Streit um Stromtrasse geht in Borgholzhausen in die nächste Runde
So steht Pium politisch unter Strom

Borgholzhausen (WB). Das nächste Treffen des Planungsdialogs zur 380 Kilovolt Höchstspannungsleitung soll am 4. September stattfinden. Vor allem drei Landwirte und Flächeneigentümer fühlen sich und ihre Interessen in diesem Gremium unterrepräsentiert. Deswegen haben sie Ende Juli mit professioneller Hilfe eine eigenfinanzierte Kampagne gestartet, um die in Borgholzhausen auf einer Länge von 4,2 Kilometern geplante Teilerdverkabelung doch noch zu verhindern.

Dienstag, 01.09.2020, 07:00 Uhr

Landwirte sehen in der SPD offenbar ihren Hauptgegner

In der zunehmend hitziger werdenden Auseinandersetzung sehen die Bauern und Grundbesitzer – vielleicht auch wahlkampfbedingt – in der SPD offenbar ihren Hauptgegner. Nach einer vom landwirtschaftlichen Ortsverein initiierten Diskussionsveranstaltung mit allen für den Stadtrat kandidierenden Parteien sprechen die Erdkabelgegner bereits davon, dass „drei von fünf Parteien (CDU, Grüne und BU) nun gemeinsam mit der Landwirtschaft einen neuen Weg gehen wollen“.

Im Gegenzug verweist Bürgermeister Dirk Speckmann (SPD) darauf, dass er „weiterhin seine Aufgabe mit der Umsetzung einstimmiger Ratsbeschlüsse wahrnehmen und sich demzufolge für eine Erdverkabelung einsetzen“ werde. Die weiteren Details würden beim Planfeststellungsverfahren der Bezirksregierung Detmold entschieden. Inzwischen laufen bereits Entschädigungsverhandlungen zwischen Amprion und den durch den Westfälisch Lippischen Landwirtschaftsverband vertretenen Grundstückseigentümern. Die Landwirte Werner Bentlage, Uwe Nagelsmöller und Georg von Kerssenbrock organisieren ihren Widerstand dagegen in Eigenregie. Speckmann zufolge hat der WLV ihrer Initiative „Erdverkabelung Nein Danke“ inzwischen die Verwendung des Verbandslogos auf deren Webseite untersagt.

Amprion-Sprecherin sieht nur „leichten Verzug“

Laut dem ursprünglichen Fahrplan des Netzbetreibers Amprion sollten bis Mitte 2020 die Planfeststellungsunterlagen eingereicht werden, um dann im Sommer 2021 mit dem Bau beginnen zu können. Nach Angaben von Katrin Schirrmacher, Leiterin Projektkommunikation bei Amprion, werde dieser Zeitplan weitgehend eingehalten, wenngleich sie einen „leichten Verzug aufgrund von Betretungsverboten im Rahmen der Baugrunduntersuchungen“ einräumt. Auf Nachfrage rechnet sie zum Jahresende mit dem Beginn des Planfeststellungsverfahren, das den Erfahrungen zufolge mit etwa einem Jahr Bearbeitungszeit angesetzt werden kann, je nach Art der Einwendungen. Größere Verzögerungen für den Weiterbau in Niedersachsen kann Schirrmacher nicht erkennen, weil man dort ohnehin noch nicht so weit sei.

Nach Abschluss der Probebohrungen sei klar geworden, dass „eine offene Bauweise zur Verlegung der Kabelschutzrohranlage auf dem gesamten Erdkabelabschnitt möglich ist“. Den Violenbach mittels eines grabenlosen Bauverfahrens zu unterqueren, komme dagegen aufgrund des äußerst klüftigen und wechselhaften Baugrunds nicht in Frage. Bei der von Landwirtschaftsvertretern vehement abgelehnten offenen Bauweise wird der Boden abschnittsweise entnommen und nach Verlegung der Leerrohre für die Kabel möglichst so wieder verfüllt, dass die Bodenschichten weitgehend dem ursprünglichen Zustand entsprechen sollen.

Landwirte plädieren für Lösung mit Masten

Während die drei Landwirte ihre Ländereien nicht als „ergebnisoffenes Experimentierfeld oder nationale Spielweise“ im Rahmen des Pilotprojektes zur Verfügung stellen wollen und stattdessen für eine Lösung mit zwar höheren, dafür aber weniger Masten plädieren, sieht die Bürgerinitiative „keine 380 kV Freileitung“ durchaus andere Möglichkeiten. „Alternativ zum Spülbohrverfahren soll Amprion weitere Möglichkeiten testen“, fordert etwa Hartmut Halden und fragt plakativ: „Der Mont Blanc ist durchbohrt worden, warum geht das denn hier nicht?“

Katrin Schirrmacher sagt dazu: „Amprion hat seine projektübergreifenden Trassierungskriterien. Grundsätzlich gehen wir erst einmal von der offenen Bauweise aus, weil sie die größtmögliche Verlegegenauigkeit der Kabelschutzrohranlage bietet und ein vergleichbar geringes Ausführungsrisiko beinhaltet.“ Mit jeder zusätzlichen technisch notwendigen Komponente steigen in ihren Augen Fehleranfälligkeit und Betriebsrisiko der „kritischen Infrastruktur“. Als Auslösekriterien für die Prüfung geschlossener Bauweisen gelten bisher lediglich zu querende Autobahnen, klassifizierte Straßen, Bahnlinien, Gewässer und Flächen mit (inter)nationalen Schutzausweisungen.

Glaubenskrieg mit unterschiedlichen Expertenmeinungen

Die Frage nach der Erdverkabelung entwickelt sich also möglicherweise zum Glaubenskrieg mit unterschiedlichen Expertenmeinungen und einander widersprechenden Gutachten. Während die Bauern neben Zerstörung ihrer „pfleglich behandelten besonders wertvollen Böden“ auch unkontrollierbare Temperatursteigerungen befürchten, führen die anderen Verschandelung der Landschaft, elektromagnetische Felder und unzumutbare Betonfundamente für die Masten ins Feld.

Ein weiterer Streitpunkt sind die erforderlichen Kabelübergabestationen. Im Norden von Borgholzhausen ist es Amprion bereits gelungen, entsprechende Grundstücke zu erwerben. Im südlichen Suchraum ziehen sich die Verhandlungen mit den Eigentümern der Flächen noch etwas hin. Auf jeden Fall soll im Herbst ein weiterer öffentlicher Bürgerinfomarkt stattfinden. „Dort werden wir die Inhalte der Planfeststellungsunterlagen vorstellen, mit denen wir ins Verfahren gehen werden“, kündigt Katrin Schirrmacher an.

„Wenn wir uns einig sind, dann kriegen wir das hier auch gemeinsam hin“, so versucht Dierk Bollin von der Bürgerinitiative „keine 380 kV Freileitung“ die Wogen zu glätten. Und Dieter Vahrenbrink, Vorsitzender des landwirtschaftlichen Ortsvereins, erinnert mit den Worten „Es gibt immer eine Alternative“ an die Erfahrungen beim Bau der A 33.

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