Gütersloh: Kein Geld für hauptamtliche Kraft – »Engagement stabilisiert Armut«
Dezernent streut Salz in Suppenküche

Gütersloh (WB). Die Stadt möchte der Gütersloher Suppenküche keinen hauptamtlichen Geschäftsführer bezahlen. Sozialdezernent Henning Matthes warnt sogar vor negativen sozialen Effekten des bisherigen Engagements.

Mittwoch, 05.06.2019, 08:15 Uhr aktualisiert: 05.06.2019, 08:20 Uhr
Die Arbeit der Gütersloher Suppenküche hat nach Ansicht von Güterslohs Sozialdezernent Henning Matthes einen schalen, sozialen Nachgeschmack. Aus einem freiwilligen Zusatzangebot sei eine Dauer-Kompensation sozialer Leistungen geworden. Foto: Wolfgang Wotke

Suppenküchen-Vorsitzende Inge Rehbein und ihre Stellvertreterin Petra Roggenkamp finden keine Nachfolger. Deshalb stellten sie einen Antrag an die Stadt, die Kosten einer halben, hauptamtlichen Geschäftsführerstelle zu übernehmen – zu Kosten von 30.000 Euro pro Jahr. In seiner Vorlage an den Sozialausschuss bewertet Sozialdezernent Henning Matthes eine »Kompensation von bisher ehrenamtlichen Leistungen durch eine kommunale Refinanzierung von Hauptamt sehr kritisch«. Viele Vereine stünden vor der Herausforderung, ehrenamtliche Leitungs- und Vorstandsfunktionen zu besetzen. Folge die Stadt dem Antrag der Suppenküche, würde das weitere Nachfragen und Anträge auslösen.

Gibt es die Leistung auch anderswo?

Darüber hinaus rät Matthes dazu, die Angebote der Suppenküche zu prüfen, ob sie sich mit Leistungen des Regelsystems überschneiden. Er hege grundsätzliche Bedenken gegenüber Suppenküchen und ähnlichen Angeboten wie Tafeln, Brotkörbe oder Kleiderkammern. Matthes verweist auf eine Untersuchung zur »ambivalente Rolle der Tafeln im Sozialstaat« und zitiert: »Im schlimmsten Fall leisten sie ungewollt einen Beitrag zur strukturellen Verfestigung von Armut bzw. zur Legitimierung verfehlter Sozialpolitik.« Armut als Teil der Gesellschaft werde normalisiert statt überwunden.

Bis zur Sitzung am Donnerstag, 13. Juni, ab 17 Uhr im Konferenzraum der Arbeiterwohlfahrt an der Böhmerstraße 13 möchte Matthes gemeinsam mit der Leitung der Suppenküche nach anderen Möglichkeiten suchen, die ehrenamtliche Arbeit der Gütersloher Suppenküche zu unterstützen. Vielleicht ist das ein Grund dafür, warum die beiden Vorsitzenden derzeit auf schriftliche und telefonische Anfragen nicht reagieren.

Dauer-Kompensation zu geringer Hartz-IV-Leistungen

Die Kritik an der armutsstabilisierenden Wirkung von Tafeln und Suppenküchen stammt unter anderem aus überregionalen Verbänden von Caritas und Diakonie. Sie zielt vor allem auf die reine Versorgung der Küchenbesucher mit Lebensmitteln – aus dem rein freiwilligen Zusatzangebot sei inzwischen eine Dauer-Kompensation von zu geringen Hartz-IV-Sätzen geworden. Entscheidend sei es, die Menschen zu Selbsthilfe und Eigenverantwortung zu aktivieren.

Genau das leistet die Gütersloher Suppenküche mit zahlreichen Zusatzangeboten wie Sprechstunden mit Ärzten, Zahnärzten und einer Familienhebamme, mit Lernpatenschaften, der Beschaffung von Lernmaterialien und Tornistern, speziellen Angeboten in den Ferien und zu Weihnachten. Die meisten Besucher der Suppenküche sind alleinerziehende Mütter, deren Kinder und Rentner.

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