In Schloß Holte-Stukenbrock und Bielefeld stehen Funktionäre in der Kritik
Impf-Drängler im Altenheim? Patientenschützer empört

Bielefeld (WB) -

Kurz vor der Eröffnung der 53 Corona-Impfzentren in NRW an diesem Montag mehren sich die Verdachtsfälle mutmaßlicher Impf-Drängler.

Montag, 08.02.2021, 03:00 Uhr aktualisiert: 08.02.2021, 07:42 Uhr
Wurden im Altenzentrum Wiepeldoorn in Schloß Holte-Stukenbrock zu Unrecht Außenstehende geimpft? Foto: Christian Althoff

So ist aus der gemeinnützigen Wertkreis Gütersloh GmbH zu hören, Mitarbeiter seien verärgert, weil Führungskräfte bevorzugt geimpft worden seien.

Die Wertkreis gGmbH ist Trägerin mehrerer Einrichtungen im Kreis Gütersloh, unter anderem des Altenzentrums Wiepeldoorn in Schloß Holte-Stukenbrock. Als hier am 30. Dezember zum ersten Mal geimpft wurde, standen nicht nur alte Menschen und Pflegekräfte auf der Impfliste. Sondern auch Wertkreis-Geschäftsführer Michael Buschsieweke, die Personalchefin der Gesellschaft und der Pressesprecher. Alle drei bekamen an jenem Tag ihre Impfung.

Der Kreis Gütersloh ist Mehrheitsgesellschafter der gemeinnützigen GmbH. Er bestätigte am Freitag, von der Impfung der drei erfahren zu haben. Er verwies darauf, dass Impfdosen übrig gewesen seien. Es seien deshalb auch Personen geimpft worden, „die nicht zur Kategorie I gehören“.

Wertkreis-Geschäftsführer Buschsieweke äußert sich nicht zu dem Fall, doch Werkstattleiter Dr. Sebastian Menke nahm Stellung. Er erklärte, das Altenzentrum habe am 26. Dezember 100 Impfdosen für Bewohner und Pflegekräfte bestellt. Als sich am 28. Dezember abgezeichnet habe, dass das zu viele sein würden, habe man sich „um zusätzliche Impfkandidaten bemüht“. Der Geschäftsführer und die Personalchefin seien auf die Liste gekommen, weil das Altenzentrum damals coronabedingt personell ausgedünnt gewesen sei. Es sei geplant gewesen, dass die beiden Führungskräfte, die eine Pflegeausbildung hätten, dort einspringen sollten, falls sich der Krankenstand im Führungsbereich verstärken sollte.

Der Pressesprecher sei wegen einer Vorerkrankung geimpft worden, teilte Menke mit. Die Initiative, den Sprecher zu impfen, soll von Vorgesetzten ausgegangen sein. Der Pressesprecher gehört ebenfalls nicht zur Priorisierungsgruppe I.

Ein Wertkreis-Mitarbeiter, der aus Angst um seinen Arbeitsplatz nicht namentlich genannt werden möchte, sagte, es gebe in den Einrichtungen des Wertkreises Menschen, die nach den Priorisierungskriterien eher Anspruch auf die Spritze gehabt hätten als die drei. Und bei zwei Tagen Vorlauf hätte man deren Impfung auch organisieren können.

Da stehen auch die Ärzte, die die Spritzen geben, in der Verantwortung.

Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz

Diskussionen gibt es auch in Bielefeld. Dort wurden am 2. Januar neben Bewohnern und Pflegekräften des Martha-Stapenhorst-Heims auch zwei Vorstandsmitglieder des DRK-Ortsvereins, der Beiratsvorsitzende des Heims und seine Ehefrau geimpft. Zur Begründung teilte das Rote Kreuz am Sonntag mit, diese Ehrenamtlichen seien „regelmäßig in der Einrichtung tätig“. DRK-Sprecherin Christina-Carolin Rempe: .„Der mögliche Eindruck, die Impf-Priorisierung sei bewusst missachtet worden, ist falsch.“

Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, sagte dieser Zeitung, Staatsanwaltschaften sollten jedem Verdacht von Impf-Drängelei nachgehen. „Denn es könnte der Tatbestand des Betrugs erfüllt sein.“ Immer wieder würden Menschen, die nicht an der Reihe seien, geimpft. „Da stehen auch die Ärzte, die die Spritzen geben, in der Verantwortung.“ Für den Fall, dass Impfdosen übrig blieben, müsse es Wartelisten mit Impfberechtigten geben. „Darauf dürfen aber nur Menschen der gleichen Prioritätsgruppe stehen.“

Auch aus anderen Bundesländern wurden Verdachtsfälle bekannt. Drei Direktoren des Klinikums Region Hannover haben sich in einem Brief an die Mitarbeiter entschuldigt, weil sie sich haben impfen lassen. Laut NDR heißt es in dem Schreiben, man wolle sich „aufrichtig bei denjenigen entschuldigen, die mit ihrer täglichen Arbeit an den Patienten bereit sind, auch persönliche Risiken einzugehen.“

Bekanntgeworden war vergangene Woche auch der Fall von 320 Polizisten, die vom Landkreis Stendal illegal geimpft worden waren. In Sachsen-Anhalt haben der Wittenberger Landrat Jürgen Dannenberg (Die Linke) und Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) nach einem Bericht der Mitteldeutschen Zeitung eingeräumt, vor dem bundesweiten Impfstart am 27. Dezember eine Spritze erhalten zu haben. Dannenbergs Vize Jörg Hartmann (CDU sei ebenfalls geimpft worden.

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