Christian Schäfer bringt »Der Prediger« auf die Hinterbühne des Theaters
Vom Scheitern eines Radikalen

Gütersloh (WB). Johann Heinrich Volkening war als Pfarrer an der Apostelkirche von 1827 bis 1837 in Gütersloh tätig. Das mag auf den ersten Blick wie eine zu vernachlässigende Episode in der Kirchengeschichte klingen, doch der evangelische Theologe war ein streitbarer Anführer der sogenannten Erweckungsbewegung. Er erwarb als Prediger einen Ruf wie Donnerhall und setzte sich zum Beispiel vehement gegen die öffentliche Unmoral ein. Das beschert ihm in der Neuzeit nicht nur einen ausführlichen Eintrag im Internetlexikon Wikipedia, sondern auch die Hauptrolle in einem Stück, das im September im Gütersloher Theater uraufgeführt wird.

Freitag, 02.08.2019, 15:15 Uhr aktualisiert: 02.08.2019, 18:16 Uhr
Prediger Volker Heinrich verbreitet seine Botschaft überall. Doch irgendwann geht er zu weit, seine Karriere liegt in Scherben. Das Stück von Joachim Zelter ist im September und Oktober sechs Mal im Gütersloher Theater zu sehen. Foto: Kai Uwe Oesterhelweg

Es trägt folgerichtig den Titel »Der Prediger«, die Handlung spielt aber im Hier und Jetzt, so dass der Protagonist Volker Heinrich heißt, der Verweis auf den Gottesmann von früher aber gut zu erkennen ist. Mit dieser Produktion zeigt Christian Schäfer, künstlerischer Leiter des Gütersloher Theaters, ein weiteres Mal, dass ihm viel an der von ihm selbst aufgestellten Prämisse liegt: »Wir sehen uns nicht mehr als Bespieltheater, sondern als Programmtheater«, hatte er bei der Vorstellung des Spielplans für die Saison 2019/2020 gesagt. Soll heißen: Der Chef steuert auch selbst Inhalte bei, seit Jahren schon, diesmal führt er Regie bei einem Stück, das er höchstpersönlich in Auftrag gegeben hat. Es erfährt also seine Uraufführung in Gütersloh (siehe Info-Kasten).

Prediger mit Ruf wie Donnerhall

»Auf Johann Heinrich Volkening bin ich bei einer Indoor-Stadtführung gestoßen«, sagt Christian Schäfer im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT. Der Stadtführer und Autor Matthias Borner nimmt sein Publikum – natürlich im Theater – mit auf eine spezielle Rundreise durch Gütersloh in Wort und Bild, bei der man den Saal nicht verlassen muss. Und weil Schäfer in seinen Produktionen gerne einen Bezug zu dem Ort herstellt, in dem er Theater macht, erschien ihm das Thema des radikalen Predigers so interessant, dass er einen befreundeten Autor ansprach.

Joachim Zelter, in Tübingen lebend, mehrfach ausgezeichnet, fand Gefallen an dem Sujet, an dem er sich gut abarbeiten konnte. Entstanden ist ein Theaterstück, das Schäfer bewundernd »sprachlich brillant« nennt. »Mich fasziniert vor allem der Humor, der irgendwo zwischen Oscar Wilde und Thomas Bernhard angesiedelt ist. Ein bisschen Loriot ist auch nicht fern.« Dabei geht es inhaltlich durchaus zur Sache, denn Zelter erzählt von einem Mann, der so radikal predigt, dass seine Karriere zum Scheitern verurteilt ist.

Mick Jagger der Kanzel oder das rasende Evangelium

In der Inhaltsangabe des Theaters liest sich das so: »Man nennt ihn den Mick Jagger der Kanzel. Oder das rasende Evangelium. Denn kein Mensch weit und breit spricht von Gott so eindringlich wie er. Die Rede ist von Volker Heinrich: Pastor, Seelsorger und vor allem Prediger. Verkünder. Mahner. Er predigt landauf und landab. Er predigt leidenschaftlich, aufbrausend und gottesfürchtig, vor Gläubigen und Ungläubigen, in immer voller werdenden Kirchen. Und nicht nur dort. Er ist das Inbild unerschütterlichen Glaubens. Alles könnte gut sein, wenn nicht irgendwann alles ganz anders käme. Denn was macht ein Prediger, wenn seine Predigten derart gewagt werden, dass man ihm seine Predigten irgendwann nimmt, und nicht nur seine Predigten, sondern seine Kirche und seine Kanzel, sein ganzes bisheriges gottgewolltes Leben?«

Schäfer inszeniert das Geschehen, in dem es auch zahlreiche Rückblenden gibt, auf der Hinterbühne des Theaters: »So sind die Zuschauer ganz nah dran an Volker Heinrichs Leben.« Sie sitzen vermeintlich in dessen Garage oder in seinem Wohnzimmer. 80 Plätze stehen maximal bereit, deshalb wird es auch sechs Aufführungen geben. In den Hauptrollen sind Miriam Berger, Christiane Hagedorn und Andreas Ksienzyk zu sehen; weitere Auftritte haben (per Videoeinspielung) der Gütersloher Knabenchor, der Musikverein Avenwedde, die Tanzschule Dance-Air und das Junge Theater Gütersloh.

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