Gütersloh: Fahrradlobby darf Einfluss auf Planung der unteren Berliner Straße nehmen
Verbände greifen mit ins Rad

Gütersloh (WB). Der Umbauentwurf der unteren Berliner Straße stammt nicht nur vom beauftragten Ingenieurbüro Röver und von Fachplanern der Stadt. In einem Interview teilte Stadtbaurätin Nina Herrling mit, dass auch Mitglieder Gütersloher Fahrradverbände in die Planung einbezogen worden seien.

Mittwoch, 06.03.2019, 07:00 Uhr
»Es gehört eine gehörige Portion Mut dazu, in Gütersloh das Rad zu nutzen oder zu Fuß zu gehen:« In der mittleren Berliner Straße dürfen Fahrräder nur geschoben werden. Dieses Gebot wird an jedem Werktag immer wieder missachtet. Foto: Carsten Borgmeier

Damit ist der Fahrradlobby zu einem wichtigen, städtebaulichen Zukunftsthema der Rang einer mit gestaltenden Exekutive zugestanden worden. Inwieweit sie die umstrittene Reduzierung der Parkplätze von 66 auf 41 mit herbeigeführt hat, bleibt verborgen. Einzelhandelsverband und Allgemeinem Automobilclub (ADAC) wurde keine Gelegenheit eingeräumt, den Entwurf schon zu beeinflussen, bevor der demokratisch legitimierte Planungsausschuss darüber beraten konnte. Offen ist auch, welche Fahrradverbände konkret mitreden durften.

Fünf Lobbygruppen sind aktiv

Erster Kandidat ist der Kreisverband Gütersloh des Allgemeinen Deutschen Fahrradverbandes (ADFC), die mit gut 750 Mitgliedern stärkste Organisation. Das in Gütersloh wohnende Vorstandsmitglied Daniel Neuhaus ist am tiefsten in die lokale Verkehrspolitik eingearbeitet. Kleiner, doch hoch engagiert ist die Arbeitsgemeinschaft Verkehrswende in der von Kurt Gramlich geführten Bürgerinitiative Energiewende in Gütersloh. Weitere Lobbygruppen sind der sozial-ökologisch ausgerichtete Verkehrsclub Deutschland OWL (VCD), der aus DGB-Gewerkschaften gebildete Auto Club Europa-Kreisverband OWL (ACE) und die seit vergangenem Jahr auch in Gütersloh aktive Initiative Aufbruch Fahrrad, die acht Sammelstellen für Unterschriftenlisten in Gütersloh unterhält. Die den Grünen nahe stehende Initiative »FahrRad« ist nach zwei Aktionen 2017 nicht mehr in Erscheinung getreten.

Vision und Angstszenario

Die verschiedenen Verbände sind engmaschig vernetzt – mitunter sind Funktionäre in mehreren Initiativen aktiv. Ein starker, politischer Mitgestaltungswunsch entspringt der Enttäuschung über die quälend langsam empfundene Umsetzung ihrer seit einem VHS-Kurs 1993 vorgeschlagenen Verbesserungsmaßnahmen. Sie sind außerdem durch die gemeinsame Vision eines klimaneutralen Stadtverkehrs verbunden, dessen zentrales Element eine autofreie Innenstadt ist. Wie im holländischen Groningen mit 60 Prozent Fahrradanteil sollen Stadtquartiere nur noch von außen für Autos erreichbar sein, aber nicht mehr durch Querstraßen passierbar. Schließlich dienen Angstszenarien zur Begründung ihres Anliegens: »Gütersloh steht vor einem Verkehrskollaps.« – »Es gehört eine gehörige Portion Mut dazu, in Gütersloh das Rad zu nutzen oder zu Fuß zu gehen.« – »Der globale Klimawandel wartet nicht auf uns!«

Arbeitsgruppe durch die Hintertür

Ihre herausragende Mitgestaltungsmöglichkeit bei der Planung der unteren Berliner Straße verdanken sie den Grünen. Zur Beratung des Masterplans klimafreundliche Mobilität wollten ADFC und die AG Verkehrswende einen Bicycle Policing Audit, einen ständigen fahrradpoltischen Beirat im Rathaus durchsetzen. Dieser Wunsch scheiterte an der Ratsmehrheit, doch ließ die sich auf den Vorschlag der Grünen ein, eine »Arbeitsgruppe Fuß und Rad« einzusetzen, der neben Verwaltungsmitarbeitern auch Mitglieder des ADFC, des VCD und der Bürgerinitiative Energiewende angehören. Auf diese Arbeitsgruppe sind zum Beispiel die roten Aufstellstreifen an mittlerweile neun Gütersloher Kreuzungen zurückzuführen. Dort wird Radfahrern jetzt Vorrang eingeräumt.

Aus dieser Gruppe stammt ferner der Vorschlag, die unmittelbar an der unteren Berliner Straße entlangführenden Schul- und Strengerstraße in Fahrradstraßen umzuwandeln. Auf eine WESTFALEN-BLATT-Anfrage, ob diese Absicht möglicherweise den Entwurf zur unteren Berliner Straße beeinflusst habe, ließ der Verkehrsplaner über die Pressestelle ausrichten: »Nein.«

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