Kinder von Werkvertragsarbeitern treffen an der Grundschule Blankenhagen ein Die ganz große Welt

Gütersloh (WB). Im Flüchtlingscamp hat der kleine Karim (Name geändert) schnell gelernt: Wer sich den zweiten Happen vom Notrationsbuffet mopst, hat nicht ganz so schnell wieder Hunger und noch etwas für kleinere Geschwister übrig. In der Grundschule Blankenhagen führt diese Überlebenstechnik jedoch zu einem gewissen Ärger.

Von Stephan Rechlin
Nach dem Schwimmunterricht geht es für die Kinder der Grundschule Blankenhagen wieder zurück in die Klasse.
Nach dem Schwimmunterricht geht es für die Kinder der Grundschule Blankenhagen wieder zurück in die Klasse. Foto: Stephan Rechlin

Kaum ein anderer Stadtteil hat so viele Flüchtlingsfamilien aufgenommen wie Blankenhagen. In der Grundschule ist darum heute jeder dritte der insgesamt 169 Schüler ein absoluter Sprachanfänger, der weniger als zwei Jahre in Deutschland lebt. Im offenen Ganztag ist es sogar jeder zweite der 129 dort angemeldeten Schüler. Die geflüchteten Kinder haben zuvor keinen Kindergarten besucht, also zum Beispiel schon den einen oder anderen Buchstaben kennen gelernt, schon mal etwas längere Zeit ruhig an einem Tisch gearbeitet oder gelernt, wie man einen Stift hält.

Die Grundschule Blankenhagen ist nicht die einzige Schule in Gütersloh und im Kreis, die damit fertig werden muss. Doch Leiterin Ulrike Laubinger ist eine der wenigen Rektorinnen, die das gegenüber ihrer Aufsicht auch einmal zur Sprache bringt. Zumal die Situation jetzt durch Werkvertragsarbeiter aus der Fleischindustrie verschärft wird. Sie lassen ihre Familien aus Rumänien, Bulgarien und Kroatien nachziehen und schicken ihre Kinder ebenfalls in die Grundschule. »Wie hoch muss der Anteil erfahrener Sprecher sein, um alltagstauglichen Spracherwerb zu ermöglichen?«, fragte Laubinger bei Stadt und Bezirksregierung nach, dem Schulträger und der Schulaufsicht.

Mitten im Schuljahr neue Schüler aus Südosteuropa

Hinter der Frage steckt größere Brisanz als auf den ersten Blick erkennbar ist. Mit ihren 15 Lehrern und vier externen Lehrkräften nimmt die Schule die Herausforderung schon so gut an wie sie kann. Es gibt eine internationale Klasse, in der die Kinder intensiv Deutsch lernen; zu Mathe, Sport und Kunst kehren sie in ihre Stammklassen zurück. Es gibt Sport-, Schwimm- und Musikprojekte als Zusatzangebote, eine Werkstattschule wird aufgebaut, soziales und kulturelles Lernen besonders betont. Doch die konzentrierten, behutsamen Lernfortschritte in überschaubaren Klassengrößen werden regelmäßig unterbrochen. Immer wieder kommen neue Familien in Blankenhagen an, mitten im Schuljahr. In Rumänien und Bulgarien werden Kinder erst mit sieben Jahren eingeschult – wenn sie in Blankenhagen eintreffen, müssten sie darum eigentlich sofort in den zweiten Klassen einsteigen. Ohne Vorkenntnisse.

Die Arbeit mit den aus Südosteuropa zugewanderten Kindern ist genauso intensiv wie jene mit Flüchtlingskindern – doch höhere Mittel für den offenen Ganztag gibt es für sie nicht. Es gibt für sie auch keine Hilfe aus dem Bildungs- und Teilhabe-Paket des Bundes. Abgesehen davon würden ihre Eltern sie auch nicht beantragen. Weil auch sie kein Wort Deutsch sprechen, übernehmen Mitarbeiter der Grundschule das für sie. Ulrike Laubinger: »Sobald ihre Kinder unsere Schule eines Tages verlassen, verlieren die Eltern auch diese Unterstützung.«

Einbindung ins kulturelle Leben der Stadt

Güterslohs Bildungsdezernent Joachim Martensmeier will sich bei den kommunalen Spitzenverbänden um höhere Mittel für Schulen wie jene in Blankenhagen bemühen. Doch darum allein geht es Laubinger nicht. Wichtiger ist ihr eine stärkere Einbindung von Kindern und Eltern in das kulturelle und gesellschaftliche Leben Güterslohs. Mal mit einem Bus zum Theater, mal zum Mint-Mitmachtag ins Berufskolleg, zur Kinder-Uni nach Bielefeld, in die Museen, zum Eislaufen, ins Fußballstadion: »Das ist für die Kinder wirklich die ganz, ganz große Welt. Hier bekommen sie den Impuls, dass die ganze Lernmühe an der Schule sich wirklich doch eines Tages lohnen könnte.«

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