Bei Amazon in Werne bekommt jeder eine Chance – Muster für Kreis Gütersloh – mit Video
Emanzipation in der Logistikhalle

Gütersloh/Werne (WB). Zu Hause darf Gülcan keinen Führerschein erwerben. Das geziemt einer muslimischen Frau nicht, sagt ihr Mann. Im Amazon-Logistikzentrum Werne aber darf sie den Elektroschlepper von Jungheinrich 14 Fußballfelder hoch- und runterfahren, ohne dass irgendjemand meckert.

Freitag, 08.03.2019, 03:00 Uhr aktualisiert: 08.03.2019, 11:50 Uhr
Aus dem Hochregallager fischt ein Staplerfahrer im Amazon-Logistikzentrum Werne den Fernseher, den ein Kunde im Internet vor wenigen Minuten bestellt hat. Der Auslieferungs-Lkw wird das Zentrum in einer halben Stunde verlassen. Bis dahin muss die Ware ausgebucht und aufgeladen sein. Foto: Stephan Rechlin

Unter dem Dach der 100.000 Quadratmeter umfassenden Halle herrscht eine klimatisierte Emanzipation, die es sowohl orthodoxen türkischen Ehemännern als auch Gewerkschaften wie Verdi schwer macht, in die Abläufe einzugreifen. Das Amazon-Logistikzentrum Werne ist in Ausmaß und Arbeitsorganisation ein Muster dessen, was derzeit im interkommunalen Gewerbegebiet Aurea auf der Marburg entsteht.

Ein Neubau, über den Amazon offiziell noch nicht spricht, weil er voraussichtlich erst 2020 in Betrieb gehen wird. Auf Anfragen aber reagiert Amazon inzwischen offen und kooperativ. So wird der Rheda-Wiedenbrücker Rat in Kürze das Logistik-Zentrum in Witten bei Hamburg besichtigen, in dem auch Roboter eingesetzt werden. Über Personalrekrutierung, -einsatz und -umgang hat sich das Gütersloher Jobcenter bereits in Werne informiert.

Die Vorwürfe, die Betriebsratsmitglied Christian Krähling aus dem Logistikzentrum Bad Hersfeld kürzlich vor Mitgliedern der IG-Metall-Senioren in Rheda-Wiedenbrück erhoben habe , spiegelten sehr einseitig die Perspektive seiner Gewerkschaft wider, argumentiert Antje Kurz-Möller, Public Relation Managerin bei Amazon.

Zum einen zielten sie auf Vorfälle, die fünf, sechs Jahre zurückliegen würden und inzwischen korrigiert worden seien: »Es wird niemand abgemahnt, nur weil er ein paar Sekunden zu spät zur Belegschaftsversammlung kommt.« Zum anderen seien sie teilweise falsch: »Die Lohnhöhe wird nicht willkürlich festgelegt. Sie wird jedes Jahr aufs neue mit regionalen Arbeitsmarktdaten abgeglichen und für jeden einzelnen Standort analysiert und neu berechnet.« Die letzte Erhöhung liege gerade einmal sechs Monate zurück.

Über dem Mindestlohn

Einsteiger werden demzufolge mit 11,27 Euro deutlich über dem Mindestlohn bezahlt. Nach zwei Jahren würden sie mit 13,63 Euro die Stunde auf ein Monatsgehalt von 2290 Euro brutto kommen. Hinzu kämen leistungsbezogene Boni, Überstunden-Vergütungen, eine Aktienbeteiligung, eine Berufsunfähigkeits-, eine Lebensversicherung und eine Jahres-Sonderzahlung.

Schwieriger als Lohnhöhen seien die Aufstiegsmöglichkeiten mit gewerkschaftlichen Maßstäben zu erfassen, die jedem Mitarbeiter egal welchen Geschlechts und welcher Herkunft gewährt würden. In Werne arbeiteten 1850 Menschen aus mehr als 20 Nationen, unter ihnen ein hoher Anteil behinderte Mitarbeiter und Angestellte, die älter als 50 Jahre sind. Kurz-Möller: »Hier in Werne haben viele Bergleute, die im Ruhrgebiet ihre Jobs verloren haben, wieder Fuß gefasst.« Auf einer großen Weltkarte markieren die Mitarbeiter mit bunten Stecknadeln, woher sie stammen. Die meisten Nadeln stecken in Deutschland und Polen, es gibt aber auch viele auf dem Balkan, in der West-Türkei, in Syrien, einige stecken in Indien, Sri Lanka und eine Nadel steckt ganz unten rechts in Neuseeland.

Kein Kopftuch im Einzelhandel

Eine dieser Nadeln gehört Hatice Ok. Sie fand im Einzelhandel ihrer Heimatstadt keinen Ausbildungsplatz, weil sie ein Kopftuch trägt. Daraufhin fing sie bei Amazon in Werne als Aushilfskraft im Weihnachtsgeschäft an. Dabei entdeckte sie das »Career-Choice«-Programm und bewarb sich. In diesem Programm kommt Amazon vier Jahre lang für 95 Prozent der Kosten von Weiterbildungs-Studiengängen und -kursen auf, unabhängig von der Relevanz, den der damit angestrebte Beruf für Amazon hat. Es gibt Schulungen zur Gesundheits- und Krankenpflege, Informationstechnologie, Computerwissenschaft, Buchhaltung und zum Erlangen eines Lkw-Führerscheins.

Über einzelne Karrierestufen ist Hatice OK dadurch in wenigen Jahren zur Area-Managerin aufgestiegen, die für 88 Mitarbeiter verantwortlich ist. »Ask me - frag’ mich« steht auf dem Rücken ihrer gelben Weste. Sie steht gerade am Packtisch von Evelyn aus Nigeria, die hier ebenfalls untergekommen ist. Hatice Ok: »So eine Chance hätte ich in keinem deutschen Unternehmen bekommen. Ich bin ein Amazon-Kind.«

Arbeitsdruck

Antje Kurz-Möller streitet gar nicht ab, dass es den von Christian Krähling beschriebenen Arbeitsdruck bei Amazon gibt: »Der ergibt sich aus unserem Anspruch, einen Prime-Kunden gleich am nächsten Tag zu beliefern. Dieses Angebot erfordert enorme Konzentration und hohen Arbeitseinsatz.« Dem sei nicht jeder Mitarbeiter gewachsen, der vielleicht viele Jahre lang arbeitslos gewesen sei: »Morgens früh aufzustehen und pünktlich zur Arbeit zu erscheinen, schafft nicht jeder. Wer deshalb angesprochen wird, mag sich drangsaliert fühlen. Doch er bekommt die Chance.«

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