Im neuen Isselhorster Museum ist kein Platz für Günter Karmanns historische Sammlung
Schuster bangt um seine Schätze

Gütersloh-Isselhorst (WB). Früher wurden Schuhe repariert – heute wandern sie in den Müll. Das macht Schuster Günter Karmann (83) oft fassungslos. Bitter: Seiner öffentlich ausgestellten, historischen Werkstatt droht nun das selbe Schicksal.

Mittwoch, 06.03.2019, 11:00 Uhr
Kommt seine alte Schusterwerkstatt etwa in die Mulde? Günter Karmann würde es das Herz brechen. Der 83-Jährige hofft, dass jemand Platz für die Exponate hat. Foto: Jens Dünhölter

Günter Karmann ist Schuster vom Scheitel bis zur Sohle. 56 Jahre, von 1960 bis 2016, hat der letzte von ehemals fünf selbstständigen Schuhmacher-Meistern das gleichnamige Schuhhaus in Isselhorst betrieben.

Vor 20 Jahren hat er dem Heimatverein Isselhorst seine ausrangierte, historische Werkstatt als Teil einer Ausstellung der dörflichen Berufe im Heimatmuseum überlassen. Die letzten zehn Jahre hat die komplett eingerichtete »Alte Schusterwerkstatt« in der Scheune auf dem Hof Kornfeld am Emsweg einen eigenen Raum gefüllt. Bis Sommer oder spätestens Ende des Jahres muss Günter Karmann sein zeitgeschichtliches Refugium allerdings geräumt haben.

Umzug ins Dorfzentrum

Denn der Heimatverein verlagert seinen Schwerpunkt vom Standort in Bielefeld-Holtkamp in die im Herbst 2018 eröffnete Holtkämperei ins Dorfzentrum. Dort gibt es nicht für alles Platz. Zweiter Vorsitzender Henner Schröder: »Wo sollen wir mit einer Schusterwerkstatt, der Schneiderei, dem Lebensmittelladen oder den landwirtschaftlichen Geräten hin? Viele der Stücke sind Leihgaben. Die geben wir zurück«. 

Zwei Museen lohnen nicht

Als Grund der Umorientierung führt Schröder wirtschaftliche Aspekte an: »Wenn man Glück hatte, kamen sonntags drei Besucher ins Museum. Davon kann man keine zwei Standorte betreiben«. Als Ironie des Schicksals ist das Heimatmuseum auf dem Hof Kornfeld darum spätestens am Jahresende selbst Geschichte. »Das Auf- und Ausräumen wird mit viel Augenmaß durchgeführt. Wir werden sicherlich nichts wegschmeißen«, versichert Henner Schröder.

Doch die Sachen müssen raus. Dies gilt selbstredend auch für die früher lichtgebende Schusterkugel, die Lederwalze, die über 100 Jahre alte Anker-Nähmaschine, die Sammlung vom Tanzschuh bis zum Holskenstiefel, all die anderen historischen Artefakte oder Gerätschaften, die Günter Karmann in Jahrzehnten zusammen getragen hat. Seit Monaten grübelt der Schuster nicht über die Form des Leistens, sondern über die Frage nach: »Wo bleibe ich mit meinem kleinen Schustermuseum?«

Die Museen in Gütersloh, Steinhagen und Brackwede hätten aus Platzgründen bereits abgewunken, berichtet der 83-Jährige. Andere Gedankenspiele erledigten sich von alleine, meint er: »Wenn ich es in die Garage stelle, sieht es keiner. Und für die Mulde ist es definitiv zu schade«.

Schuhe von Lokalprominenz

Wie viel Liebe, Mühe und Herzblut der sammelnde Schuhmachermeister in seine Privatausstellung investiert hat, zeigt sich bei einem Besuch vor Ort. Neben Maschinen zum Ausputzen oder zum Durchnähen der Sohlen hat Günter Karmann auch einen halben Schuhladen seltener Exponaten wie die unter normalen Schuhen angebrachten Eislaufschienen als Schlittschuhvorgänger angehäuft. Zu den Raritäten zählte zudem die beschuhte Vergangenheit der dörflichen Lokalprominenz. Die Ärzte Dr. Corell (Reitstiefel), Dr. Fromm (Jagdstiefel) oder Brennerei-Inhaber Dr.  Elmendorf (Vater von Knut Elmendorf, Wanderstiefel) haben ausrangierte Schuhe für die Ausstellung gespendet. Stolz zeigt Günter Karmann auch die Leisten von Dr. Manfred Köhnlechner, der nach seinem Ausstieg als Bertelsmann-Manager als Heilpraktiker und Alternativmediziner zu deutschlandweiten Ehren kam: »Dem haben wir immer Schuhe nach Maß angefertigt«, berichtet der langjährige Dorfschuster. Beim Abschied ist Karmann doch etwas nachdenklich geworden: »Jetzt heißt es: Jemand finden, oder in die Mulde«. Wobei ihm die zweite Alternative fraglos das in Ehren ergraute Schusterherz brechen würde.

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