Christian Röchter (28) begleitet Menschen in ihrer letzten Lebensphase
Bis zum Ende

Gütersloh (WB). Wie verabschiede ich mich, wenn ich nicht weiß, ob derjenige noch lebt, wenn ich wiederkomme? Diese Frage musste sich Christian Röchter stellen, denn sie gehört zu seinem Alltag. Er arbeitet ehrenamtlich im Hospiz. Über das, was er dort erlebt, darf er noch nicht einmal mit seiner Familie reden.

Freitag, 05.04.2019, 19:44 Uhr aktualisiert: 05.04.2019, 19:48 Uhr
Liest in dem Buch, in dem Angehörige geschrieben haben: Christian Röchter im Hospiz Gütersloh. Foto: Hendrik Fahrenwald
Auszeichnung

Christian Röchter wird am Freitag, 5. April, in Berlin für sein ehrenamtliches Engagement in der Hospizarbeit ausgezeichnet. Der Gütersloher ist einer von insgesamt 14 Ehrenamtlichen aus ganz Nordrhein-Westfalen, die in die Hauptstadt reisen werden. Die Gäste sollen in Berlin an einer Feierstunde mit Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) teilnehmen. Mit dieser Auszeichnung möchte der Deutsche Hospiz- und Palliativverband das Ehrenamt stärken. »Christian Röchter arbeitet hervorragend und ist für uns ein Glücksfall«, sagt Silke Schadwell vom Gütersloher Hospiz über den 28-Jährigen.

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»Alles Gute und bis nächste Woche«, sagt Röchter, geht aus der Tür und fährt Heim. Es ist seine Standard-Verabschiedung. Ob er sein Gegenüber wiedersieht, weiß er nicht. Röchter ist 28 Jahre alt. Im Außendienst hetzt er meist von Termin zu Termin. Am Wochenende begleitet er Menschen, die bald sterben. Er redet, hört zu oder sitzt einfach nur da.

Mit Opa fing alles an

Sein Opa ist im Gütersloher Hospiz gestorben. Seinen ersten Eindruck von der Einrichtung kann er schnell erzählen: »Es war gemütlich, wohnlich, man fühlte sich geborgen«, sagt Röchter. Die Flure sind hell, an den Wänden hängen selbst gemalte Bilder. Ein Jahr nach dem Tod seines Opas kehrt Röchter in das Hospiz zurück. Er belegt dort einen Kurs für ehrenamtliche Mitarbeit, anschließend macht er ein Praktikum. Da stand schon längst fest, dass er Menschen in ihrer letzten Lebensphase begleiten möchte.

Begleitung auch zuhause

Seit drei Jahren nimmt sich Röchter dafür einmal die Woche eine Stunde Zeit. Er fährt ins Pflegeheim oder ins Hospiz. Auch zu Hause werden Menschen von Ehrenamtlichen begleitet. Zu wem er geht oder was er dort erlebt, darf Röchter nur innerhalb des Hospizes erzählen. Dafür gibt es die Supervision. Zu dieser treffen sich die Ehrenamtlichen und sprechen über ihre Arbeit. Das Treffen ist verpflichtend.

Persönliches ausblenden

Vor der Tür der Betroffenen blendet Röchter seine persönliche Situation aus. Dann geht er rein, ganz unvoreingenommen. »Wichtig ist, einfach für die Menschen da zu sein«, sagt Röchter. Er arbeitet keinen Plan ab. Die Geschichte aus der Vorwoche liest er nicht weiter. Sein Gegenüber möchte diesmal Ruhe. An anderen Tagen redet Röchter über Fußball. Auch wenn er sich dafür nicht interessiert. Schließlich gehe es bei den Besuchen nur um die Person, die begleitet wird, sagt Röchter.

Vertrauensvolle Treffen

Manche erzählen ihm mehr als ihrer eigenen Familie. Zum Beispiel, dass der Braten jeden Sonntag nur noch aus Liebe zur Frau gegessen wird, sagt Silke Schadwell. Sie ist Koordinatorin im Hospiz- und Palliativ-Verein Gütersloh. Andere wollen wissen, ob es noch etwas nach dem Tod gibt. »Ich weiß es nicht«, so Röchter.

Ansprache nur mit »Sie«

Fünf Personen hat er schon begleitet. 50 Jahre alt war seine jüngste Patientin. Sie schrieb viel mit ihren Freunden über Facebook und WhatsApp und nutzte ihr Handy für Videotelefonie. Dann konnte sie ihre Arme und Hände nicht mehr bewegen. Das Handy selbst zu halten, war für sie fortan nicht mehr möglich. Röchter versuchte, ihr mit einem Sprachassistenten auf dem Handy zu helfen. Er siezt seine Patienten, duzen ist zu persönlich. Auf Beerdigungen von ihnen geht er nicht, nur einmal hat er einen Brief an die Angehörigen geschrieben. »Es soll eine Begleitung und keine Freundschaft sein«, sagt Schadwell.

Jemanden so hilflos zu sehen, zieht Röchter nicht herunter. »Ich bin nach einer Begleitung nicht deprimiert und nehme die Probleme nicht mit nach Hause«, sagt er. Nur manchmal wird der 28-Jährige nachdenklich, vor allem dann, wenn er mit dem Tod von jüngeren Menschen konfrontiert wird. »Sollte ich nicht jetzt mehr in den Urlaub fahren und mehr im Jetzt leben?«, fragt sich Röchter dann.

Ausgleich zum Beruf

Für ihn ist das Begleiten der Menschen ein Ausgleich zu seinem Berufsalltag. Manchmal begleitet er die Personen über Wochen und Monate. Einmal ist jemand allerdings nach dem ersten Besuch gestorben. Röchter hatte ihm noch »Alles Gute« gewünscht.

 

 

 

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