Josephina (8) durch Sauerstoffmangel schwer behindert – Kind erhält 500.000 Euro Entschädigung »Sie legten mir das leblose Baby auf den Bauch«

Borgholzhausen (WB). Fast neun Jahre nach einer Geburt, bei der fast alles falsch gelaufen sein soll, hat das Oberlandesgericht Oldenburg einem behinderten Mädchen aus Borgholzhausen (Kreis Gütersloh) 500.000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen.

Von Christian Althoff
Josephina (links) mit ihrer drei Jahre älteren Schwester: Diese Foto machte die Fotografin Jenny Klestil im Rahmen ihres Projekts »Glück kennt keine Behinderung«. Josephina ist seit ihrer Geburt geistig und körperlich schwer behindert.
Josephina (links) mit ihrer drei Jahre älteren Schwester: Diese Foto machte die Fotografin Jenny Klestil im Rahmen ihres Projekts »Glück kennt keine Behinderung«. Josephina ist seit ihrer Geburt geistig und körperlich schwer behindert.

Es war Heiligabend 2010, als Josephina im Krankenhaus Dissen zur Welt kam . »Sie war leblos, quasi tot. Arme und Beine hingen schlaff herunter. So haben sie sie mir auf den Bauch gelegt, und dann haben sie erst mal nichts gemacht«, sagt Sandra Schacht.

Schon drei Monate nach der Geburt hatten sich die Eltern einen Anwalt genommen, doch der Rechtsstreit dauert bis jetzt. Denn auch gegen das am Mittwoch verkündete zweitinstanzliche Urteil des Oberlandesgerichts Oldenburg können die Beklagten noch bis zum 13. Dezember Rechtsmittel einlegen.

Es sei damals im Krankenhaus eine Schreckensnacht gewesen, sagt die Mutter. Die Details lassen sich in den Urteilen des Landgerichts Osnabrück und des Oberlandesgerichts nachlesen. Demnach bemerkte niemand, dass die Nabelschnur zweimal um den Hals des ungeborenen Kindes geschlungen war. 45 Minuten vor der Entbindung nahm die Herzfrequenz ab, und plötzlich waren gar keine Herztöne mehr zu hören. Aber niemand entschied, das Mädchen mit einem Kaiserschnitt zu holen. Als nach zehn Minuten wieder ein Herzschlag zu erkennen war, hielten die Ärzte ihn für den des Kindes – es war aber der Herzschlag der Mutter.

Gehirn schwer beschädigt

»Als die Verantwortlichen ihren Irrtum bemerkten, war das Gehirn des Kindes durch den langen Sauerstoffmangel bereits schwer geschädigt«, sagte eine Gerichtssprecherin. Doch das Martyrium des Mädchens war mit der Geburt noch nicht vorbei. Sandra Schacht: »Als die Ärzte sich entschieden, unsere leblose Josephina zu beatmen, merkten sie, dass sie keinen Atembeutel hatten. Sie haben dann eine Mund-zu-Mund-Beatmung versucht.«

In der ersten Instanz vor dem Landgericht Osnabrück habe ein Gutachter gesagt, dass er es in 40 Jahren nicht erlebt habe, dass in einem Krankenhaus wegen fehlender Geräte Mund-zu-Mund-Beatmung gemacht werden musste. Nachdem Josephina endlich an ein Beatmungsgerät angeschlossen war, soll das Gerät falsch eingestellt worden sein und zu wenig Druck gehabt haben.

Josephina ist schwerbehindert. »Ihre Arme und Beine sind gelähmt. Sie hat eine Sehstörung, kann nicht sprechen, wird künstlich ernährt, leidet an Epilepsie und sitzt im Rollstuhl. Sie hat überhaupt keine Kontrolle über ihren Körper«, sagt die Mutter.  »Aber Josephina hat ein tolles Wesen und ist lebensfroh.« Josephina besucht eine Schule für Behinderte und wird den Rest des Tages von ihre Mutter und dem getrennt lebenden Vater betreut. »Auch ihre ältere Schwester ist für sie da. Sie liebt Josephina über alles«, sagt die Mutter.

Grober Behandlungsfehler

Nach Ansicht des Oberlandesgerichts war es ein grober Behandlungsfehler, den Herzschlag von Mutter und Kind zu verwechseln. Weil dieser Fehler alleine bereits die Haftung des Krankenhauses und der Ärztin begründe, habe sich das Gericht mit den übrigen Vorwürfen nicht mehr befasst.

Das Krankenhaus Dissen wurde bereits vor Jahren geschlossen. Seine Haftpflichtversicherung soll nun für Josephina aufkommen. Das Krankenhaus und die verantwortliche Ärztin sollen dem Mädchen nicht nur 500.000 Euro Schmerzensgeld zahlen, sondern auch für alle Kosten aufkommen, die Josephina im Laufe ihres Lebens durch die Behinderung noch entstehen.

Sandra Schacht: »Wir hoffen, dass das Urteil im Dezember rechtskräftig wird.« Mit dem Geld, das ausschließlich für das Mädchen verwendet werden darf, will die Mutter als erstes die Wohnung behindertengerecht umbauen.

Kommentare

Eine halbe Million Euro sind schnell verbraucht und kein wirklicher Trost sondern ein ein Witz! In den USA hätte es wahrscheinlich eine halbe Milliarde gegeben. Und selbst dafür würde ich nicht tauschen wollen.

1 Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7069367?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198389%2F2516074%2F