Familie und Anwalt aus dem Kreis Gütersloh erheben Vorwürfe gegen den Wittekindshof in Bad Oeynhausen
Weggesperrt und fixiert?

Gütersloh/Bad Oeynhausen (WB). 24-Stunden-Fixierung, verriegeltes Zimmer, überdosierte Medikamente, seltene Toilettengänge, kaum Besuche – die Vorwürfe des Gütersloher Rechtsanwaltes Martin Rother gegenüber der Diakonischen Stiftung Wittekindshof in Bad Oeynhausen wiegen schwer. Über Monate soll sein Mandant Pascal Glöh (28) dort solche Torturen ertragen haben.

Dienstag, 14.05.2019, 03:00 Uhr aktualisiert: 14.05.2019, 07:04 Uhr
Der Wittekindshof, hier ein Archivbild von 2012 vom Marktplatz, betreut behinderte Menschen in zahlreichen Städten. Foto: ub12vow

Jetzt hat die gesetzliche Betreuerin von Pascal, seine Schwester Steffi, Strafanzeige gegen die Oeyhausener Einrichtung wegen Freiheitsberaubung, Misshandlung von Schutzbefohlenen und Beleidigung gestellt. Die Staatsanwaltschaft Bielefeld ermittle bereits, sagt Rother und ergänzt: »Sollte sich das alles bewahrheiten, dann ist das ein riesiger Skandal. Ich werde das Opfer dann als Nebenkläger vertreten.«

24 Stunden auf dem Bett fixiert

Der 28-Jährige, der inzwischen wieder bei seinem Vater Karl-Heinz in Rheda-Wiedenbrück lebt, ist seit seiner Kindheit aufgrund einer geistigen Behinderung in verschiedenen Einrichtungen untergebracht gewesen. Zuletzt im Wittekindshof. Im Oktober 2017 hatte er gemeinsam mit seiner Freundin versucht, sich umzubringen. Deshalb legten sie in einem verwaisten Haus an der Mindener Straße Feuer. Das misslang. Jüngst wurde den beiden der Prozess gemacht. Das Urteil: sechs Monate Haft auf Bewährung.

Der Gütersloher Rechtsanwalt Martin Rother (Mitte) mit seinen Mandanten Karl-Heinz (links) und Pascal Glöh. Die Vorwürfe gegen den Wittekindshof wiegen schwer.

Der Gütersloher Rechtsanwalt Martin Rother (Mitte) mit seinen Mandanten Karl-Heinz (links) und Pascal Glöh. Die Vorwürfe gegen den Wittekindshof wiegen schwer. Foto: Wolfgang Wotke

Für ihn habe schon nach dem Vorfall eine Leidenszeit im Wittekindshof begonnen, erklärt sein Anwalt. Er sei mehrmals durchgebrannt, wollte immer zurück zu seinem Vater, der ihn schließlich freiwillig zurückgebracht habe. Nach seiner letzten Flucht, so Pascal, habe er vor Angst drei Tage lang in einem Müllcontainer gelebt. »Elf Monate ist er in seinem Zimmer eingesperrt worden. Man hat ihn in das Haus IV verlegt. Dort hat eine intensivere Betreuung stattgefunden.« Er sei regelrecht isoliert worden. »Wenn er auf die Toilette wollte, musste er klopfen. Manchmal hat er dann minutenlang warten müssen, bis ein Pfleger kam.« Einmal sei er 24 Stunden lang auf seinem Bett fixiert worden, habe »Hammermedikamente« bekommen, damit er so ruhig gestellt werden konnte. Rother: »Das ist nur in Ausnahmesituationen und mit einem richterlichen Beschluss gestattet. Und das nur für 30 Minuten unter Fachaufsicht.

Essen durch Luke gereicht

Handyfoto: Durch diese kleine Luke in der Tür wurden seine Mahlzeiten gereicht.

Handyfoto: Durch diese kleine Luke in der Tür wurden seine Mahlzeiten gereicht. Foto: Wolfgang Wotke

»Ich hatte keinen Fernseher, und ich durfte nur eine Stunde am Tag Radio hören«, erzählt Pascal Glöh. Er habe sich einsam und verlassen gefühlt. Durch eine kleine Luke, die in seiner Zimmertür integriert gewesen sei, habe man ihm die Mahlzeiten gereicht. »Oder das Aufsichtspersonal hat nachts mit einer Taschenlampe da durch geleuchtet, um zu überprüfen, dass ich noch da bin.« Selbst die klimatischen Verhältnisse seinen katastrophal gewesen. »Das Fenster wurde nur ganz selten geöffnet, um zu lüften. Es hat richtig gestunken.« Vater Karl-Heinz ist immer noch verbittert: »Alle drei Monate durfte ich meinen Sohn für ganze 45 Minuten besuchen.« Erst ein richterlicher Beschluss habe die Zwangsmaßnahmen beendet. Das Amtsgericht Bad Oeynhausen: »Es ist die Aufgabe der Einrichtung, ihr Haus zu schützen und für sichere Fenster zu sorgen.«

Medikamentendosis halbiert

Zu den Anschuldigungen hat sich der Pfarrer Prof. Dr. Dierk Starnitzke, theologischer Vorstand der Diakonischen Stiftung Wittekindshof, am Montag schriftlich geäußert: »Wir verstehen jeden Klienten als Menschen mit individuellen Bedürfnissen, der uns den Auftrag zu unserem Handeln gibt. Auf dieser Basis handeln wir stets konsequent nach gesetzlichen Vorgaben, transparent und in enger Absprache sowohl mit gesetzlichen Betreuern und Angehörigen als auch den Klienten. Zum Schutz unserer Klienten äußern wir uns nicht zu Details ihrer individuellen Betreuung.«

Jetzt ist Pascal Patient in der LWL-Klinik in Gütersloh. Dort hat man die Medikamentendosis für ihn halbiert. Vater Karl-Heinz: »Einmal pro Woche hat er dort einen Termin und wird untersucht. Er ist glücklich, spricht viel und lacht. Wir haben keine Probleme mehr.«

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