»Jazz in Gütersloh«: NYC Trio vertont drängende Probleme der Zeit
Viel Arbeit für Ohren und Geist

Gütersloh (WB). Mit dem NYC Trio hat »Jazz in Gütersloh« im großen Saal des Theaters eine deutsch-amerikanische Co-Produktion präsentiert. Dafür hatte die deutsche Alt-Saxofonistin Angelika Niescier zwei langjährige musikalische Weggefährten aus New York mitgebracht: Chris Tordini am Kontrabass und Gerald Cleaver am Schlagzeug.

Sonntag, 02.06.2019, 10:00 Uhr
Kompromisslos modern und ausgefeilt kommt der Jazz des NYC Trios daher. Die Musiker hantieren nicht großartig mit Emotionen, sondern spielen äußert präzise und überzeugen mit einem meisterlichen Zusammenspiel. Foto: Collin Klostermeier

Zwei Stunden ohne Pause hatte das Trio laut Aushang vor dem Saal für ihren Auftritt in Gütersloh veranschlagt – ein straffes Programm, und zwar für die Musiker und für die Zuhörer, von denen sich knapp über 100 auf den Weg ins Theater gemacht hatten. Eine gute Entscheidung war dies für alle Jazzfreunde, die auf kompromisslos moderne Musik und ausgefeilte Kompositionskunst stehen. Für alle anderen sollte dieses Konzert aber nicht nur ein Genuss sein, sondern gleichzeitig auch ein hartes Stück Arbeit für Ohren und Geist.

Einer der Gründe dafür war eine gewisse Ernsthaftigkeit, die sämtliche Stücke des Abends durchzog und dabei ab und an ins Spröde abzugleiten drohte. Daraus resultierte, dass die Musik des NYC Trios nicht großartig mit Emotionen hantierte, dafür aber ungemein präzise und im Zusammenspiel von großer Meisterschaft geprägt war.

Die Probleme unserer Zeit

Zudem sparte Bandleaderin Angelika Niescier die drängenden Probleme unserer Zeit nicht aus, was vor allem beim düsteren »Like Sheep, Looking Up« deutlich wurde. Die Komposition orientiert sich an dem fast gleichnamigen, dystopischen Roman von John Brunner, in dem es um die Verschmutzung der Umwelt geht und der bereits 1972 veröffentlicht wurde. »Es geht nicht gut aus, weder für die Welt noch für die Menschen«, gab die Saxofonisten dem Publikum noch mit auf den Weg, bevor das Drama seinen Lauf nahm, eingeleitet durch ein langes, gestrichenes Solo des Kontrabassisten Chris Tordini. Angelika Niescier und Gerald Cleaver stiegen beinahe unmerklich in die getragene Untergangsstimmung ein – nicht unbedingt schön, eher beklemmend und dabei sehr beeindruckend. Im nächsten Stück zog das NYC Trio das Tempo dann deutlich an, denn bei »The Surge« geht es um das ständige, nervöse Grundrauschen, das viele Menschen Tag für Tag umgibt. Ein bedauernswerter Zustand, den Angelika Niescier mit dem Altsaxofon großartig in Jazz übersetzte.

»Für Gütersloh« zum Schluss

Zum guten Schluss gab es dann noch ein improvisiertes Stück mit dem schönen Titel »Für Gütersloh«, für das die Band vor dem Konzert aus der chromatischen Tonleiter per Los die Noten A und C ausgewählt hatte. Nur diese durften gespielt werden; Oktavwechsel waren erlaubt, Transponieren hingegen nicht. Eine schöne intellektuelle Spielerei, die durchaus als Quintessenz dieses angenehm anstrengenden Konzertabends herangezogen werden kann.

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