Gütersloh: Das 100 Jahre alte LWL-Klinikum stellt sich dem Erbe seines Gründers
Weißer Kittel, dunkles Kapitel

Gütersloh (WB). »Es wird wieder gestorben werden müssen. (...) Auch die Kirche beginnt zu erkennen, dass die starke Rücksichtnahme auf die Kranken und Schwachen eine Grausamkeit gegen die Gesunden und Tüchtigen ist.« Das schreibt ein Arzt. Das scheibt der Direktor, der das LWL-Klinikums Gütersloh vor 100 Jahren gegründet hat.

Donnerstag, 04.04.2019, 08:15 Uhr aktualisiert: 04.04.2019, 08:20 Uhr
Hermann Simon (dritter von links) im Kreise seiner Arztkollegen und des leitenden Verwaltungs-, Wirtschafts- und Pflegepersonals der damaligen Provinzialheilanstalt Gütersloh im Jahre 1930. Die Weltwirtschaftskrise hat bereits eingesetzt. Foto: Kersting in Forschungen zur Regionalgeschichte, Band 82, Seite 214.

Diese Worte stammen aus einem Vortrag, den Hermann Simon (1867 - 1947) im Jahre 1931 vor einem Kreis evangelischer Akademiker in Gütersloh hält. Zwei Jahre später wird er fordern, Geisteskranke, Idioten, Schwachsinnige, Psychopathen, Schwächlinge und Nervöse, Verbrecher, Säufer und Trottel zu sterilisieren, damit ihr wertloses und schädliches Erbgut an der Fortpflanzung gehindert wird. Für den Medizinhistoriker Ernst Klee zählt Hermann Simon damit zu den Vordenkern des NS-Krankenmords, des Euthanasieprogramms.

Die Rolle des Gründungsdirektors liegt wie ein Schatten auf dem Jubiläumsjahr, das LWL-Direktor Matthias Löb am kommenden Freitag mit einer Ausstellung zum Thema »Von der Provinzialheilanstalt zum LWL-Klinikum« eröffnen wird. Eine der insgesamt 17 übers Jahr verteilten Einzelveranstaltungen wird sich auch dem Thema »Psychiatrie im Nationalsozialismus« widmen. Doch der Landschaftsverband Westfalen-Lippe hat dieses dunkle Kapitel und die ambivalente Rolle Hermann Simons schon viel früher aufgearbeitet.

Informationstafel am Grab

Aus den Namen von Kliniken, Instituten und Stiftungspreisen ist der Name Simons längst gestrichen worden. Auf dem Gütersloher Klinikgelände erinnert eine Informationstafel am Grab Simons daran, dass der in Zweibrücken geborene und zunächst in Warstein tätige Arzt 1919 mit den besten Absichten nach Gütersloh gekommen war. Er wollte weg von der Behandlung mit schweren Psychopharmaka, von Schockanwendungen, Zwangsjacken und Zwangsisolierungen ruhig gestellter Patienten. Simon entwickelte die in Ansätzen bereits bekannte Beschäftigungstherapie durch »aktive Krankenbehandlung« weiter mit dem Ziel, selbstständigen und selbstverantwortlichen Patienten wieder ein Leben außerhalb des Hospitals zu ermöglichen. Damit wurde er Franz-Werner Kersting zufolge (Forschungen zur Regionalgeschichte, Band 82) nach dem Krieg zum Vorbild für zwei Reformbewegungen – die der Abkehr von nationalsozialistischen Behandlungsmethoden nach 1945 und den von der 68er-Generation durchgesetzten Psychiatrie-Reform in den siebziger Jahren.

Simons autokratischer Führungsstil und seine Radikalisierung in der Weltwirtschaftskrise wurde wissenschaftlich von Historikern des LWL seit den achtziger Jahren herausgearbeitet. Die Grünen zogen in den neunziger Jahren die Konsequenzen daraus. Doch ihre Versuche, den Namen des Euthanasie-Vordenkers aus einem Gütersloher Straßenschild zu entfernen, sind zweimal gescheitert, zuletzt 2012. Die Anwohner waren dagegen. Sie hätten sonst ihre Adressen ändern müssen.

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