Zum ersten Mal verhüllt ein Hungertuch den Altar der Stiftskirche in Bielefeld
„Hinter jedem Bild eine Geschichte“

Bielefeld (WB) -

Die Idee kam Rüdiger Thurm, Pfarrer der Stiftskirchen-Gemeinde, einen Tag nach Aschermittwoch – die Passionszeit hatte also bereits begonnen. Trotzdem schrieb er per Mail 150 Adressaten an mit der Bitte, ein selbst gemachtes Foto einzuschicken, dessen Motiv sie mit der Corona-Pandemie verbinden.

Samstag, 06.03.2021, 18:00 Uhr aktualisiert: 07.03.2021, 12:40 Uhr
Das Hungertuch hängt: Rüdiger Thurm, Pfarrer der Stiftskirchen-Gemeinde, und Regina Mahl-Schoofs (Offene Kirche) bewundern die Altarverhüllung, die während der Passionszeit Bilder zeigt, die Menschen eingeschickt haben, um zu zeigen, was für sie Corona bedeutet. Foto: Thomas F. Starke

Mit den Fotos sollte ein Hungertuch, das den Altar der Kirche verdecken soll, bedruckt werden. Rüdiger Thurm: „Die Frist war mit nur fünf Tagen sehr kurz und trotzdem kamen 50 Bilder von 30 Einsendern.“ Das Ergebnis – das drei mal 4,85 Meter große, mit den Bildern in unterschiedlichen Größen bedruckte Tuch – wurde am Freitag aufgespannt. An diesem Sonntag ist es erstmals im „gottesdienstlichen Gruß“ aus der Stiftskirche auf dem Youtube-Kanal der Gemeinde zu sehen (7. März, 10 Uhr), ansonsten unmittelbar zu den Zeiten der „Offenen Kirche“.

Pfarrer Thurm sagt, er habe nicht mit einer solchen Vielfalt von Motiven gerechnet: „Hinter jedem Bild steckt eine Geschichte.“ Unter dem zentralen Bild, einer Schwarz-Weiß-Abbildung des jetzt verhüllten Altarbildes von 1500 mit der Kreuzigungsszene, befindet sich ein Foto von einem Impfdosis-Fläschchen.

Für die Dauer der Passionszeit ist ein neues Altarbild entstanden, das Jesus am Kreuz mit unserem Leben verbindet.

Pfarrer Rüdiger Thurm

Das Foto habe die Mitarbeiterin eines Seniorenheims in Lippe eingeschickt, in dem 18 Menschen an Covid-19 verstorben sind. Rüdiger Thurm: „Das Serumfläschchen symbolisiert den Moment, zu dem alle Heimbewohner geimpft waren.“ Es gibt Fotos von Menschen, die Masken tragen, einen „stummen Schrei“, Homeschooling, Fotos von brennenden Kerzen, einer schneebedeckten Thuja-Hecke oder das eines Grabsteins auf dem Sennefriedhof mit den Namen von Menschen, die an Corona gestorben sind, aber ohne Trauerfeier beigesetzt werden mussten. Ein Bild hat auch Oberbürgermeister Pit Clausen eingereicht. Es zeigt ihn mit Mutter und Hund.

Das „Hungertuch“

Hunger- oder Fastentücher wurden im Mittelalter verwendet, um während der Passionszeit die Pracht der Altäre zu verhüllen. Die Tücher sollten dem „Fasten der Augen“ dienen: Gottes Herrlichkeit wird verborgen. Die ursprünglich schlichten Hungertücher wurden bald schon künstlerisch gestaltet: bestickt oder bemalt und damit selbst zu „Glanzstücken“. Das Freiburger Fastentuch von 1612, das 120 Quadratmeter groß und eine Tonne schwer ist, gilt als das größte noch erhaltene Hungertuch überhaupt. Das Brandenburger Hungertuch ist eines der ältesten und stammt aus dem Jahr 1290. Hungertücher verhüllen heute in katholischen und evangelischen Kirchen die bildliche Darstellung Jesu, in der Regel das Kruzifix.

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Jedes Bild, so Pfarrer Thurm, rege die Fantasie des Betrachters an, aber auch die Anordnung der Bilder auf dem Hungertuch lade zur Interpretation ein. Thurm: „Für die Dauer der Passionszeit ist ein neues Altarbild entstanden, das Jesus am Kreuz mit unserem Leben verbindet.“Seines Wissens sei es das erste Mal, dass in der Stiftskirche ein Hungertuch Verwendung findet, so Thurm. Wieder abgenommen werde es am Karsamstag. Um dann, hofft der Pfarrer, „Ostern wieder einen Präsenzgottesdienst in der Kirche feiern zu können – wennalles gut läuft.“

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