Stadtentwicklungsausschuss will Thema an Bezirksvertretung zurückverweisen – Abriss ist gestoppt
Rewe-Pläne werden in Senne neu beraten

Bielefeld (WB). -

Mit seinem Brillen-Studio ist Optiker Dirk Kleine-Flaßbeck vor einem Monat in ein Provisorium gezogen, bietet Brillen und Sehtests in einem Container neben der Windelsbleicher Straße 214 an. Ende dieses Jahres will er eigentlich in einen Neubau ziehen. Mit dem drohenden „Nein“ der Politik zum geplanten Nahversorgungszentrum in Senne könnte das Provisorium aber zur Dauerlösung werden.

Montag, 01.02.2021, 09:44 Uhr aktualisiert: 01.02.2021, 09:50 Uhr
Der Optiker ist bereits in einen Container umgezogen und wartet auf den Neubau nebenan. Der ist bereits genehmigt und sollte Ende 2021 fertig sein, nach dem Widerstand aus der Politik hat der Investor aber alle Arbeiten gestoppt. Foto: Peter Bollig

Der Optikermeister gehört zu den Leidtragenden der ebenso überraschenden wie verfahrenen Abstimmungslage. Wie berichtet, hatte die Bezirksvertretung durch ein Patt bei der Abstimmung den Bebauungsplan, der an der Win­delsbleicher/Ecke Friedrichsdorfer Straße einen Rewe-Markt sowie ein Gebäude für eine Sparkasse und ein weiteres für Optiker, Musikschule und Bäckerei vorsieht, abgelehnt. Obwohl die Genehmigung des Baugebiets nach jahrelanger Vorplanung und Zustimmung der Politik als Formsache galt, stimmten Linke, SPD und Grüne in Senne dagegen, tendierten sie auch für die Abstimmung im Stadtentwicklungsausschuss am Dienstag für ein „Nein“.

Dort wird das Thema jetzt aber von der Tagesordnung genommen und an die Bezirksvertretung zurückgegeben, wie Ausschussvorsitzender Frank Strothmann dem WESTFALEN-BLATT sagt. Offensichtlich gibt es Bedarf, sich weiter zu beraten und zu informieren. Dass es bei den politischen Gegnern da Defizite gibt, beklagte die Senner CDU, die in der Bezirksvertretung nur überstimmt wurde, weil die Fraktion nicht vollständig angetreten war.

Denn die Bedenken, die jetzt vorgebracht wurden, galten eigentlich als abgearbeitet: Die geforderte zusätzliche Wohnbebauung zum geplanten Gewerbe geht nach Angaben des Bauamtes in den beiden geplanten Geschäftsgebäuden an Friedrichsdorfer (Sparkasse) und Windelsbleicher Straße (Optiker, Bäcker, Musikschule) laut Lärmgutachten nicht. Und Wohnungen auf einer zweiten Etage auf dem Rewe wären zwar im Sinne der städtischen Strategie für neue Gewerbeflächen, würden aber den mit den Anwohnern erarbeiteten Konsens widersprechen. Auf die Zweigeschossigkeit sollte verzichtet werden, weil benachbarte Wohnhäuser verschattet würden. Sollte es jetzt zu einer Neuplanung kommen, müssten die Gebäude neu auf dem Gelände angeordnet oder Nachbarn belastet werden.

„Für uns gibt es keinen Weg zurück“

Als vorgeschoben gilt zudem die Klage, es würde nun zu viele Märkte in Senne geben, weil Aldi nicht ins neue Nahversorgungszentrum umziehen, sondern am alten Standort Marktplatz bleiben und stattdessen Rewe den Neubau übernehmen will. Denn auch bei einem Aldi-Umzug wäre wahrscheinlich ein weiteres Lebensmittelgeschäft in die Räume am Marktplatz eingezogen. Davon geht auch ein Gutachten zum Einzelhandel in Senne aus. Nach WESTFALEN-BLATT-Informationen hatte Filialist Lidl bereits angefragt, die Politik habe davon gewusst.

Die große Sorge der Betroffenen ist, dass Investor Halsdorfer + Ingenieure an den vorderen Gewerbegebäuden – die auch ohne neuen Bebauungsplan gebaut werden dürfen – nicht mehr interessiert sein könnte, wenn er in der Hinterbebauung nicht auch den Rewe-Markt verwirklichen kann. Projektentwickler Christian Rohde will sich dazu nicht äußern, sagt aber: „Wir haben alle Arbeiten gestoppt.“

Das erfüllt auch Optiker Kleine-Flaßbeck mit Sorge. „Für uns gibt es keinen Weg zurück“, denn an seinen früheren Räumen neben dem Container haben Halsdorfer + Ingenieure schon mit den jetzt gestoppten Abrissarbeiten begonnen, um Platz für den Neubau zu schaffen. Seit 26 Jahren ist sein Geschäft in Senne. „Die Planungen für den Umzug stehen“, es habe nie Signale gegeben, dass daraus nichts werden könnte. Um so überraschender kam auch für ihn das „Nein“ der Senner Politik. Er bekenne sich zum Standort, zumal dort der erste seiner fünf Läden liegt, müsse nun aber darauf hoffen, dass ihm seine Kunden auch in der Container-Lösung die Treue halten. Allzu lange dürfe das Provisorium also nicht andauern.

Musikschule sieht ihre Existenz bedroht

Die Musikschule sieht, wie berichtet, durch die politische Entscheidung ihre Existenz bedroht. Sparkassen-Sprecher Christoph Kaleschke hält sich mit Aussagen ebenso zurück wie Inhaber Martin Hensel, dessen Bäckerei-Kette im Neubau eine Filiale plant. Hensel: „Für uns ist es strategisch wichtig, dass da ein Nahversorgungszentrum kommt.“ Christoph Kaleschke betont, die Sparkasse stehe „hinter der Projektidee“, sehe den Mehrwert, wenn ein ganzes Versorgungszentrum entsteht und nicht nur eine Wohnbebauung mit einzelnen kleinen Läden.

Adolf Kampeter vom Hotel zur Spitze auf der anderen Seite der Win­delsbleicher Straße ist nur mittelbar betroffen, plant auf seinem Gelände aber den Abriss und einen Neubau für Rossmann: Es gebe zwar einen Vertrag mit der Drogeriemarkt-Kette, aber das Rewe-Projekt gegenüber „wird auch auf meine Seite ausstrahlen“. Er hat die Sorge, dass Rossmann ohne den Einzelhändler in seiner Nähe das Interesse am Standort verlieren könnte.

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