Schaad brilliert in »Die Nacht von Lissabon« im Gütersloher Theater
Von einem, der am Ende scheitert

Gütersloh (WB). Eine Kritikerin bezeichnete ihn nach der Premiere im Januar am Maxim-Gorki-Theater als »sympathischste Rampensau Berlins«. Dies lässt sich auch ein wenig seriöser formulieren: Dimitrij Schaad ist ein Schauspieler allererster Güteklasse. Das hat er am Samstag auch in Gütersloh unter Beweis gestellt.

Montag, 09.09.2019, 07:15 Uhr aktualisiert: 09.09.2019, 07:20 Uhr
Die Idylle trügt: Es sind die letzten schönen Tage, die Helen und Josef auf ihrer Flucht quer durch Europa genießen können. Die Szene stammt aus dem Stück »Die Nacht von Lissabon« nach dem Roman von Erich Maria Remarque. Foto: Stefan Lind

Es ist Saisoneröffnung im Theater, die Spielzeit 2019/2020 steht bevor. Angekündigt ist »Die Nacht von Lissabon« nach dem Roman von Erich Maria Remarque, in Szene gesetzt von Hakan Savaş Mican, mit Anastasia Gubareva und eben jenem Dimitrij Schaad in den Hauptrollen, dazu ein vierköpfiges Musikerensemble.

Der Mann, der uns in den folgenden 125 Minuten immer wieder verblüffen, begeistern, verwirren und einschüchtern wird, beginnt den Abend wie ein Dampfplauderer aus dem Fernsehen. Er stellt sich und das Stück vor, setzt ein vergiftetes Kompliment ab, in dem er die »spröde Geilheit Ostwestfalens« erwähnt, und zieht das Publikum im ausverkauften Saal in der Folgezeit fast unmerklich hinein in diese Geschichte von Josef und Helen, die 1942 vor den Nazis in die USA fliehen wollen, aber trotz aller Bemühungen scheitern: »Wir werden das gelobte Land, auf das du wartest, nicht zusammen sehen«, sagt sie am Ende zu ihm – als klar ist, dass sie so krank ist, dass sie sterben wird, und er die Reise dann nicht mehr antreten will.

Er liebt, er leidet, er hadert

Dazwischen nimmt uns Schaad mit auf eine Tour de Force durch das Innenleben seines Protagonisten Josef. Er liebt, er leidet, er hadert, er diskutiert, er prügelt sich mit Helens Bruder Georg, den er gleich mit verkörpert, so dass die Kampfszene mit dem (unsichtbaren) Widersacher zu einem der verstörenden Höhepunkte gerät.

Und als wäre das noch nicht genug Stoff, den ein Schauspieler bewältigen muss, schickt der Regisseur seinen Hauptdarsteller durch verschiedene Ebenen. Mal landet Schaad in der Gegenwart, um von Micans Touren durch das heutige Europa zu berichten, dann wieder bricht Mican das Geschehen auf der Bühne mit Anmerkungen Schaads, der das Geschehen auf der Bühne kommentiert. Klingt kompliziert, fügt sich aber zu einem großen Ganzen zusammen.

Dem wie ein Berserker schuftenden Schaad steht Anastasia Gubareva als rätselhafte Helen auf Augenhöhe zur Seite; sie setzt nicht nur durch ihre schauspielerische Kompetenz, sondern auch mit gefühlvollen Gesangseinlagen einen eindrucksvollen Kontrapunkt in dieser Geschichte, die kein Happy-End findet, aber trotzdem nicht tragisch genannt werden kann. Stehende Ovationen sind der Dank für diesen Abend.

Publikumspreis vergeben

Im Anschluss gibt Christian Schäfer, künstlerischer Leiter des Theaters, in der Skylobby den Gewinner des Publikumspreises der vergangenen Spielzeit bekannt. Es sind die Buddenbrooks in der Ins­zenierung von Bastian Kraft am Schauspielhaus Zürich, im Januar zu Gast in Gütersloh. Edmund Telgenkämper nimmt den Preis stellvertretend entgegen. Er spielte den Thomas Buddenbrook. Die bisherigen Gewinner waren das Staatsschauspiel Dresden, das Nationaltheater Mannheim, die Sao Paulo Dance Company und das Ballett im Revier.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6909873?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198389%2F2516079%2F
Hakenkreuz-Christbaumkugel in Chat-Gruppe der Polizei
Im Dritten Reich gab es Christbaumkugeln mit Hakenkreuz. Dieses Bild entstand in einer Ausstellung über historischen Weihnachtsschmuck. Das Gesetz erlaubt das Zeigen eines solchen Fotos in Berichten über zeitgeschichtliche Vorgänge. Foto: dpa
Nachrichten-Ticker