Woche der kleinen Künste: Programmmacher landen zwei Volltreffer Beliebtes trifft Überraschendes

Gütersloh (WB). Was ist das Erfolgsgeheimnis des Programms der Woche der kleinen Künste? Abseits aller soziokulturellen Phänomene, die dem  Volksfest ihren Charakter geben, zeichnen sich zwei konträr scheinende Prinzipien der Programmgestaltung ab, die  am Donnerstag  in Erscheinung traten: das Überraschende trifft das allseits Beliebte.

Von Max Oestersötebier
Dramaturgisch perfekt geplant: Als letzte Zugabe präsentiert die Gruppe Wingenfelder »Time to Wonder« der Kult-Rockband Fury in the Slaughterhouse. Die Besucher auf dem Dreiecksplatz stehen dabei auf Tischen und Bänken.
Dramaturgisch perfekt geplant: Als letzte Zugabe präsentiert die Gruppe Wingenfelder »Time to Wonder« der Kult-Rockband Fury in the Slaughterhouse. Die Besucher auf dem Dreiecksplatz stehen dabei auf Tischen und Bänken. Foto: Max Oestersötebier

Wieder einmal gelangen dem Team um Hans-Hermann Strandt zwei programmatische Glücksgriffe, die das Publikum aus zunächst einmal völlig gegensätzlich anmutenden Gründen honorierte. Wer neben dem Besuch eines Familienfestes auch die Musik auf der Bühne erleben möchte, besucht die »Woche« normalerweise jeden Abend aufs Neue vor allem ob des Überraschnungspotenzials: Sie lernen Bands kennen, die anschließend aus dem häuslichen Plattenschrank nicht mehr wegzudenken sind.

Fantastisches Konzert: »NO Blues« verbindet Welten.

Solch eine Band ist »NO Blues«. Ein Palästinenser, ein Sudanese und zwei Holländer machen zusammen Musik. Diese außergewöhnliche Zusammenstellung   stellt sich auf der Bühne als bezaubernde Verbindung zwischen zwei Welten dar; Musik, wie man sie in ihren Einflusssphären oft im Mittelmeerraum hört, die mit ihren Klängen das abendländische Europa, den vorderen Orient und Nordafrika verbindet; Musik, die die Sehnsucht nach einer fiktiven, individuell  verhandelbaren Heimat zwischen den Kulturen beschreibt. Begleitet von der untergehenden Sonne über Gütersloh lud NO Blues zum Träumen ein. Hier greift das eingangs erwähnte Überraschungspotenzial: Wer hätte denn einfach so ein Billet für ein »NO-Blues«-Konzert erstanden? Wohl die wenigsten. Der Dreicksplatz-Besucher ist jedoch von Natur aus treu und erwartungsfroh. Und für diese Haltung wurde er mit einem fantastischen Konzert belohnt.

Keine Überraschung, aber beliebt bei allen

Ganz anders verhält es sich beim zweiten Programmpunkt des Abends, Wingenfelder. Die Band um die beiden Wingenfelder-Brüder Kai und Thorsten, ehemalige Frontmänner der Kult-Rockband »Fury in the Slaughterhouse«, mutet gegenüber der Entdeckung »NO Blues« schon nahezu langweilig an. Hier passiert musikalisch nichts Unerwartetes, nichts Überraschendes; es ist die geradlinigste, am herkömmlichsten instrumentierte und gespielte aller Rockmusiken. Doch auch Wingenfelder, die musikalisch natürlich über jeden Zweifel erhaben sind, erweisen sich ebenfalls als programmatischer Volltreffer, wenn auch aus völlig anderen Gründen: Was an Überraschungsmoment fehlt, wird mit Beliebtheit mehr als kompensiert. Erstmals in dieser Woche steht eine Band auf der Bühne, die weit über das übliche Maß ein eigenes Publikum anlockt, die mehr als alle anderen die Zuschauergenerationen beim Feiern verbindet, die es schafft, dass die Leute frühzeitig bis in die letzten Reihen auf den Tischen und Bänken stehen und sich in den Armen liegen. Die alten Fury-Hits wie »When I’m Dead and Gone«, »Won’t Forget These Days« und, dramaturgisch perfekt als letzte Zugabe, »Time to Wonder« kann jeder mitsingen. Trotz der zahlreichen neueren Wingenfelder-Kompositionen sind die Hannoveraner keine Entdeckung und keine Überraschung wie so viele andere Künstler in dieser Woche. Eine bessere Wahl für die Atmosphäre auf dem Platz hätten die Programmmacher jedoch nicht treffen können. Gratulation.

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