Im Amtsgericht Gütersloh kämpft Daniela Mahl um Rest ihres verlorenen Vermögens
Neue Wege führen ins Desaster

Gütersloh (WB). Anfahrtskosten und Honorar ihrer Berliner Anwältin dürften den Streitwert am Amtsgericht Gütersloh locker überschreiten. Die Prozesskosten kommen oben drauf. Dennoch nimmt Daniela Mahl (57) eine gut 300 Kilometer lange Anreise in Kauf, um 5000 Euro zurückzufordern, die sie einem Gütersloher Immobilienkaufmann geliehen hat.

Freitag, 06.09.2019, 08:15 Uhr aktualisiert: 06.09.2019, 12:08 Uhr
Daniela Mahl hat den größten Teil ihres Vermögens und ihrer Altersvorsorge in dubiosen Anlagegeschäften verloren. Einer der Mitinitiatoren dieser Geschäfte ist ein Gütersloher Immobilienkaufmann. Von ihm will sie sich einen Teil des Geldes zurückholen. Foto: Stephan Rechlin

Daniela Mahl war eine am Berliner Adenauerplatz erfolgreich praktizierende Physiotherapeutin. Bis sie sich 2013 scheiden ließ, in einen gut dreijährigen Trennungskrieg geriet, an chronischer Erschöpfung erkrankte und Hilfe suchte. Über diese Suche stieß sie an den Unternehmensberater Werner S. und den Gütersloher Kaufmann Thomas K. Heute sind rund 600.000 Euro ihres privaten Kapitals verschwunden. Sie musste Immobilien verkaufen, um Anwälte und Schulden bezahlen zu können und arbeitet inzwischen als Erntehelferin auf einem Weingut, um nicht Hartz IV beziehen zu müssen.

Baukosten laufen aus dem Ruder

Der Gütetermin vor dem Amtsgericht Gütersloh ist der erste juristische Versuch, zumindest einen Teil ihres Vermögens, ihres früheren Lebens zurückzugewinnen. Mahl hatte dem Gütersloher Kaufmann die 5000 Euro im Juli 2017 geliehen, weil die Umbauarbeiten an dessen Haus an der Diekstraße aus dem Ruder zu laufen drohten. Um ein weiteres Darlehen in Höhe von 15.000 Euro wird demnächst vor dem Landgericht Bielefeld gestritten. In beiden Fällen zahlte der Kaufmann keinen Cent an Mahl zurück.

Mahl half gerne aus, weil der Gütersloher und der Unternehmensberater ihr damals in der schweren Zeit auch geholfen hatten. Zum Beispiel mit Immobilienbewertungen im Scheidungskrieg. Und mit Rat, Tat und dem Coaching-Seminar »Fü(h)r Dein Leben« auf dem Tiefpunkt ihrer seelischen Erschöpfung. Sie müsse sich neuen Wegen öffnen, lautete das Credo im Seminar, auch neuen Investitionswegen. Die zeigte ihr wenig später der Gütersloher Kaufmann auf, der ihr als hoch qualifizierter Vermögensverwalter, Immobilienfachwirt und Diplomkaufmann vorgestellt wurde, der sogar die Familie Oetker in Anlagedingen berate. Er biete Projekte an, die nur für Leute mit großen Vermögen in Frage kommen und weit überdurchschnittliche Renditen abwerfen würden.

Wohngebiet in Tallinn

So ein Projekt war die Entwicklung eines Wohngebietes in der Nähe von Tallinn in Estland. Der Gütersloher sei über die Entwicklungsgesellschaft Salutaguse selbst mit hohem Kapitaleinsatz daran beteiligt, ebenso der Unternehmensberater und ostwestfälische Prominenz. Daniela Mahl beteiligte sich im November 2015 mit 400.000 Euro an dem Projekt. Die über Grundstücksparzellen abgesicherte Einlage sollte in zwei Jahren mit Zins und Tilgung an sie zurückfließen.

Salutagese produzierte darüber hinaus Flüchtlingsheime. Zur Anschlussfinanzierung einer größeren Lieferung an die Stadt Dormagen sollte Daniela Mahl zunächst mit 70.000, dann mit weiteren 20.000 Euro kurzfristigem Kredit aushelfen. Warum auch nicht?

Um monatlich gut über die Runden zu kommen, empfahl ihr der Unternehmensberater eine zehnprozentige Beteiligung an der Gütersloher Media Holding Vertriebs- und Verwaltungs GmbH. Die würde Gema-freie Musik vermarkten und ordentlich was ausschütten. Der Gütersloher Kaufmann verkaufte ihr seine Anteile an dem Unternehmen für 50.000 Euro. Natürlich brauchte die Holding noch Apple-Computer, Büromöbel und Büroausstattung, um weiter so erfolgreich arbeiten zu können – auch die finanzierte Mahl mit Einzelkrediten in Höhe von 28.452,69 Euro, 3150,22 Euro und 2000 Euro. Mahl, der Berater und der Kaufmann fuhren mit ihren Partnern gemeinsam in den Winterurlaub, feierten gemeinsam Weihnachten und stießen zu Silvester gemeinsam auf das Jahr 2017 an.

Kein Cent fließt zurück

Als zur Mitte dieses Jahres kein einziger Cent ihrer vielen Kredite zurückfloss, wurde Mahl zunächst misstrauisch, dann wütend, schließlich wach. Nur mit Hilfe der Polizei gelang es ihr, an die vom Unternehmensberater verwahrten Verträge zu kommen. Jetzt stellte sich heraus: Die Salutagese ist gar nicht am Entwicklungsprojekt in Tallinn beteiligt, es gibt auch keine Grundstücksparzellen. Die Stadt Dormagen bezieht keine Flüchtlingsheime von dieser Firma. Die Gütersloher Media Holding hatte schon 2015 aufgehört, irgendeinen Gewinn zu erwirtschaften. Und sein Haus an der Diekstraße hat der Gütersloher Kaufmann offenbar bereits an seine Lebensgefährtin überschrieben.

In Saal 102 des Gütersloher Amtsgerichtes sagt der Kaufmann, dass er die von Mahl geliehenen 5000 Euro dem Unternehmensberater zur Verfügung gestellt habe. Der aber habe sich damit aus dem Staub gemacht. Er sei also selbst geschädigt und sehe keinen Anlass, das Geld zurückzuzahlen. Der Richter stellte fest, dass der Gütersloher den Darlehnsvertrag mit seinem Namen unterzeichnet habe und er keinen Grund erkenne, warum er das Geld nicht zurückzuzahlen habe.

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