Im Gespräch mit Professor Dr. Tim Hagemann von der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld
Homeoffice und die Tücken

Bielefeld -

Die Aufforderung aus der Politik ist deutlich: Mehr Menschen sollen im Homeoffice arbeiten. Bei der Stadtverwaltung Gütersloh beispielsweise nutzen mittlerweile mehr als 50 Prozent den mobilen Arbeitsplatz. Warum sich aber vor allem jüngere Menschen damit schwer tun und vor welchen Herausforderungen Führungskräfte stehen, erklärt Professor Dr. Tim Hagemann im Gespräch mit dieser Zeitung.

Sonntag, 31.01.2021, 23:02 Uhr aktualisiert: 01.02.2021, 23:04 Uhr
Gerade jüngere Menschen tun sich schwer damit, im Homeoffice zu arbeiten. Sie sind mehr auf informellen Austausch angewiesen als ältere erfahrenere Mitarbeiter. Foto: Christin Klose/dpa

Hagemann unterrichtet an der Fachhochschule der Diakonie in Bethel. Seine Schwerpunkte sind Arbeitsund Gesundheitspsychologie, Digitalisierung der Arbeitswelt, Kultur- und Organisationsentwicklung sowie Allgemeine Psychologie.

 

Herr Professor Dr. Hagemann, sind Sie selbst gerade im Homeoffice?

Tim Hagemann: Ja, wir wurden aufgefordert, das zu tun. Einige Kollegen wollen dies aber lieber nicht.

 

Und wie gestalten Sie sich den Arbeitstag?

Hagemann: Wir Professoren sind zeitlich flexibel. Ich orientiere mich aber an der allgemeinen Kernarbeitszeit von 9 bis 18 Uhr.

 

Es gibt Verwaltungen, da sind mittlerweile mehr als 50 Prozent der Mitarbeiter im Homeoffice. Sie haben die Risiken und Chancen der mobilen Arbeit untersucht. Was sind denn die Risiken?

Hagemann: Ich habe für ein Industrieunternehmen eine Studie zu dem Thema durchgeführt und schon zum ersten Lockdown für das Internetportal Linkedin Daten interpretiert. Dabei hat sich gezeigt, dass sich Jüngere schwerer damit tun, zu Hause zu arbeiten.

 

Warum?

Hagemann: Ich habe eine Hypothese, die ich stark vertrete: Jüngere sind stärker auf einen informellen Austausch angewiesen. Wenn bei einem Meeting etwas schief geht oder die Führungskraft komisch reagiert, kann man normalerweise mal eben seine Kollegen fragen: Wie war der denn drauf? Dienstältere können hingegen aus dem Fundus ihrer Erfahrungen schöpfen. Hinzu kommt, dass jüngere Menschen oftmals allein leben. Die Arbeit ist ein wichtiger Punkt für soziale Kontakte und vielleicht auch, um den Partner fürs Leben zu finden.

 

Und wie sieht es bei Führungskräften aus?

Hagemann: Die haben auch größere Probleme. Die Gründe sind nicht ganz klar. Vielleicht liegt es an der höheren Verantwortung. Delegation, Kontrolle oder auch einfach mal bei den Kollegen vorbeizuschauen, gestaltet sich online schwieriger. Der direkte Zugriff auf den Mitarbeiter fehlt. Da muss man den Führungsstil ändern.

 

Gibt es dafür ein Geheimrezept?

Hagemann: Kommunikation. Immer wieder nachfragen, wie es bei den Mitarbeitern läuft.

 

Welche Chancen bieten sich durch die mobile Arbeit?

Hagemann: Ein Vorteil ist der Wegfall der Pendlerzeiten. Das kann bei einigen Mitarbeitern schon anderthalb Stunden am Tag ausmachen. Außerdem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – wenn man sich nicht gerade mit Homeschooling beschäftigen muss.

 

Nicht jeder hat zu Hause ein Büro, das er nach der Arbeit einfach verlassen kann. Wie schafft man es, trotzdem Feierabend zu machen?

Hagemann: Wir Menschen sind auf unsere Umgebung konditioniert. Beim Autofahren macht man vieles ganz automatisch. Eine steile Rolltreppe hochzusteigen, fühlt sich anders an, als eine normale Treppe zu nehmen, weil sich das Gehirn auf etwas Rollendes eingestellt hat. Ähnlich verhält es sich mit dem Arbeitsplatz, nur dass sich die Arbeitswelt durch das Homeoffice im privaten Bereich abspielt. Da hilft es, einen klaren Schnitt zu machen.

 

Wie könnte der aussehen?

Hagemann: Wer zum Beispiel am Küchentisch arbeitet, sollte ihn morgens freiräumen und dann seinen Computer dort aufbauen. Nach dem Feierabend sollte man alles wieder abräumen. Somit schafft man eine Veränderung. Am besten hat man auch getrennte Geräte, die man nach dem Feierabend in der Schublade verstauen kann. Es hilft, sich ein Ritual zu schaffen.

 

Wie sieht es mit Pausen aus?

Hagemann: Ein völlig unterschätztes Thema. Spätestens mittags sollte man 15 Minuten an die frische Luft gehen. Wenn man die ganze Zeit vor dem Bildschirm sitzt, kann man schnell Verspannungen bekommen. Auch die Augenmuskulatur sollte zwischendurch trainiert werden, indem man in die Ferne guckt. Außerdem ist die Schadstoffbelastung in den meisten Wohnungen höher als vor der Haustür – auch wenn man an einer viel befahrenen Straße wohnt.

 

Oft hört man den Rat, sich im Homeoffice so zu kleiden, wie man auch im Büro erscheinen würde...

Hagemann: Generell kann man das nicht sagen. Aber es kann helfen, ein Ritual zu etablieren. Wenn man sich nach der Arbeit Freizeitkleidung anzieht, kann das zur Abgrenzung vom Arbeitstag beitragen.

 

Früher haftete Homeoffice der Ruf an, dass Mitarbeiter dort fauler seien. Mittlerweile hört man häufiger, dass Arbeitnehmer Gefahr laufen, sich zu Hause zu überarbeiten.

Hagemann: Das kann passieren, wenn man Arbeit nicht von Persönlichem trennt. Ein Beispiel ist die dienstliche Whats-AppGruppe. Wir lieben menschliche Kontakte. Wenn das Signal ertönt, dass wir eine E-Mail bekommen haben, ist die Versuchung groß, darauf zu reagieren. Es sind übrigens gar nicht so sehr die Arbeitgeber, die verlangen, dass die Mitarbeiter ständig erreichbar sind. Oftmals stehen die Arbeitnehmer selbst online parat. Im Schnitt schauen Mitarbeiter 40 bis 60 Mal am Tag auf ihre E-Mails. Wenn man gerade einen Text schreibt und dann auf die E-Mails schaut, braucht man gut drei bis fünf Minuten, um zu verstehen, wo man war. Am Nachmittag ist man dann unzufrieden mit dem Erreichten.

 

Haben Sie einen Tipp, wie man das ändern kann?

Hagemann: Feste Zeiten setzen und einen Plan erstellen. Die E-Mails würde ich erst nach dem Mittagessen checken. Das Handy würde ich aus dem Sichtfeld nehmen, sonst ist das so, als würde neben dem Bildschirm eine Katze sitzen, die einen ablenkt.

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