92 Corona-Infizierte bei Westcrown: Bürgermeister Eugen Görlitz schildert Lage in Dissen „Wir werden auch diese Krise bewältigen“

Dissen (WB). Der Dissener Bürgermeister Eugen Görlitz (CDU) ist offiziell noch keine 100 Tage in seinem neuen Amt, da trifft ihn der Corona-Krisenfall mit voller Wucht. Gleich 92 Corona-Infizierte sind in einem großen Fleisch-Zerlegebetrieb in seinem Ort ermittelt worden.

Von Stefan Küppers
Eugen Görlitz (CDU) ist Bürgermeister der Stadt Dissen in Niedersachsen. In einem dortigen Fleisch-Zerlegebetrieb sind 92 Mitarbeiter positiv auf Covid-19 getestet worden. Der Bürgermeister erklärt, wie in so einem Fall vorgegangen wird.
Eugen Görlitz (CDU) ist Bürgermeister der Stadt Dissen in Niedersachsen. In einem dortigen Fleisch-Zerlegebetrieb sind 92 Mitarbeiter positiv auf Covid-19 getestet worden. Der Bürgermeister erklärt, wie in so einem Fall vorgegangen wird. Foto: Stefan Küppers

Für die kleine Stadt am Teutoburger Wald mit knapp 9900 Einwohnern ist das ein Schlag. Doch der 38-Jährige bleibt cool, auch wenn er jetzt praktisch rund um die Uhr auch am Wochenende gefordert ist und seinen soeben angetretenen Urlaub erst einmal vergessen kann.

Bereits am Sonntag wurde der Dissener Bürgermeister vom federführenden Landkreis Osnabrück über die hohe Anzahl von Infizierten in der Westfleisch-Niederlassung Westcrown informiert. „Nein, ein Schock ist das nicht. Auch wenn ich natürlich gehofft habe, dass nach den Vorfällen bei Westfleisch in Coesfeld der Kelch an uns in Dissen vorbeigehen würde“, sagt Görlitz und zeigt sich zuversichtlich, dass ein weitergehender Lockdown für das öffentliche Leben und das Geschäftsleben in Dissen vermieden werden kann – nach den soeben erst eingetretenen Lockerungen.

Die Bürgermeister-Sekretärin berichtet von einigen besorgten Anrufen aus dem Ort. „Wir werden auch diese Krise bewältigen“, sagt der Bürgermeister bestimmt. Von den offiziell festgestellten 92 Corona-Infizierten in dem Westfleisch-Betrieb lebt jeder dritte in Dissen, genau 31 Personen.

Bürgermeister nimmt an Beratungen teil

Im benachbarten Kreis Gütersloh sind nach WESTFALEN-BLATT-Informationen 26 Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert (17 in Borgholzhausen, sechs in Versmold und drei in Rheda-Wiedenbrück). Am Sonntag nahm der Dissener Bürgermeister an den Beratungen des Krisenstabes beim Landkreis Osnabrück teil und ließ sich auch selbst in eines der insgesamt zehn gemischten Teams aus Kreis- und Stadtverwaltung einteilen.

So gewann Görlitz einen sehr genauen und auch persönlichen Eindruck, wie in seinem Ort die Quarantäne-Anordnungen für die Betroffenen aufgenommen und umgesetzt werden. Schließlich ist die Kommunikation mit oftmals schlecht Deutsch sprechenden Werkvertragsarbeitnehmern aus Polen oder vor allem auch aus Rumänien und Bulgarien eine Herausforderung.

Görlitz besucht drei Unterkünfte

Um einen Eindruck zu vermitteln, wie eine kommunale Ordnungsbehörde bei einer solch massiven Häufung von Infektionsfällen vorgeht, schildert Bürgermeister Görlitz auf Nachfrage des WESTFALEN-BLATTs auch Details. In drei Unterkünften in Dissen war er selbst am Sonntag bei Erläuterung der Quarantäne-Vorgaben zugegen, eingepackt in einen Schutzanzug mit Maske sowie Schutzhandschuhen.

In der ersten Unterkunft, einer Zwei-Zimmer-Wohnung in Dissen, ist ein Ehepaar aus Rumänien betroffen. Er sei infiziert, sie nicht, informiert Görlitz. Beide dürften jedoch in den kommenden zwei Wochen nicht das Haus verlassen. Beide seien symptomfrei, müssten aber eine Trennung in der Wohnung durchführen.

In einem zweiten Haus sind laut Görlitz zwei Haushalte betroffen. In einem Haushalt lebe ein infizierter Pole mit seinem Sohn, der nicht infiziert ist. Beide müssten voneinander Abstand halten und dies in der Wohnung sicherstellen. Eine Quarantäne gelte aber auch für eine dreiköpfige rumänische Familie (Vater, Mutter, Tochter) im selben Haus, die aber nicht infiziert sei.

Schließlich besuchte Görlitz ein drittes Mehrfamilienhaus mit fünf Wohnungen, in dem ein infizierter Ehemann mit seiner Frau lebe. Hier gibt es Görlitz zufolge unterschiedliche Graduierungen. Ein nicht infizierter Arbeitskollege des infizierten Mannes muss in Quarantäne bleiben. Die Ehefrau des nicht Infizierten muss sich als Zweitkontakt in der gemeinsamen Wohnung zwar von ihrem Mann trennen, darf aber das Haus zwischenzeitlich verlassen.

Leerstehende Bildungseinrichtung ist Quarantäne-Quartier

Die Sammelunterkünfte mit vielen Bewohnern und geringen Abständen seien ein Problem, weiß Görlitz. Der Landkreis ziehe deshalb einzelne Bewohner heraus und bringe sie anderswo unter, berichtet der Bürgermeister. Dies bestätigt später ein Sprecher des Landkreises Osnabrück. Zehn der insgesamt rund 60 infizierten Personen im Landkreis Osnabrück seien für den Quarantäne-Zeitraum in einer leerstehenden Bildungseinrichtung untergebracht, informierte Sprecher Burkhard Riepenhoff.

Auf die Frage, wie und ob die Quarantäne-Bestimmungen bei den Betroffenen verlässlich kontrolliert werden können, gibt Bürgermeister Görlitz eine ehrliche Antwort. „Wir können nicht 31 Leute immer stetig kontrollieren, müssen es bei Stichproben belassen.“

Er habe aber den Eindruck gewonnen, dass der dringliche Appell an die Betroffenen auf Schreiben in der jeweiligen Landessprache von diesen verstanden worden sei und ernst genommen werde. Ansonsten setze er ein Stück weit auch auf die soziale Kontrolle durch Nachbarn, die den Besuch der maskierten Teams mitbekommen hätten.

Über den Betrieb Westfleisch, der vor Jahren die Anlagen und Gebäude des in Isolvenz gegangenen Schlachtbetriebes Gausepohl übernommen hatte, will Bürgermeister Görlitz nichts Negatives sagen. Die Zusammenarbeit mit dem Geschäftsführer bezeichnet er als gut. „Ich habe die Hoffnung, dass alles glimpflich ausgehen wird“, fügt er hinzu.

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