Sozialausschuss hört Erschreckendes zur Lebenssituation von Werkvertragskräften Die übersehenen Gastarbeiter

Gütersloh (WB). Referenten haben dem Gütersloher Sozialausschuss jetzt etwas die Augen geöffnet: Volker Brüggenjürgen (53, Kreis-Caritasverband), Ombudsfrau Gudrun Bauer (58) und Szabolcs Sepsi (30, »Faire Mobilität«) berichteten dem Gremium am Montagabend von Sorgen ausländischer Werkvertragsarbeiter, von denen überraschend viele in Gütersloh wohnen.

Von Carsten Borgmeier
Viele Arbeitskräfte der Fleischindustrie leben im Stadtgebiet Güterslohs, wie jetzt im Sozialausschuss bekannt wurde.
Viele Arbeitskräfte der Fleischindustrie leben im Stadtgebiet Güterslohs, wie jetzt im Sozialausschuss bekannt wurde. Foto: dpa

Nicht zuletzt der tragische Fall einer rumänischen Tönnies-Leiharbeiterin (damals 39), die Mitte 2015 ihr Neugeborenes auf dem Parkplatz eines Elektronikfachmarktes in Gütersloh ausgesetzt hatte, machte den Ausschuss unter Vorsitz von Volker Richter (53, SPD) auf diese Menschen mitten in Gütersloh aufmerksam.

Volker Richter musste zu Beginn der Sitzung in den Räumen der Volksbank Bielefeld-Gütersloh mitteilen, dass von Arbeitgeber-Seite Dr. André Vielstädte und Justitiar Martin Blumentritt (beide vom Tönnies-Konzern) kurzfristig abgesagt hätten. »Es sollte hier nur um Informationen zur Situation von ausländischen Werkvertragsarbeitern gehen, aber nicht um Schuldzuweisungen«, meinte Richter zu der Absage.

Unbezahlte Überstunden, Mietwucher, Desinformation

Der Vorsitzende las die Mail, die ihn erst wenige Stunden vor der Sitzung erreicht hatte, im Ausschuss vor. Nach Ansicht von Dr. Vielstädte habe sich der Tagesordnungspunkt zu stark auf die Firma Tönnies konzentriert, doch gebe es im Kreisgebiet mindestens 15 weitere Unternehmen, die Leiharbeiter beschäftigten. Richter diplomatisch: »Wir wollen mit Tönnies im Gespräch bleiben, die Tür ist nicht zugeschlagen.«

In den Berichten der Referenten ging es allerdings hauptsächlich um Leiharbeiter-Fälle, die unmittelbar mit dem in Rheda-Wiedenbrück ansässigen Schlachtkonzern und den kooperierenden Subunternehmen zu tun haben. Unbezahlte Überstunden, Mietwucher, Desinformation oder fristlose, unberechtigte Kündigungen: Was Szabolcs Sepsi als Berater beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) im Gespräch mit Tönnies-Leiharbeitern erfahren haben will, davon berichtete er den erschrocken reagierenden Mitgliedern des Sozialausschusses.

Der Dortmunder koordiniert das DGB-Projekt »Faire Mobilität«, das Leiharbeitern der deutschen Fleischindustrie rechtlich helfen will. »Wir beraten seit 2013. Tönnies ist dabei ein Schwerpunkt«, sagte Sepsi deutlich.

Miete pro Tag um zehn Euro erhöht

Er räumte ein, dass sich durch Tarifverträge und Mindestlohn manches in der Branche gebessert habe, doch liege vor allem bei den Subunternehmen vieles im Argen. »Da gibt es extreme Auswüchse«, so Sepsi. Leiharbeiter beklagten sich demnach häufig darüber, dass ihnen auf dem Lohnzettel Arbeitsstunden unterschlagen, dass ihnen bei Krankheit die Miete pro Tag um zehn Euro erhöht werde. Möglich sei das, weil der Subunternehmer gleichzeitig als Vermieter auftrete.

Volker Brüggenjürgen vom Caritas-Verband, legte Zahlen vor, die für Erstaunen sorgten: Seinen Angaben nach leben im Kreisgebiet 5000 Werksvertragsarbeiter, »überwiegend in der Schlacht-Industrie, überwiegend bei Tönnies«. Die Arbeits-, Wohn- und Lebensbedingungen dieser Arbeitnehmer und ihrer Familien seien zum Teil »sehr schwierig, menschenunwürdig und prekär«, in der Stadt Gütersloh sei der Anteil von rumänischen Leiharbeitern von 540 (2011) auf 1823 (2016) angestiegen. Ferner lebten fast 1900 Polen in Gütersloh. »Die meisten davon arbeiten bei Tönnies«, so der 53-Jährige.

Von Seiten der Arbeitgeber besteht kein Interesse, dass die osteuropäischen Leiharbeiter Deutsch lernten, ist Brüggenjürgen überzeugt. »Denn wer die Sprache kann, hat auch die Chance, seine Rechte in die Hand zu nehmen.« Das System mit den Subunternehmern sei so angelegt, dass die ausländischen Arbeitnehmer »ganz bewusst dumm gehalten« werden, meint Brüggenjürgen.

Pro Leiharbeiter sechs Quadratmeter Schlafraum

Gudrun Bauer (58), Ombudsfrau für Integration der Leiharbeiter in Rheda-Wiedenbrück und Vorsitzende des Sozialausschusses in der Doppelstadt, bestätigte indes überwiegend die Eindrücke ihrer Vorredner. Die Sozialdemokratin kümmert sich ehrenamtlich darum, die Wohnraumsituation der Leiharbeiter in Rheda-Wiedenbrück zu verbessern. In diesem Zusammenhang habe sie häufig die städtischen Kontrollen begleitet. In Rheda-Wiedenbrück sei dann in Übereinkunft mit den Subunternehmern/Vermietern ein Mindeststandard für Wohnraum festgezurrt worden: Pro Leiharbeiter sechs Quadratmeter Schlafraum, zehn Quadratmeter Wohnraum.

Gudrun Bauer hat eigenen Angaben zufolge in vergangenen Jahren auch Leiharbeiter-Unterkünfte in der Stadt Gütersloh gesehen. »Das war damals meine zweite Besichtigung. Dabei habe ich die erste, lebendige Kakerlake meines Lebens gesehen«, sagte Bauer. In den Zimmern habe es Betten ohne Matratzen gegeben, kein Bettzeug, ein Waschbecken für elf Persenen.« Das sei absolut menschenverachtend gewesen, so Bauer.

Sie regte an, auch in Gütersloh Wohnraum-Kontrolleure einzustellen, die unangekündigt die Unterkünfte der Leiharbeiter besuchen, um die Situation für die Arbeiter zu verbessern.

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