Bielefelderin leidet unter dauerhaften Einschränkungen – Gynäkologe weist Vorwürfe zurück
Frau verklagt Klinik nach Zangengeburt

Bielefeld (WB) -

Viel mehr als eine Stunde am Stück, sagt Dr. Jutta Berger*, habe sie seit Jahren nicht mehr geschlafen. „Ich muss nachts bis zu zehn Mal raus, weil ich so starken Harndrang spüre – obwohl meistens so gut wie nichts kommt.“

Samstag, 06.02.2021, 03:00 Uhr aktualisiert: 06.02.2021, 07:17 Uhr
Eine ältere Geburtszange, die aber von ihrer Form her aktuellen Modellen gleicht. Foto: Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Georg-August-Universität Göttingen, V. Schade, 2016

Die Sprachwissenschaftlerin ist 39 Jahre alt. Ihre private Versicherung zahlt ihr seit kurzem eine Berufsunfähigkeitsrente, und der Staat hat inzwischen eine Schwerbehinderung anerkannt. Denn der Nervenschaden an der Blase ist längst nicht die einzige Beeinträchtigung der Frau.

Für ihren Zustand macht sie den Chef jener Bielefelder Klinik verantwortlich, in der sie 2016 ihr erstes Kind bekommen hat. „Der Gynäkologe hat unseren Sohn mit einer Zange geholt und mich dabei verletzt. Die Zangengeburt wurde nur nötig, weil der Arzt mich zu stark betäubt hatte und ich nicht mehr pressen konnte.“

4 O 105/19 ist das Aktenzeichen, unter dem der Fall beim Landgericht Bielefeld liegt. Hartmut Geil, Fachanwalt für Medizinrecht, fordert für seine Mandantin 50.000 Euro Schmerzensgeld und die Übernahme der Kosten, die der Frau im Laufe des Lebens als Folge der mutmaßlichen Fehlbehandlung noch entstehen.

Am 20. Juli 2016 wurde Jutta Berger gegen 2.30 Uhr von ihrem Mann mit Wehen in die Klinik gebracht. „Gegen 5.45 Uhr war der Muttermund fast vollständig geöffnet“, sagt die Frau. Gegen 7.30 Uhr habe sie so starke Schmerzen gehabt, dass sie einer PDA, einer Peridural-Anästhesie, zugestimmt habe. „Es war der Gynäkologe, der mir die Spritze gegeben hat.“

Kurz darauf sei ihr schwindelig geworden, und von der Brust abwärts sei alles taub gewesen. „Ich habe keine Wehen mehr gespürt.“ Schließlich habe der Gynäkologe gegen 10.30 Uhr einen Dammschnitt gemacht und den Jungen mit einer Geburtszange geholt. Das Baby war 55 Zentimeter groß und wog 3640 Gramm.

Es war ihr erstes Kind, und Jutta Berger nahm an, dass die Beschwerden, die sie in den folgenden Monaten hatte, normal seien. „So hat es mir der Gynäkologe gesagt.“ Sie habe ein Taubheitsgefühl im Becken und in den Beinen gehabt und könne bis heute keine längeren Strecken gehen. Vor allem aber der ständige Harndrang treibe sie zur Verzweiflung. „Man kann ja nicht mehr aus dem Haus.“ Das Problem werde dadurch verschärft, dass sie ihren Darm nicht mehr spüre. „Was macht man, wenn man nicht merkt, dass man muss?“ Sie könne nur noch raus, wenn sie vorher abgeführt habe.

Um die Ursache zu finden, suchte die Frau einen Urologen, einen Hormonspezialisten und einen Kardiologen auf – ohne Erfolg. Erst im Juli 2018 hatte sie Klarheit: „Im Zentrum für Frauenheilkunde des Klinikums Bielefeld wurden mit speziellen Messungen Nervenschäden nach traumatisierter Erstgeburt festgestellt.“ Der Dammschnitt und die Geburtszange, so ist die Annahme, könnten die Nerven verletzt haben.

Die Bielefelderin ließ sich ihre Patientenakte aushändigen. Anwalt Hartmut Geil sagt, er sei sofort über mehrere Auffälligkeiten gestolpert „Im Geburtsbericht ist eine Anschrift meiner Mandantin angegeben, an der sie zum Zeitpunkt der Geburt noch gar nicht gewohnt hat. Und im Behandlungsvertrag sind vier Anästhesisten aufgeführt, von denen keiner die PDA gemacht hat.“ Es finde sich auch keine Aufklärung über die PDA in der Akte, und seiner Mandantin sei kein Kaiserschnitt angeboten worden – obwohl der Arzt mit der Kasse eine Fehllage des Kindes abgerechnet habe, die eigentlich für einen Kaiserschnitt hätte sprechen müssen.

Der entscheidende Punkt in dem Rechtsstreit ist aber die PDA. In den Patientenunterlagen und dem Antrag des Gynäkologen auf Klageabweisung steht, er habe zur Schmerzlinderung 40 Milligramm Bupivacain in einer Konzentration von 0,5 Prozent gespritzt. „Das ist das Vierfache der empfohlenen Menge“, sagt Anwalt Geil.

Das Landgericht Bielefeld, das den Fall demnächst verhandeln will, hat den Direktor einer nordrhein-westfälischen Frauenklinik als Sachverständigen beauftragt. Er sollte unter anderem klären, ob die Konzen­tration des Mittels in Ordnung war. Der Gynäkologe kommt in seinem Gutachten zu dem Ergebnis, die Dosis sei „üblich“.

Das will Jutta Berger nicht hinnehmen. Sie hat einen eigenen Gutachter beauftragt. „Natürlich wird ein Gericht bei einem Privatgutachten argwöhnen, dass es parteiisch ist. Deshalb habe ich einen Anästhesisten gesucht, an dessen Expertise niemand vorbeikommt.“ Sie glaubt, ihn in Prof. Dr. Peter Kranke aus Würzburg gefunden zu haben. Er ist Herausgeber des Standardwerks „Die Geburtshilfliche Anästhesie“ und als Delegierter der Deutschen Anästhesiegesellschaft an der Erarbeitung von Richtlinien beteiligt. Er schreibt, die Dosierung des Bupivacains habe „in keiner Weise“ fachärztlichem Standard entsprochen. Die hohe Konzentration erscheine in der Austreibungsphase, wenn koordiniertes Mitpressen der Mutter verlangt sei, „besonders abwegig“. Die Wahrscheinlichkeit, eine Geburtszange einsetzen zu müssen, sei durch die hohe Dosis „deutlich erhöht“ gewesen. Prof. Kranke hält eine Bupivacain-Konzentrationen von maximal o,125 Prozent in einem Fall wie diesem für angemessen.

Der Bielefelder Gynäkologe weist die Vorwürfe zurück – und erklärt jetzt, er habe das Mittel damals verdünnt eingesetzt. „Ich führe seit 36 Jahren Peridural-Anästhesien durch, und ich habe mit der Geburtszange auch keine Nerven verletzt.“ Zu den Symptomen der Patientin sagt er, bei jeder Schwangerschaft könne es zu einer Blasenschwäche kommen. Die Frau leide an einer Beckenbodensenkung, die durch Physiotherapie, Medikamente und eine OP „leicht zu korrigieren“ wäre.

Das Landgericht will den Fall am 13. April verhandeln.

* Der Name der Patientin wurde geändert.

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