Bus- und Reiseunternehmer müssen in der Pandemie besondere Herausforderungen meistern
„Alles, was das Leben schön macht, steht still“

Altkreis Halle -

Kein touristisches Geschäft und wegen des verlängerten Lockdowns auch kein oder kaum Schulbusverkehr mehr: Die Bus- und Reiseunternehmen im Altkreis Halle müssen mit vielen Schwierigkeiten und Einnahmeausfällen klar kommen. Und Planungssicherheit gibt es nicht,

Freitag, 08.01.2021, 08:19 Uhr
»Wer weiß, wozu es gut ist«, fragt sich der Haller Busunternehmer Rainer Pohl angesichts der Corona-Beschränkungen. Sein Fuhrpark war 2020 an 206 Tagen zum Stillstand verurteilt. Foto: Gerhards

»Dass es Mitte Januar nicht wieder los gehen wird, war mir schon klar«, sagt der Haller Busunternehmer Rainer Pohl. Zum dritten Mal innerhalb von zehn Monaten stehen seine acht normalerweise im Schülerverkehr eingesetzten Fahrzeuge still. Weil die Präsenzpflicht in den Schulen weiterhin aufgehoben ist, müssen auch die Busse wohl vorerst bis Anfang Februar in der Garage bleiben.

Nicht zu fahren ist für Rainer Pohl gleichbedeutend mit einem hundertprozentigen Einnahmeausfall. Weil er keine staatlichen Überbrückungsgelder erhält, muss er auf Rücklagen zurückgreifen. Kurzarbeit ist für seine vier in Teilzeit beschäftigten Mitarbeiter keine Alternative. »Im Januar kann ich keine einzige Rechnung schreiben, die Kosten laufen trotzdem weiter«, beklagt der 62-Jährige, der sein Unternehmen seit 1987 führt.

Fahrzeuge stehen still, aber die Kfz-Versicherung kassiert trotzdem

Erst kürzlich hat er im Gespräch mit seiner Autoversicherung darauf hingewiesen, dass seine Fahrzeuge im vergangenen Jahr nur an 159 Tagen eingesetzt waren, die Beiträge aber für 365 Tage gezahlt werden mussten. An 206 Tagen standen die Busse ungenutzt im Depot, während die Kosten gleich blieben. Hier wünscht sich Rainer Pohl eine entgegenkommende Bonusregelung, denn eine An- und Abmeldung der Fahrzeuge ist mit hohem verwaltungstechnischem Aufwand verbunden. Sie erscheint angesichts der zahlreichen Ungewissheiten über die jeweils gültigen Bestimmungen zum Schulunterricht auch nicht praktikabel.

Nur weil er in den vorherigen Jahren gut gewirtschaftet hat, kommt er bisher einigermaßen über die Runden, sieht die Lage aber durchaus kritisch. Für völliges Unverständnis sorgt bei ihm das Verhalten einiger Menschen, die ausgerechnet jetzt die Ski- und Rodelpisten bevölkern, obwohl sämtliche touristischen Infrastruktureinrichtungen wegen des Lockdowns geschlossen sind. »Es ist ein Unding, jetzt überhaupt auf Reisen zu gehen«, findet Rainer Pohl.

Lukrativer Geschäftszweig Kulturreisen ist zur Zwangspause verurteilt

»Stark sein und nach vorne schauen«, so lautet derweil die Devise von Bettina Sieckendiek vom gleichnamigen Bus- und Reiseunternehmen in Versmold. »Wir stecken den Kopf nicht in den Sand und freuen uns aufs Frühjahr«, sagt sie, auch »wenn alles, was das Leben schön macht, derzeit still steht«. Der mittelständische Familienbetrieb mit rund einhundert Beschäftigten ruht auf den drei Säulen Reisebüros, Buswerkstatt und Linienbusse, wobei letztere im Gegensatz zu zwölf abgemeldeten Reisebussen auch derzeit noch im Einsatz sind. Der lukrative Geschäftszweig Kulturreisen – etwa zur Elbphilharmonie und den unterschiedlichen Musicals – ist aufgrund der aktuellen Lage zur Zwangspause verurteilt.

Kraft und Motivation schöpft Bettina Sieckendiek nicht zuletzt aus dem Vertrauen, das die treue Kundschaft ihrem Unternehmen entgegen bringt. Das Versprechen »Wenn wir reisen, dann mit euch«, hört sie häufig. Auf eine Gutscheinregelung wollte sie sich zu Beginn der Pandemie erst gar nicht einlassen und hat auf Wunsch alles zurück gezahlt. Wer möchte, kann bereits jetzt ohne finanzielles Risiko vorbuchen. Planungssicherheit für alle Beteiligten ist derzeit eher mit dem Blick in die berühmte Glaskugel vergleichbar.

Verstärkt im Angebot des neuen Kataloges, an dem zurzeit intensiv gearbeitet wird, sind kombinierte Bus-Radreisen. Damit auch e-Bikes sicher transportiert werden können, wurde bereits ein neuer Fahrradanhänger angeschafft. »Die Menschen wollen mobil sein und sich aktiv bewegen«, glaubt Bettina Sieckendiek und verspricht, die jeweiligen Reisebegleiter kennen sich auch in Bezug auf »versteckte Kleinode« am Wegesrand bestens aus.

In der Branche ist hohe Flexibilität gefragt

Etwas eingeschränkt hat die Reisesparte dagegen Leeker-Touristik aus Borgholzhausen. Unter den 14 Bussen sind nur noch zwei Reisebusse, die sich nach Angaben der beiden Geschäftsführer Gisela und Thorsten Seidel »in der Garage langweilen«. Schwerpunkt des Unternehmens ist das Liniengeschäft im Auftrag von Teutoburger Wald Verkehr TWV. Wie sich der verlängerte Lockdown im Einzelnen auf den Busverkehr auswirkt, ist allerdings noch unklar.

»Es kann sein, dass am Montag alle Busse fahren müssen«, glaubt Thorsten Seidel, weil niemand wisse, wie viele Schüler die Notfallbetreuung in Anspruch nehmen. Im Extremfall ist dann ein Gelenkbus unterwegs, um zwei oder drei Schulkinder zu transportieren, so seine Befürchtung. »In unserer Branche ist auch ohne Corona Flexibilität gefragt«, betont Gisela Seidel, die sich dennoch auf eine mögliche Entspannung der Lage im Frühjahr und Sommer freut. Dann könnte auch das Reisen wieder Spaß machen.

 

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